DER ERSTE HOLOCAUST

DER ERSTE HOLOCAUST JÜDISCHE SPENDENKAMPAGNEN MIT HOLOCAUST-BEHAUPTUNGEN IM ERSTEN WELTKRIEG UND DANACH Der Erste Holocaust Jüdische Spendenkampagnen mit Holocaust-Behauptungen im Ersten Weltkrieg und danach Don Heddesheimer Castle Hill Publishers PO Box 118, Hastings, TN34 3ZQ, UK Juli 2004 Don Heddesheimer: Der Erste Holocaust. Jüdische Spendenkampagnen mit Holocaust- Behauptungen im Ersten Weltkrieg und danach Hastings (East Sussex): Castle Hill Publishers, Juli 2004 ISBN: 1-902619-08-0 Englische Original-Ausgabe: HOLOCAUST Handbooks Series, vol. 6: Don Heddesheimer: The First Holocaust. Jewish Fund Raising Campaigns with Holo- caust Claims During and After World War One. Chicago (Illinois): Theses & Dissertations Press, Imprint of Castle Hill Publishers, October 2003 ISBN: 0-9679856-7-6 ISSN: 1529-7748 © by Don Heddesheimer Distribution Australia/Asia: Peace Books, PO Box 3300, Norwood, 5067, Australia Distribution Rest of World: Castle Hill Publishers UK: PO Box 118, Hastings TN34 3ZQ USA: PO Box 257768, Chicago, IL 60625 Set in Times New Roman. http://www.vho.org http://www.tadp.org 5 Inhaltsverzeichnis Seite Vorwort…………………………………………………………………………………7 Kapitel 1: Aktivitäten vor dem Ersten Weltkrieg…………………..21 Kapitel 2: Aktivitäten während des Ersten Weltkrieges…………39 Kapitel 3: Nachkriegskampagnen…………………………………………59 Kapitel 4: Die Kampagnen von 1926…………………………………….71 Kapitel 5: Auf der Spur des Geldes……………………………………….81 Kapitel 6: Die Spur führt weiter………………………………………….101 Anhang……………………………………………………………………………..117 Bibliographie……………………………………………………………………..168 Namensverzeichnis…………………………………………………………….171 7 Vorwort Von Germar Rudolf Bekanntlich wurden im Zweiten Weltkrieg etwa sechs Millionen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland getötet – so sagt man uns jedenfalls. Dieser Völkermord wird heute allgemein als der Holocaust oder die Shoah bezeichnet. Aber woher können wir wis- sen, daß sechs Millionen Juden ihr Leben verloren? Und seit wann wissen wir das? Während die erste Frage wohl durch demographische Forschun- gen über jüdische Verluste während des Zweiten Weltkrieges beant- wortet werden kann, muß die zweite Frage an die Historiker gerichtet werden. In bezug auf die erste Frage versuchten verschiedene Forscher, demographische Untersuchungen über die jüdischen Bevölkerungs- verluste während des Zweiten Weltkrieges durchzuführen – mit manchmal sich widersprechenden Ergebnissen –, aber erst 1991 er- schien in Deutschland eine größere Monographie, die sich dieser wichtigen Frage zuwandte. Sie wurde von anerkannten Fachleuten verfaßt und erschien in einem ebenso angesehenen Verlag. Es überrascht niemanden, daß das Ergebnis dieser umfassenden demographischen Studie bestätigte, was jedermann ohnehin schon wußte:1 »In der Gesamtbilanz ergibt das ein Minimum von 5,29 und ein Maximum von knapp über sechs Millionen [jüdischen Opfern des Holocaust]« Und obwohl die 6-Millionen-Zahl als eine höchst »symbolische Zahl«2 bezeichnet wurde, hat sie inzwischen einen beinahe sakro- sankten Status erreicht. Es ist klar, daß die massive soziale Ächtung und die Strafverfolgung, die jeder in Deutschland erlebt, der die 6- 1 W. Benz (Hg.), Dimension des Völkermords, München: Oldenbourg, 1991, S. 17. 2 So der etablierte deutsche Historiker Martin Broszat vom Münchner Institut für Zeitgeschichte in einer Aussage als Sachverständiger vor dem Frankfurter Schwurgericht am 3. Mai 1979, Az. Js 12 828/78 919 Ls. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 8 Millionen-Zahl anzweifelt, leugnet oder zu widerlegen trachtet,3 eine unsichtbare Richtschnur für diese Studie bildete, obwohl sich der Herausgeber des besagten Bandes, Prof. Dr. Wolfgang Benz, beeilte hervorzuheben:4 »Selbstverständlich hatte das Projekt auch nicht den Zweck, ir- gendwelche vorgegebenen Zahlen (“Sechs Millionen”) zu bewei- sen.« Aber ist das wirklich selbstverständlich, wenn man bedenkt, daß der Heilige Holocaust ohne jeden Zweifel das größte Tabu unserer Zeit darstellt? Ich habe die Benzsche Studie mit einer größeren revisionistischen Analyse der jüdischen Bevölkerungsverluste während des Zweiten Weltkrieges verglichen5 und darauf hingewiesen, daß die Arbeit von Benz so viele logische, methodische und systematische Mängel auf- weist, daß ihre Ergebnisse abzulehnen sind.6 Aber wenn es wahr ist, daß wir über keine verläßliche demogra- phische Studie verfügen, die zweifelsfrei zeigt, daß sechs Millionen Juden während des Zweiten Weltkrieges das Leben verloren, warum werden wir dann mit dieser 6-Millionen-Zahl konfrontiert? Wo kommt diese Zahl her? Wann wurde diese Zahl zum ersten Mal vor- gelegt? Der kürzlich verstorbene Dr. Joachim Hoffmann war der erste eta- blierte Historiker, der sich mit dieser Frage befaßte. In seiner Studie aus dem Jahr 1995, Stalins Vernichtungskrieg 1941-1945, wies er darauf hin, daß der sowjetische Haupt-Greuelpropagandist Ilja Eh- renburg die 6-Millionen-Zahl in der sowjetischen Auslandspresse be- reits am 4. Januar 1945 veröffentlicht hatte, d.h. ganze vier Monate vor Kriegsende.7 Zu jener Zeit konnten Ehrenburg keine demogra- 3 Vgl. hierzu meine Studie »Wo liegt Absurdistan«, in: G. Rudolf, Kardinalfragen an Deutschlands Politiker, Hastings: Castle Hill Publishers, 2004. 4 W. Benz, aaO. (Anm. 1), S. 20. 5 Walter N. Sanning, Die Auflösung de osteuropäischen Judentums, Tübingen: Grabert Verlag, 1983. 6 »Statistisches über dieHolocaust-Opfer: W. Benz und W.N. Sanning im Vergleich«, in Ernst Gauss (=Germar Rudolf, Hg.), Grundlagen zur Zeitgeschichte, Tübingen: Grabert Verlag, 1994, S. 141-168. 7 Stalins Vernichtungskrieg 1941-1945, München: Verlag für Wehrwissenschaften, 1995, S. 160f. In einer Neuauflage seines Buches weist er sogar einen noch frü- heren Termin nach: 22. Dez. 1944, vgl. ders., ebenda, 5. Aufl., München: Herbig 1999, S. 391. Vorwort, von Germar Rudolf 9 phischen Statistiken vorliegen. 1996 betonte der britische Historiker David Irving, daß einige Zionistenführer schon im Juni 1945, also unmittelbar nach Ende der kriegerischen Auseinandersetzungen in Europa, behaupteten, in der Lage zu sein, die genaue Zahl der jüdi- schen Opfer angeben zu können – natürlich 6 Millionen –, obwohl das zu jener Zeit in Europa herrschende Chaos jegliche demographi- sche Studien unmöglich machte.8 Andererseits haben sich revisionistische Forscher lange Zeit über die Herkunft der 6-Millionen-Zahl Gedanken gemacht, wobei die bekannteste und gründlichste Untersuchung von Prof. Dr. Arthur Butz stammt: sein epochales Werk Der Jahrhundert-Betrug.9 Butz fand bei der Analyse einer großen Anzahl von Artikeln aus der New York Times hinsichtlich der Verfolgung der Juden in den von Deutschland während des Zweiten Weltkrieges kontrollierten Teilen Europas mehrere Artikel, die eindeutig zeigen, daß bereits Ende 1942/Anfang 1943 jüdische Lobby-Gruppen in den Vereinigten Staa- ten einen Verlust von fünf bis sechs Millionen Juden bei Kriegsende voraussagten. Ich möchte hier einige dieser Artikel aus dem Buch von Butz zitieren: NYT, 30. Juni 1942, S. 7: »Laut Bericht 1.000.000 Juden durch Nazis abgeschlachtet«10 NYT, 3. September 1942, S. 5: »Ein europäischer Beobachter sagte, die Deutschen planten nicht nur die Vernichtung aller Juden in Europa, sondern in der ganzen Welt. Er sagte, die Nazis hätten in den vergangenen drei Jahren 2.000.000 Juden hingerichtet.«11 NYT, 13. Dezember 1942, S. 21: »[…] Bestätigte Berichte weisen auf 2.000.000 Juden hin, die be- reits auf alle Art satanischer Barbarei abgeschlachtet wurden, und auf Pläne für die vollständige Vernichtung aller Juden, derer die Na- zis habhaft werden können. Das Abschlachten eines Drittels der jü- 8 David Irving, Nürnberg – die letzte Schlacht, Tübingen: Grabert Verlag, 1996, S. 86f. 9 Richmond: Historical Review Press, 1977 (engl. The Hoax of the Twentieth Cen- tury Brighton: Historical Review Press, 1976). Alle nachfolgenden Zitate sind neu übersetzt. Seitenangaben beziehen sich auf diese dt. Ausgabe. 10 Ebenda, S. 93. 11 Ebenda, S. 94. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 10 dischen Bevölkerung in Hitlers Herrschaftsbereich [3 × 2.000.000 = 6.000.000] und das angedrohte Abschlachten aller ist ein Holocaust ohne Parallele.«12 NYT, 20. Dezember 1942, S. 23: »Was geschieht mit den 5.000.000 Juden im von Deutschland be- setzten Europa, denen allen die Vernichtung droht […]. Im Dezember 1942 gab das Außenministerium in Washington ei- nige Zahlen bekannt, die zeigen, daß die Zahl der jüdischen Opfer, die seit 1939 im von der Achse kontrollierten Europa deportiert wurden und verstarben, nun die erschreckende Zahl von 2.000.000 erreicht hat und daß 5.000.000 die Gefahr der Vernichtung droht.«13 NYT, 2. März 1943, S. 1, 4: »Sofortiges Handeln durch die Vereinten Nationen, um so viele der 5 Millionen Juden wie möglich zu retten, die von der Vernich- tung bedroht sind, […] wurde bei einer Massendemonstration […] in Madison Square Garden letzte Nacht gefordert. […Rabbi Hertz sagte] “erschreckend ist die Tatsache, daß dieje- nigen, die die Vier Freiheiten verkünden, bisher sehr wenig getan haben, um auch nur das Lebensrecht ihrer 6 Millionen jüdischen Volksgenossen zu sichern, durch die Bereitschaft, diejenigen zu ret- ten, die noch der Tortur und dem Abschlachten durch die Nazis ent- kommen könnten […]”«14 NYT, 10. März 1943, S. 12: »40.000 Menschen hörten und sahen […] letzte Nacht zwei Auf- führungen von “We Will Never Die”, einem dramatischen Massen- gedenken an die 2.000.000 Juden, die in Europa getötet wurden. […] Der Sprecher sagte “Wenn der Frieden kommt, wird es in Euro- pa keine Juden mehr geben, die repräsentiert werden können. Die 4 Millionen, die noch nicht getötet sind, werden jetzt planmäßig um- gebracht.”«15 12 Ebenda, S. 95. 13 Ebenda, S. 97f. 14 Ebenda, S. 98. Es handelt sich um denselben Rabbi Hertz, der schon 1922 be- hauptet hatte, in der Ukraine seien »1.000.000 Menschen […] abgeschlachtet« worden, New York Times, 9.1.1922, S. 19; siehe S. 68 und Anhang, S. 148. 15 Ebenda, S. 99. Vorwort, von Germar Rudolf 11 NYT, 20. April 1943, S. 11: »London, 19. April (Reuter) – Zwei Millionen Juden sind ausge- löscht worden, seit die Nazis ihren Marsch durch Europa 1939 be- gannen, und weiteren fünf Millionen droht unmittelbar die Gefahr der Vernichtung. Diese Zahlen wurden im sechsten Bericht über die Verhältnisse in besetzten Gebieten offenbart, der durch das Interalli- ierte Informationskomitee herausgebracht wurde.« Folglich kommt Butz in seinem Buch zur Schlußfolgerung:16 »Ein weiterer Punkt, der hier hervorgehoben werden sollte […], ist, daß die Zahl 6 Millionen offenbar ihren Ursprung in der Propa- ganda der Jahre 1942 und 1943 hatte.« Butz zeigt auch, daß die Urheber dieser Artikel jüdische zionisti- sche Lobbygruppen waren, wie etwa der World Jewish Congress und derAmerican Jewish Congress. Zunächst wurden ihre Behauptungen in Washington nicht ernst genommen, bis es Henry Morgenthau vom US-Finanzministerium schaffte, den Einfluß des US-Außenministe- riums auf die offizielle US-Politik zurückzudrängen.17 Aber auch der umfassende Ansatz von Butz ging noch immer nicht weit genug. Lassen Sie mich zunächst noch sechs Jahre weiter zurückgehen. Am 25. November 1936 sagte Chaim Weizmann, da- mals Präsident der World Zionist Organization, vor der Peel Com- mission aus, die als Reaktion auf gewalttätige Zusammenstöße zwi- schen Juden und Arabern in Palästina gebildet worden war und die schließlich entschied, Palästina in einen jüdischen und einen arabi- schen Staat zu teilen. Weizmann sagte in seiner Rede:18 »Es ist keine Übertreibung zu sagen, daß in diesem Teil der Welt sechs Millionen verurteilt sind, eingesperrt zu sein, wo man sie nicht wünscht, und für welche die Welt eingeteilt ist in Länder, wo sie nicht leben können, und Länder, in die sie nicht zugelassen werden.« Daß Weizmanns Bezugnahme auf sechs Millionen bedrohte und/oder leidende Juden weder eine Ausnahme noch in irgendeiner Weise die früheste Bezugnahme auf diese Zahl darstellt, wird nun durch Don Heddesheimer gezeigt. Er hat umfangreiches Material ge- sammelt, das zeigt, daß die im Zweiten Weltkrieg von zionistischen 16 Ebenda, S. 100. 17 Vgl. Butz, ebenda, Kapitel III, ab S. 79 seines Buches. 18 Walter A. Berendsohn in der Einleitung zu Thomas Mann, Sieben Manifeste zur jüdischen Frage, Darmstadt: Jos. Melzer Verlag, 1966, S. 18. Ich danke R.H. Countess, der mich hierauf aufmerksam gemacht hat. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 12 Organisationen in Gang gesetzte Propaganda nicht zum ersten Mal auftauchte. Tatsächlich handelt es sich lediglich um eine Wiederho- lung – oder gar Fortsetzung? – von Propaganda, die im Ersten (!) Weltkrieg zunehmend verbreitet wurde und ihren ersten Höhepunkt nach 1920 erreichte. Schon damals wurde die Zahl von fünf bis sechs Millionen Juden, die durch den Tod bedroht seien, weitläufig veröf- fentlicht und als Mittel zum Zweck eingesetzt: nämlich für die unkri- tische Unterstützung jüdischer und zionistischer politischer Ziele.19 Doch damit nicht genug: Heddesheimer fand sogar eine Quelle aus dem Jahr 1900, die behauptete, sechs Millionen leidende Juden seien ein gutes Argument für den Zionismus (vgl. S. 51). In dieser Einleitung habe ich mehrere Artikel aus der New York Times aus den Jahren 1942 und 1943 zitiert, denn ich möchte gerne, daß der Leser nach der Lektüre des Buches zu diesen Seiten zurück- kehrt und diese Artikel noch einmal liest. Er wird dann die Ähnlich- keit der Thematik bemerken. Aber er wird auch einen Unterschied bemerken: Das nationalsozialistische Deutschland, dessen antijüdische Poli- tik alle möglichen Anschuldigungen glaubhaft klingen ließ, gab für die zionistischen Lobbygruppen im Zweiten Weltkrieg ein sehr be- quemes Ziel ab. Vor, in und unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg war die Situa- tion jedoch komplexer. Wie Heddesheimer zeigt, war in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg das zaristische Rußland wegen seiner Ju- denpolitik, die von den meisten Zionisten als antijüdisch eingestuft wurde, das Hauptziel polemischer Angriffe. Als die Niederlage des zaristischen Rußland nach 1916/1917 offenbar wurde, wechselte die zionistische Propaganda ihr Angriffsziel auf Deutschland (vgl. S. 48f.), dessen Alliierter, das Osmanische Reich (die Türkei), geschla- gen werden mußte, um Palästina für zionistische Pläne zu “befreien” (und natürlich, um Milliarden von Dollar zu sichern, die man den Engländern und den Franzosen geliehen hatte). Solche propagandi- stischen Anklagen gegen Deutschland hörten jedoch bei Kriegsende auf, weil Deutschland in jenen Jahren willens und in der Lage war, sich gegen solche Lügen-Propaganda zu wehren. 19 Don Heddesheimer veröffentlichte früher einen kürzeren Artikel über dieses The- ma: »Der Erste Holocaust anno 1914-1927«, Vierteljahreshefte für freie Ge- schichtsforschung 3(2) (1999), S. 153-158; Engl.: »Holocaust Number One – Fundraising and Propaganda«, The Barnes Review, 3(2) (1997), S. 19-24. Vorwort, von Germar Rudolf 13 Nach dem Ersten Weltkrieg, als die zionistischen Palästina- Träume zunächst enttäuscht wurden aber durch das sowjetische Ex- periment in Rußland neue Hoffnung aufgekommen waren, wurde zu- nächst kein bestimmtes Land ins Visier genommen, obwohl es ein perfektes Ziel gab: Polen. Zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg war Polen eine Militärdiktatur, deren Politik es war, Druck auf alle nicht-polnischen Minderheiten auszuüben, die verschiedenen Arten von Verfolgung und Diskriminierung ausgesetzt wurden, um sie davon zu “überzeu- gen”, daß sie auswandern sollten (etwa wie es Israel heutzutage in Palästina gegenüber Nichtjuden macht). Die Juden in Polen waren von dieser Behandlung nicht ausgenommen. Tatsächlich war der of- fizielle und inoffizielle polnische Antijudaismus so massiv, daß viele polnische Juden es bis Ende 1938 vorzogen, in Deutschland, also im Dritten Reich zu leben, statt in ihrem Heimatland zu bleiben. Es gab folglich genug Anlaß, Polen wegen seiner wilden antijüdi- schen Haltung massiv anzugreifen, so wie es Gründe gab, Deutsch- land anzugreifen, nachdem Adolf Hitler dort an die Macht gekom- men war und Schritt für Schritt eine Politik durchsetzte, die zuneh- mend mit der in Polen vergleichbar war. Obwohl gezeigt werden kann, daß die New York Times in vielen Artikeln Polen eine antijüdische Verfolgung vorwarf – während diese Zeitung im Wesentlichen zu den vergleichbaren Verfolgungen schwieg, unter denen die in Polen lebenden Deutschen, Litauer, Rut- henen, Ukrainer und Slowaken litten – konzentriert sich Heddeshei- mer nicht auf diesen Aspekt, weil sein Buch nicht das Leiden und die Verfolgung der Juden in Osteuropa zum Thema hat, sondern die Pro- paganda und das Geldsammeln in New York. Ich möchte daher die Aufmerksamkeit des Lesers auf einige Beispiele aus Artikeln in der New York Times lenken, in denen die antijüdische Verfolgung in Po- len angesprochen wird. Schon 1919 erschien ein Bericht über angebliche antijüdische Po- grome in Polen in der New York Times, aber mit einem sehr ironi- schen Unterton, weil man in den Redaktionsstuben offenbar die Wahrheit dieser Berichte anzweifelte:20 »Es ist darauf hingewiesen worden, daß einige dieser Berichte von deutschen Propagandisten stammen oder von ihnen übertrieben 20 »Pogroms in Poland«, New York Times, 23. Mai 1919, S. 12. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 14 sein könnten mit dem offensichtlichen Ziel, Polen bei den Alliierten zu diskreditieren, in der Hoffnung, daß Deutschland hieraus Gewinn ziehe. Deutschland könnte an der Verbreitung dieser Berichte mit- gewirkt haben, es könnte sie erfunden haben, obwohl es ein grausa- mer Betrug wäre, so großen Menschenmengen um eines solchen Zie- les willen ins Herz zu schneiden […]« Falsche Behauptungen über jüdisches Leiden wären in der Tat grausam, und es ist sicherlich nett, dies von der ursprünglichen Quel- le zu hören. Es ist jedoch beunruhigend, wenn solche Anschuldigun- gen gegen die Falschen gerichtet werden, so wie in diesem Fall, wo dieNew York Times offenbar ihre Voreingenommenheit nicht unter- drücken konnte, potentiell den “bösen Deutschen” hinter allem zu sehen. In manchen Artikeln, die während der 20er Jahre die Leiden des polnischen Judentums behandelten, wurden diese Härten interessan- terweise als Folgen der allgemeinen Wirtschaftsprobleme in Polen nach dem Ersten Weltkrieg eingestuft, statt als Folge irgendeiner spezifisch anti-jüdischen Politik.21 Andere Beiträge berichteten, ins- besondere während der 30er Jahre, als die polnische Politik repressi- ver wurde, über antijüdische Verfolgungen, die einen öffentlichen Protest von Dr. Joseph Tenenbaum auslösten, dem Vorsitzenden des American Jewish Congress.22 Darin machte er aber auch einige dra- matisch übertriebene Behauptungen über das Leiden der Juden.23 »Das jüdische Volk in der ganzen Welt geht einem Vernichtungs- krieg entgegen, erklärte Dr. Tenenbaum in einer Ansprache […]« Dies geschah etwa ein Jahr, bevor Adolf Hitler zum Kanzler von Deutschland gewählt wurde! Obwohl Polen durch seine gegen Minderheiten gerichtete Politik im allgemeinen und seine anti-jüdische Politik im besonderen, die gleich nach der Staatsgründung 1918/1919 begann, zu einem perfek- ten Ziel für Kritik wurde, ist dieser Aspekt der polnischen Geschichte heute fast vergessen. 21 Z.B., »Jews of Poland Again Face Period of Want«, New York Times Sunday Magazine, 28. Mai 1926, S. 8. 22 »Tenenbaum quits Polish Group Here. Charges Anti-Semitic Policy Abroad in Resigning as Head of Good-Will Committee«, New York Times, 20. November 1931, S. 26. 23 »Racial Bias Viewed as Threat to Peace«, New York Times, 22. Februar 1932, S. 20. Vorwort, von Germar Rudolf 15 Wie wir heute wissen, erfolgte das größte Leiden der Menschheit zwischen den beiden Weltkriegen in der Sowjetunion, so daß man erwarten würde, daß die zionistischen Organisationen den Roten Ter- ror als einen Hauptgrund für die behaupteten Leiden der Juden Ost- europas anführen würden. Aber dies geschah erst später. Der Grund hierfür kann aus einem Beispiel abgeleitet werden, das ein bezeich- nendes Licht darauf wirft, wie die New York Times die Situation der Juden in der Sowjetunion einstufte. Ende 1922 berichtete diese Zei- tung, es gäbe einige Feindseligkeiten gegen Juden in der Ukraine. Diese seien allerdings gewaltsam mit Hilfe einer jüdischen Armee von angeblich 500.000 Soldaten beendet worden, also einer Armee, wie sie nur mit der Zustimmung der neuen sowjetischen Behörden gebildet und unterhalten werden konnte.24 Mit anderen Worten: An- gesichts des Schreckens, den bewaffnete wie unbewaffnete Einheiten der sowjetischen Machthaber unter der Zivilbevölkerung der frühen Sowjetunion im allgemeinen und in der Ukraine im besonderen ver- breiteten, muß angenommen werden, daß diese jüdische Armee ein wichtiger Faktor war, der diesen Terror verursachte, anstatt die Be- völkerung dagegen zu verteidigen. Und die New York Times stellte diesen wichtigen Teil des Roten Terrors als heroische, gerechtfertigte jüdische Selbstverteidigung dar. Man kann diese Haltung verstehen, wenn man sich vor Augen führt, daß viele zionistischen Juden die neue Sowjetunion als ein jüdisch dominiertes und kontrolliertes Ex- periment eines jüdisch geführten Landes einstuften, das frei von An- tijudaismus war.25 Ein weiterer Punkt der Geschichte geht dem Geld nach, das bei diesen Spendenkampagnen eingesammelt wurde. Im fünften Kapitel 24 »South Russian Jews Raise Strong Army«, New York Times, 20. Dezember 1922. Es ist möglich, daß diese Behauptung selbst eine Übertreibung ist, wenngleich es durchaus wahrscheinlich ist, daß Juden den Streitkräften der frühen Sowjetunion eher beitraten als die Nichtjuden. 25 Vgl. dazu Sonja Margolina, Das Ende der Lügen, Berlin: Siedler, 1992; vgl. auch die neueren Untersuchungen von Johannes Rogalla von Bieberstein, Jüdischer Bolschewismus: Mythos und Realität, Dresden: Edition Antaios, 2002; Alexander Solschenizyn, Zweihundert Jahre zusammen. Die russisch-jüdische Geschichte 1795-1916, München: Herbig, 2003; ebenso: Nikita Petrov, »Veränderungsten- denzen im Kaderbestand der Organe der sowjetischen Staatssicherheit in der Stalin-Zeit«, Forum für osteuropäische Ideen- und Zeitgeschichte, 5(2) (2001); zuammenfassend: G. Rudolf, »Juden im NKWD von Stalins Sowjetunion«, Vier- teljahreshefte für freie Geschichtsforschung 8(2) (2004), S. 233-235. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 16 spricht Heddesheimer diese Frage an. Die Literatur, die er zitiert, zeigt, daß jüdische Organisationen in der Tat etwas von diesem Geld dazu verwendeten, um der jüdischen Bevölkerung in Polen zu helfen. Aber sehr unschön ist, daß es auch dazu diente, Mittel zu beschaffen, um verschiedene Aktivitäten der jüdisch dominierten kommunisti- schen Revolution in Rußland zu fördern oder, mit anderen Worten, um bewußt oder unbewußt den jüdisch-sowjetischen Holocaust ge- gen Christen in Rußland, in der Ukraine und all den anderen Ländern der Sowjetunion zu bezahlen. Im Gegensatz dazu zielte die zweite großangelegte zionistische Spenden- und Unterstützungskampagne während des Zweiten Welt- krieges auf die Schaffung des Staates Israels ab. Diese Propaganda hat bis heute nicht aufgehört, und zwar erstens, weil Israel ständig Bedarf für massive Unterstützung hat, wohingegen die Sowjetunion keine solche Unterstützung erhielt, nachdem sie unter Stalin weitge- hend entjudaisiert worden war. Und zweitens, weil Deutschland nach dem Krieg völlig zusammenbrach und ihm niemals gestattet wurde, sich gegen diese zionistischen Propagandabehauptungen zu wehren. Ganz im Gegenteil: Es ist in Deutschland und in vielen anderen eu- ropäischen Ländern per Gesetz strafbar, diese Behauptungen in Zweifel zu ziehen. In seinem letzten Kapitel untersucht Heddesheimer kurz, ob die Behauptungen über außerordentliche jüdische Leiden, die von zioni- stischen Lobbygruppen nach dem Ersten Weltkrieg aufgestellt wur- den, auf Fakten beruhen. Litten Juden in Mittel- und Osteuropa mehr als die Durchschnittsbevölkerung in diesen Ländern, die nach dem Ersten Weltkrieg zusammengebrochen waren? Drohte oder erfolgte tatsächlich ein Holocaust in den Jahren zwischen 1915 und 1927? Unter Heranziehung zeitgenössischer jüdischer Bevölkerungsstatisti- ken führt Heddesheimer kurz aus, daß die jüdische Bevölkerung während des Ersten Weltkrieges und kurz danach weltweit viel schneller wuchs als andere religiöse und/oder ethnische Gruppen, die in den gleichen Ländern lebten. Dies sollte ausreichen, um die oben gestellten Fragen zu beantworten. Man kann zudem wohl davon ausgehen, daß diese ersten Holo- caust-Behauptungen, falls sie denn wahr gewesen wären, unsere Ge- schichtsbücher als “der erste Holocaust” beherrschen würden. Aber Vorwort, von Germar Rudolf 17 da dort nichts darüber zu finden ist, dürfen wir zu Recht annehmen, daß diese Propaganda unwahr ist. Zum Abschluß meines Vorworts möchte ich noch kurz auf die Gründe des angeblichen jüdischen Leidens gemäß den beiden Holo- caust-Propagandabehauptungen eingehen. Während als Hauptgrund für den (erfundenen) ersten Holocaust im wesentlichen einfach Ar- mut angegeben wird, waren angeblich Massenmord durch Gaskam- mern und Hinrichtungen die Mittel während des zweiten, des wirkli- chen Holocaust. Obwohl Behauptungen über Gaskammern nicht Teil des Propa- gandaklischees nach dem Ersten Weltkrieg waren, ist hiervon eine Ausnahme bekannt, die durch den Londoner Daily Telegraph am 22. März 1916 auf S. 7 veröffentlicht wurde: »GEWALTTATEN IN SERBIEN 700.000 Opfer VON UNSEREM EIGENEN KORRESPONDENTEN ROM, Montag, (18.45 Uhr) Die Regierungen der Alliierten haben Beweise und Dokumente gesichert, die in Kürze veröffentlicht werden und beweisen, daß Österreich und Bulgarien schrecklicher Verbrechen in Serbien schuldig sind, wo die begangenen Massaker schlimmer waren als diejenigen, die die Türkei in Armenien begangen hatte. […] Frauen, Kinder und alte Männer wurden durch die Österrei- cher in Kirchen eingeschlossen und entweder mit dem Bajonett er- stochen oder durch erstickendes Gas erstickt. In einer Kirche in Bel- grad wurden auf diese Weise 3.000 Frauen, Kinder und alte Männer erstickt. […]« Natürlich behauptet heute kein Historiker, daß die Österreicher oder irgendeiner ihrer Verbündeten jemals im Ersten Weltkrieg durch Giftgas Massenmorde in Serbien verübt haben. Dies war nichts ande- res als Greuelpropaganda, die von der britische Regierung fabriziert und durch die Massenmedien eifrig weiterverbreitet wurde. Aber vergleichen Sie dies mit einem Artikel, der im gleichen Londoner Daily Telegraph am 25. Juni 1942 auf S. 5 erschien, d.h. fünf Tage bevor die in jüdischem Besitz befindliche und jüdisch be- herrschteNew York Times zum ersten Mal über die angeblichen Mas- senmorde an Juden im deutsch beherrschten Europa berichtete: Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 18 »DEUTSCHE ERMORDEN 700.000 JUDEN IN POLEN REISENDE GASKAMMERN DAILY TELEGRAPH REPORTER »Mehr als 700.000 polnische Juden wurden von den Deutschen im größten Massaker der Weltgeschichte abgeschlachtet. […]« Wir wissen freilich alle, daß diese Behauptungen diesmal stimm- ten, nicht wahr? Und es ist genauso wahr, daß heutzutage keiner ir- gendein Land der Welt ernsthaft beschuldigen würde, am Ende des 20. Jahrhunderts Gaskammern gebaut und Zyklon B gelagert zu ha- ben, um damit alle Juden umzubringen, daß die Juden also ein weite- res Mal durch einen Holocaust, eine Ausrottung von Millionen be- droht seien. Das war doch etwas einzigartig Deutsches und “Nazi”- haftes, das nicht wieder vorkommt, nicht wahr? Wenn Sie glauben, es sei ganz offensichtlich, daß niemand mehr solche ungeheuerlichen Behauptungen aufstellt, so muß ich Ihnen ei- ne weitere erstaunliche Lektion erteilen: Lassen Sie mich nur zwei Beispiele anführen aus einem Krieg, der fast 50 Jahre nach dem Be- ginn der zweiten Holocaust-Propaganda stattfand, im Jahre 1991. Es handelt sich dabei um Amerikas ersten Krieg gegen den Irak, um die irakischen Truppen aus dem Kuwait zu vertreiben. Die in New York erscheinendeJewish Press, die sich damals selbst als »die größte un- abhängige anglo-jüdische Wochenzeitung« bezeichnete, schrieb auf ihrer Titelseite am 21. Februar 1991: »IRAKIS HABEN GASKAMMERN FÜR ALLE JUDEN« Oder man nehme die Überschriften auf der Titelseite der ersten Ausgabe des Jahres 1991 (12. Jahrgang) der Zeitschrift Response, ei- nem vom jüdischen Simon-Wiesenthal-Zentrum in Los Angeles ver- legten Periodikum mit einer verteilten Auflage von 381.065 Exem- plaren: »DEUTSCHE PRODUZIEREN ZYKLON B IM IRAK (Iraks von Deutschen gebaute Gaskammer)« Wenn Sie es nicht glauben wollen, so schlagen Sie den Anhang auf, S. 166f., wo wir die besagten Dokumente wiedergegeben haben. Ich hoffe, daß Sie ein Gefühl dafür bekommen, was sich hier ab- spielt: 1900, 1916, 1926, 1936, 1942, 1991… 1991 war freilich wiederum alles erfunden, wie auch die späteren Behauptungen vor Amerikas zweitem Krieg gegen den Irak im Jahr Vorwort, von Germar Rudolf 19 2003, daß der Irak Massenvernichtungswaffen besitze oder bald be- sitzen würde – wobei diesmal allerdings die “Massenvernichtungs- waffe” Gaskammer bzw. Zyklon B nicht erwähnt wurde. Aber wie Is- raels bekannte Tageszeitung Ha’aretz stolz verkündete:26 »Der Krieg im Irak wurde von 25 neokonservativen Intellektuel- len ausgeheckt, die meisten davon Juden, die Präsident Bush drän- gen, den Gang der Geschichte zu ändern.« Weil ja, wie wir alle wissen, die Juden in Israel einen präventiven Schutz vor einer Ausrottung mit Massenvernichtungswaffen verdie- nen – mit oder ohne Gaskammern und Zyklon B, ob diese Bedro- hungen nun erfunden sind oder nicht… Vielleicht sind also doch nicht alle Behauptungen bezüglich der Ereignisse zwischen 1941 und 1945 vollständig wahr? Vielleicht ist es doch möglich, daß gewissen Dinge verdreht, verzerrt, übertrieben, erfunden wurden? Vielleicht… Wenn der geneigte Leser inzwischen die Möglichkeit eines Zwei- fels sieht, so kann ich ihn nur dazu einladen, die Argumente derer nachzulesen, die tatsächlich meinen, daß viele Dinge in Sachen “Ho- locaust” verdreht, verzerrt, übertrieben, erfunden wurden. Wenn Ih- nen Heddesheimers Buch die Augen öffnet, wovon ich überzeugt bin, dann darf ich Sie herzlich dazu einladen, noch weitaus faszinie- rendere Enthüllungen zu entdecken, indem Sie sich am Ende dieses Buches über weitere Bücher hierzu zu informieren. Ich glaube, daß Don Heddesheimers Buch einen sehr wichtigen Beitrag zu unserem Verständnis der Ursprünge der heutigen jüdi- schen Holocaust-Behauptungen darstellt. Diese Behauptungen sind weder primär angelsächsisch noch sowjet-kommunistisch. Die sieg- reichen Nationen des Zweiten Weltkrieges ergriffen sicher die Gele- genheit, derartige Propaganda auszunutzen und deren Ausmaß und Auswirkungen zu vergrößern. Aber die ursprünglichen Propaganda- behauptungen sind jüdisch-zionistischer Natur und Teil eines Propa- gandamusters, das bis zum Anfang des 20. Jahrhunderts zurück- reicht. Und sie haben seit damals aufgrund ihres politischen Erfolges und dem Fehlen jedes Widerstandes ständig zugenommen. 26 Ari Shavit, »White man’s burden«, Ha’aretz, 7. April 2003; http://www.haaretzdaily.com/hasen/pages/ShArt.jhtml?itemNo=280279; siehe auch Stephen J. Sniegoski, »Der Krieg gegen den Irak«Vierteljahreshefte für freie Geschichtsforschung, 7(3&4) (2003), S. 288-304. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 20 Dieses Buch sollte uns auch an die alte Weisheit erinnern: die Wahrheit ist immer das erste Opfer eines jeden Krieges. Es ist über- raschend, daß so viele Menschen diese Erfahrung zurückweisen, wenn es um den schlimmsten aller Kriege geht, den Zweiten Welt- krieg, in dem die Wahrheit so oft vergewaltigt und mit Füßen getre- ten wurde wie niemals zuvor in der Menschheitsgeschichte, was sich dann nach Kriegsende sogar noch steigerte. Ist es daher nicht auch wahrscheinlich, daß wir über diesen speziellen Krieg viel mehr ange- logen wurden und werden als bezüglich anderer Kriege – des Ersten Weltkrieges, des Korea-Krieges, des Vietnam-Krieges und den zwei Kriegen gegen den Irak – von denen wir alle wissen, daß gelogen wurde? »Nichts veranschaulichte den neuen Status der Juden deutlicher als die Reaktion des [US-]Senats auf die rumänischen Pogrome 1870. Die ersten Nachrichten, welche die USA erreichten, deuteten an, daß “Tausende” bei Aufständen Ende Mai getötet worden seien. Protestkundgebungen wurden in Indianapolis, Louisville und einem halben Dutzend weiterer Städte abgehalten. Nachdem Simon Wolf eine heftige Lobbytätigkeit entfaltet hatte, wurde die Angelegenheit durch Senator Oliver Morton von Indiana der Senatsversammlung vorgelegt. Morton verlas eine Erklärung der jüdischen Kundgebung von Indianapolis und forderte vom Senatskomitee für auswärtige Be- ziehungen, etwas zu unternehmen. Der Vorsitzende des Komitees, der Republikanerführer von Massachusetts, Charles Sumner, er- klärte der Kammer zurückhaltend, er “neige zu der Ansicht, daß die Berichte [über Massenmorde] zumindest grob übertrieben’ seien. In Erwiderung hierauf versicherte Senator Morton seinen Kollegen, seine Feststellung stamme von “Ehrenmännern von höchster Glaubwürdigkeit und Stellung, die eine sehr große und zahlreiche Menschengruppe in Indianapolis and in Indiana ver- träten”. Das war anscheinend ausreichend. Der Senat wies das Komitee für auswärtige Beziehungen an, die Sache mit dem Au- ßenministerium zusammen aufzugreifen. (Wie sich herausstellte, hatte Sumner recht gehabt: Die Zahl der Todesopferzahl der Auf- stände betrug Null.)«27 27 Jonathan Jeremy Goldberg, Jewish Power, Reading, Massachusetts: Addison- Wesley, 1996, S. 98f. 21 Kapitel 1: Aktivitäten vor dem Ersten Weltkrieg Das goldene Zeitalter der Zeitungen kam und verging. Vor dem Einfluß des Computers, bevor es Fernsehen und Radio gab, handel- ten politische Führer buchstäblich aufgrund dessen, was in den Zei- tungen geschrieben wurde. Deren Berichte und Stellungnahmen wurden viel ernster genommen als heute. Wenn es eine weniger zyni- sche und unschuldigere Zeit war, so war es auch eine Zeit einflußrei- cherer Zeitungen. Nur ein Beispiel. Einige Historiker bezichtigen die Hearst-Zeitungen, den spanisch-amerikanischen Krieg von 1898 aus- gelöst zu haben. Obwohl Zeitungen auch heute noch wichtig sind, waren sie im letzten Teil des 19. und während der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts die vorrangigen Meinungsbildner. Drei Kommentareder New York Times, die 1880 über die Deut- schen und die Juden veröffentlicht wurden, waren ziemlich voraus- schauend und sind ein geeigneter Ausgangspunkt. Ein Kommentar von 1880 lautete:28 »Der Krieg, der für einige Zeit zwischen den Deutschen und den Juden in Deutschland gewütet hat, scheint eher an Intensität zu ge- winnen, anstatt nachzulassen. Er ist mehr als ein beliebtes Vorurteil, er ist eine nationale Leidenschaft, und die fähigsten, ehrenhaftesten und gebildetsten Männer nehmen auf beiden Seiten daran teil. Für uns hier erscheint es seltsam, daß so ein Wettkampf zwischen Rassen in einem Land stattfinden kann, das von so viel Intelligenz und intel- lektuellen Ansprüchen gekennzeichnet ist, zudem im Jahr 1880. Das Verbrechen der Juden wird offenbar hauptsächlich in ihrem wirt- schaftlichen Wohlstand gesehen. In den Augen des Erfolglosen ist keine Sünde so groß wie der Erfolg. Es wird der Vorwurf erhoben, daß von den 600.000 Israeliten im Reich kaum welche in der Land- wirtschaft oder in handwerklichen Berufen beschäftigt sind, daß sie aber den Handel kontrollieren, die Geldmärkte beherrschen und das Land mit ihrer Gier und ihrem Zins auffressen. Sie unterscheiden sich physisch nicht vom Rest der menschlichen Familie. […] Wenn 28 New York Times, Leitartikel, 27. Februar 1880. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 22 die Juden in Deutschland arm wären, würden sie nicht angegriffen werden. Aber viele von ihnen sind sehr reich, und das ist ihr Verge- hen.« Zwei weitere Artikel aus dem Jahre 1880 über das gleiche Thema werden nachfolgend wiedergegeben:29 »THE [New York] TIMES hat mehr als einmal auf die Ungerech- tigkeit und Unzweckmäßigkeit des Vorurteils hingewiesen, das Deutschland gegen die Juden hat, und dessen Ausmaß praktisch ei- ner Verfolgung gleichkommt. Es gibt nicht viel mehr als 500.000 Ju- den im ganzen Reich, aber viele von ihnen leben in Preußen und ha- ben die Animosität der Masse der Einwohner erregt, nicht nur durch ihren Wohlstand, sondern auch durch ihre intellektuelle Macht und ihren moralischen Einfluß wie auch durch die herausragenden Stel- lungen, die viele von ihnen einnehmen. Die gewöhnlichen Leute, die in der Regel nie erfolgreich und daher enttäuscht und unzufrieden sind, beschweren sich darüber, daß sich die Juden dem Militärdienst und den meisten Bürgerpflichten entziehen und dennoch Vorrechte und Privilegien im Übermaß genießen. Sie bekommen wahrschein- lich nichts, was sie nicht verdient haben, und der Aufschrei gegen sie ist Teil des unauslöschlichen Vorurteils, das die Habenichtse immer gegen die Wohlhabenden hegen und hegen werden. In keinem Land Europas fördern die Juden die Humanität und den kulturellen Fort- schritt so aktiv wie in Deutschland. Der größere Teil der Professoren an den dortigen Universitäten waren und sind immer noch Juden, heißt es. Viele der ältesten Autoren, Journalisten, Komponisten, Künstler, Philosophen, Gelehrten, Weisen waren und sind weiterhin entweder von dieser begabten, vielfach verfolgten Rasse oder deren Nachkommen. NEANDER war jüdischer Herkunft wie auch GANS, und das gleiche kann von BERNARY, WEIL, BENFEY, STAHL, DERNBERG, VALENTIN, LAZARUS, HERZ und vielen anderen ge- sagt werden. Die Juden selbst sind natürlich über den Krieg, der ge- gen sie geführt wird, sehr aufgebracht und sagen mit Recht, daß sie so viel wie jeder Christ für die geistige, moralische und wirtschaftli- che Entwicklung Deutschlands getan haben und daß die Verfolgung, der sie ausgesetzt sind, in beschämendem Widerspruch zu dem an- sonsten toleranten und liberalen Geist der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts steht. Als Repräsentanten der Literatur, der Musik und des Theaters verweisen sie mit Stolz auf HEINRICH HEINE, BÖR- NE, ENSE, BERTHOLD AUERBACH, HENRIK HERTZ, JULES 29 Ebenda, 9. Dezember 1880. Kapitel 1: Aktivitäten vor dem Ersten Weltkrieg 23 JANIN, MENDELSSOHN, HALEVY, MEYER-BEER, MOSCHELES, JOACHIM, ERNST, RUBINSTEIN, GRISI, GIUGLINI, CZILLAC, RACHEL, ROTT, DESSOIR. Wenn die deutschen Juden lediglich Geld angehäuft hätten und die Großkapitalisten und Bankiers ge- worden wären, die sie sind, wäre der gegenwärtige Kreuzzug gegen sie weniger verwunderlich, als wenn man sich vor Augen führt, wie herausragend sie in allen Bereichen des Denkens und Lernens ge- worden sind. LEOPOLD ZUNZ sprach die Wahrheit, als er sagte: Wenn es im Leid Abstufungen gibt, hat Israel die höchste Stufe er- reicht. Wenn die lange Dauer der Leiden adelt und die Geduld, mit der sie ertragen werden, dann schlagen die Juden die Hochgebore- nen aller Länder. Wenn eine Literatur als reich eingestuft wird, die einige klassische Dramen aufweist, welcher Platz gebührt dann ei- ner Tragödie, die 1.500 Jahre währt und die durch die Helden selbst verfaßt und dargestellt wird?« Und 10 Tage zuvor:30 »Die Verfolgung der Juden in Preußen, angeführt durch den Geistlichen STOECKER und Prof. TREITSCHKE, weist die neue Si- tuation auf, daß die Juden in keiner Weise der christlichen Lehre zu- geneigt sind, die andere Wange darzubieten, um geschlagen zu wer- den, nachdem sie auf die eine Wange geschlagen wurden. Wenn dem Korrespondenten der London Times Glauben geschenkt werden darf, hat vor kurzem ein jüdischer Freiwilliger seinen Leutnant wegen ei- ner Beleidigung erschossen und ein jüdischer Reisender hat in einem öffentlichen Transportmittel einen Lehrer eines Gymnasiums mit dem Stock geschlagen. Ein jüdischer Student hat in Göttingen einen christlichen Kommilitonen in einem Duell getötet und ein jüdischer Händler hat einem christlichen Händler auf offenem Markt eine Ohrfeige gegeben. Die London Times macht klar, daß all diesen un- seligen Vorfällen ein ’Gewaltakt seitens des christlichen Gegners vorausging’. Dies zeigt nur, daß im deutschen Juden mehr Kampf- geist steckt, als man erwartet, und wir nehmen an, daß seine Glau- bensgenossen auf dieser Seite des Atlantiks eher darüber erfreut sind, daß er seinen Kampfgeist zeigt. Was die persönliche Courage anbelangt, ist es sehr dumm, von den Vorfahren her zu schließen, daß die Juden nicht ebenso mutig wie jede andere Rasse seien. Wäh- rend unseres eigenen Bürgerkriegs gab es sehr viele bewaffnete Ju- den auf beiden Seiten, und mehr als einmal hat man ihre Tapferkeit kommentiert. Bei einigen der letzten Indianergefechte wurden die 30 Ebenda, 29. November 1880, S. 4. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 24 Verdienste eines Juden, der ein Freiwilliger war, von dessen vorge- setzten Offizier wegen des Mutes und der Tapferkeit besonders her- vorgehoben. Gelegentlich gab es in unserer regulären Truppe Juden, die in allergrößtem Maße Feuerfresser waren. Capt. LEVY von der US-Marine war von dieser Art. Er war so sehr darauf erpicht, einen Mitmenschen auf dem Feld der Ehre zurückzulassen, daß er nie glücklicher war, als wenn er ein Duell mit Pistolen auf 10 Schritte hatte. In der englischen Marine wurde von jüdischen Offizieren manche sehr mutige und kaltblütige Tat vollbracht. Wenn man frei- lich auf brutale und niedrigste tierische Instinkte blickt, zeigen die Annalen des Preisrings viele fähige jüdische Boxer, die vor 40 Jah- ren jedermanns Kopf schlugen oder jede Menge von Schlägen selbst einsteckten und damit gleichrangig mit den berühmtesten christli- chen Boxern des alten Korinth einzustufen sind. Es ist also ein ziem- licher Fehler anzunehmen, ein Jude würde nicht kämpfen. Er wird nicht die Faust oder einen Stock benutzen, es sei denn, er wird einer eindeutigen Aggression ausgesetzt, aber wenn er sich im Recht wähnt, ist er ebenso heißblütig wie eine Person anderer Rasse. Wenn daher der Jude in Preußen zu einem Soldaten gemacht worden ist und den Angriffen der französischen Kavallerie widerstanden hat oder mit Berbern das Bajonett kreuzte, dann hat er einiges Vertrauen in seine eigene physische Kraft erworben und ist vor allem einige Selbstachtung im Hinblick auf seine Ehre gelehrt worden. Natürlich werden Faustkämpfe die Angelegenheit nicht regeln, aber ein gele- gentliches Scharmützel im guten englischen Stil und eine Demon- stration persönlichen Mutes seitens der Juden in Deutschland kann ihnen nicht schaden.« Die wohl erstaunlichste Konstante in den Artikeln des 19. Jahr- hunderts ist nach meiner Erkenntnis die, daß sie alle von dem selben Standpunkt aus geschrieben wurden, der heute in den Zeitungen ab- gedruckt wird. Hier ein weiterer Artikel aus den Jahren nach 1880, in dem ein Vertreter des American Hebrew interviewt wird und der ei- nen weiteren Einblick in die Situation der Juden im kaiserlichen Deutschland gewährt:31 »Die Juden gehören zuvorderst zu den besten Bürgern Deutsch- lands. Sie machen nicht nur große Fortschritte im Bereich der gei- stigen Tätigkeiten, sondern sie steigen mehr und mehr von was man als niedrige Stufen der Industrie und des Handels bezeichnen kann auf höhere und beachtenswertere Stufen auf. Sie dringen in großer 31 »Herr Lasker on German Jews«, New York Times, 26. August 1883. Kapitel 1: Aktivitäten vor dem Ersten Weltkrieg 25 Zahl in die juristischen Berufe, sie sind sogar überproportional bei den Gerichten vertreten. Bei ihren juristischen Kollegen sind sie we- gen ihrer Fähigkeiten und Ehrbarkeit hoch geachtet. Sie stoßen auf kein Hindernis, wenn sie sich bemühen, in die höchsten Positionen zu gelangen, die ihr Beruf bietet, es sei denn, daß die Regierung vor- sichtig ist, nicht zu viele jüdische Richter in einem bestimmten Bezirk zu berufen, um Vorurteilen und Mißstimmungen vorzubeugen, die durch Neid geweckt werden könnten. In gleicher Weise macht sich ihr Einfluß im medizinischen Bereich bemerkbar, und auf dem Gebiet der Wissenschaft ist ihre Position auffallend. An den Universitäten haben sie herausragende Stellungen inne und besetzen eine große Anzahl von Lehrstühlen. An den Universitäten gibt es viele Animosi- täten gegen die Juden. Obwohl zweifelsohne viele Juden in der deut- schen Presse beschäftigt sind und dort bedeutende Stellungen in den Redaktionen führender Zeitungen einnehmen, so ist doch ihre Zahl und ihr Einfluß stark übertrieben worden. Sie beherrschen die Pres- se sicher nicht so sehr wie in Österreich.« 1887 berichtete die New York Times, daß Londoner Juden im Schnitt mindestens 82 Pfund pro Person verdienten, wohingegen der Durchschnitt bei den Nichtjuden 35 Pfund betrug, d.h., daß die Juden zweieinhalb Mal reicher waren als die einheimische Bevölkerung. Die Zeitung schätzte auch, daß es für jüdische Männer in London ei- ne zwanzigfach höhere Wahrscheinlichkeit gab, mehr als 10.000 Pfund jährlich zu verdienen, sowie eine siebzigfach höhere Wahr- scheinlichkeit, mehr als 1.000 Pfund jährlich zu verdienen, und eine sechsfach höhere Wahrscheinlichkeit, mehr als 500 Pfund jährlich zu verdienen als die allgemeine Bevölkerung im Englischen König- reich.32 Es gab damals bemerkenswerte Extreme an Armut und Reichtum unter den Juden in London. Die Juden kümmerten sich um ihre eige- nen Armen, und es gab keine Juden, die in bezug auf ihren Unterhalt von staatlicher Hilfe oder nichtjüdischen karitativen Einrichtungen abhingen. Aber tatsächlich erhielt jeder dritte Jude in London Armen- fürsorge, jeder zweite Jude gehörte zur Klasse der Armen und jede zweite jüdische Beerdigung war nach Angaben des Berichts des Je- wish Board of Guardians von 1886 die eines Armen.33 32 »Jews and Gentiles in London«, New York Times, 20. Juni 1887 33 »Jewish Poverty and Wealth«, New York Times, 30. Mai 1887. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 26 Armenfürsorge hat in der jüdischen Gesellschaft eine lange Tradi- tion. Viele glauben, daß die großen Propheten des Alten Testaments den direkten Zusammenhang zwischen wirtschaftlicher Unterdrük- kung und Mangel klarstellten. Nach ihrer Vorstellung war Armut grundsätzlich eine Folge sozialer und wirtschaftlicher Ausbeutung. Die Ursache des Mangels führten sie auf den ungerechten Vorteil zu- rück, den sich der Starke gegenüber dem Schwachen verschafft. Öf- fentliche Fürsorge entstand im Bereich der Synagogen. Zu früheren Zeiten gab es im Tempel selbst einen Raum, wo der Gläubige unbe- obachtet für die jeweiligen Armen spendete. In alten Zeiten wurden Synagogen sogar als Orte des Obdachs und der Versorgung von Rei- senden genutzt.34 Etwas politischer formuliert sagte Theodor Herzl, der Vater des Zionismus:35 34 Ephraim Frisch, An Historical Survey of Jewish Philanthropy, New York: Mac- millan and Company, 1924. Ab Seite 62 führt das Buch die »Acht Stufen der Ar- menfürsorge» von Maimonides auf, »Portions of the Poor«, Kapitel 10, Absatz 7-14, von der höchsten zur niedrigsten: 1. Den höchsten Grad der Wohltätigkeit erreicht jemand, der sich um einen Is- raeliten kümmert, der verarmte, und ihm eine Spende oder einen Kredit gibt oder mit ihm eine Partnerschaft eingeht oder Arbeit für ihn findet, so daß er nicht um Hilfe bitten muß. 2. Der zweithöchste Grad von Wohltätigkeitspenden bestand darin, dem Armen Fürsorge zukommen zu lassen, ohne daß dieser wußte, von wem er sie er- hielt, wie etwa die Spende an einen öffentlichen Armenfonds, der von einer vertrauenswürdigen weisen Person verwaltet wird, die weiß, wie ordnungs- gemäß vorgegangen werden muß. 3. Weiter in absteigender Reihenfolge vom höchstem zum geringsten Ver- dienst. Dem Armen Wohltätigkeit gewähren, wo man den Empfänger kennt, aber er kennt den Geber nicht, wie etwa erlesene weise Männer, die heim- lich Geld an der Tür des Armen hinterlassen. 4. Spenden, wenn der Arme weiß, wer der Spender ist, aber der Spender weiß nicht, wer sein Geld erhielt. 5. Geben, ohne darum gebeten worden zu sein. 6. Geben, nachdem man darum gebeten wurde. 7. Weniger geben als sich geziemt, aber in einer angenehmen Art. 8. Die am wenigsten verdienstvolle Wohltätigkeit liegt vor, wenn man wider- strebend gibt. Wenn man diese Liste durchliest, kann man sich ausmalen, wie ein solches Glau- benssystem für Spendensammler nützlich sein konnte, die führende Positionen in der jüdischen Gemeinde inne hatten. 35 Theodor Herzl, The Tragedy of Jewish Immigration, New York: Zionist Organi- zation of America, 1920, S. 9. Kapitel 1: Aktivitäten vor dem Ersten Weltkrieg 27 »In alten Zeiten hatte man die jüdische Armenfürsorge an ver- schiedenen Orten eingerichtet, im wesentlichen um die Bedürfnisse derjenigen zu befriedigen, die von anderen Orten anreisten und durch Verfolgung vermögenslos geworden waren. Zu einem großen Teil bestand das Motiv in der Ungewißheit, daß der Fürsorgegeber von heute bald der Bettler von morgen werden könnte.« Es gab eine Zusammengehörigkeit aufgrund von Unglück, wenn nicht gegenwärtig, dann möglicherweise in der Zukunft. Im Jahr nach Inkrafttreten der Sozialgesetzgebung von 1880 behielten die deutschen Juden Tausende ihrer eigenen Wohltätigkeitsorganisatio- nen bei.36 DieAlliance Israelite Universelle wurde in Paris, Frankreich, ge- gründet. 1871 wurde die Anglo-Jewish Association of London ge- gründet, die mit dem Board of Deputies of British Jews kooperierte und hauptsächlich in dem Gebiet arbeitete, das heute als Naher Osten bezeichnet wird. Die Israelitische Allianz zu Wien mit Sitz in Wien wirkte hauptsächlich in der österreichischen Provinz Galizien, das heute ein Teil der Ukraine ist. Der Hilfsverein der deutschen Juden in Berlin wurde 1901 gegründet und befaßte sich hauptsächlich mit Problemen der Migranten, die sich auf der Durchreise durch Deutschland befanden. 1891 gründete Baron de Hirsch die Jewish Colonization Association, die schließlich 40 Millionen Dollar seines Geldes erhielt, um Juden in Osteuropa zu helfen und sie dazu zu er- muntern, Osteuropa zu verlassen und nach Amerika zu emigrieren.37 Im 19. Jahrhundert gewährten europäische philantropische Organisa- tionen wie der Baron de Hirsch Fund und die Alliance Israelite Hilfe für jüdische Einwanderer in die USA. New York City soll angeblich mehr arme Juden gehabt haben als jede andere Stadt in Europa. Die meisten der frühen jüdischen Amerika-Einwanderer waren deutscher Herkunft. Während sich viele als Geschäftsleute und Händler hervortaten, gab es auch einige politische Führer. Der erste jüdische Gouverneur war vermutlich Michael Hahn von Louisiana, der im Februar 1864 gewählt wurde und 1865 sein Amt niederlegte, um US-Senator zu werden. Edward S. Solomon wurde von Präsident Grant zum Gouverneur des Gebietes Washington ernannt (1870 – 36 Ron Chernow, The Warburgs – The Twentieth Century Odyssey of a Remarkable Jewish Family, New York: Random House, 1993, S. 43. 37 Oscar Handlin, A Continuing Task. The American Joint Jewish Distribution Committee 1914-1964, New York: Random House, 1964. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 28 1874). Andere frühe jüdische Gouverneure waren Franklin J. Moses von South Carolina, der in der Zeit nach dem Bürgerkrieg zwischen 1873 und 1875 wirkte, Alexander Moses von Idaho (1915-1919) und Simon Bamberger von Utah (1917-1921). 1931 wurde Julius Meier zum Gouverneur von Oregon und Arthur Seligman zum Gouverneur von New Mexico gewählt. Die Gründung des Bankhauses Kuhn & Loeb veranschaulicht vie- le Fälle von wirtschaftlichem Aufstieg. Abraham Kuhn und Solomon Loeb waren Schwager, deutsch-jüdische Herrenausstatter, die mit dem Verkauf von Uniformen und Decken an den Norden während des amerikanischen Bürgerkriegs ein Vermögen erworben hatten und dann nach New York zogen, wo sie 1867 das Bankhaus Kuhn & Lo- eb gründeten.38 Bald wurde Kuhn & Loeb de facto von Jakob Schiff geführt, einem gebürtigen Frankfurter, der in die Familie hineinge- heiratet hatte, indem er Salomon Loebs Tochter Theresa ehelichte. Schiffs Vorfahrens waren mit den Rothschilds verbunden39 und Schiff hatte vorher in Bankhäusern in Frankfurt, New York und bei der Warburg Bank in Hamburg40 gearbeitet, bevor er ein Angebot von Solomon Loeb annahm, in die Vereinigten Staaten zurückzukeh- ren, um Partner bei Kuhn & Loeb in New York zu werden. Schiff konzentrierte sich auf das, was damals der lukrativste Teil der Wall Street war: Die Finanzierung von Eisenbahnen. Schiffs Tochter heiratete im Alter von 19 Jahren Felix Warburg aus der Hamburger Bankiersfamilie, wo Schiff vorher gearbeitet hat- te. Paul Warburg, einer von Felix’ älteren Brüdern, heiratete Solomon Loebs jüngste Tochter aus dessen zweiter Ehe, zwanzig Jahre nach- dem Loebs Tochter aus erster Ehe Schiff geheiratet hatte.41 Jacob Schiff war somit nicht nur Felix Warburgs Schwiegervater, sondern auch Paul Warburgs Schwager, weil Pauls Frau Jacob Schiffs Halb- schwester war.41 Paul wie auch Felix Warburg waren zu verschiedenen Zeiten so- wohl im Bankhaus Kuhn & Loeb in New York als auch im Hambur- ger Bankhaus M. M. Warburg Partner, wobei letzteres durch einen äl- 38 R. Chernow, aaO. (Anm. 36), S. 48. 39 Ebenda, S. 46. 40 Naomi W. Cohen, Jacob H. Schiff, A Study in American Jewish Leadership, Hanover, NH: Brandeis University Press, University Press of New England, 1999. 41 R. Chernow, aaO. (Anm. 36), S. 46-56. Kapitel 1: Aktivitäten vor dem Ersten Weltkrieg 29 teren Bruder, Max Warburg, geleitet wurde. Paul Warburg arbeitete aktiv in beiden Banken, indem er etwa sechs Monate im Jahr in Hamburg verbrachte und den Rest des Jahres in New York, bevor er sich in New York niederließ und schließlich im Jahr 1911 US-Bürger wurde. Zur Verwunderung Vieler wurde Paul Warburg, der nie an ei- ner amerikanischen Präsidentschaftswahl teilgenommen hatte, 1914 von Präsident Woodrow Wilson zur US-Notenbank berufen, dem Fe- deral Reserve Board. 1903 war Jacob Schiff zu einer wichtigen Führungspersönlichkeit in der New Yorker Gemeinde geworden. Damals gab es angeblich in Rußland ein Pogrom, das die halboffizielle Billigung der zaristischen Regierung hatte. Dies führte zu vielen öffentlichen Veranstaltungen in Städten überall in den Vereinigten Staaten. Tausende von Men- schen unterzeichneten eine Protestnote, die Präsident Theodore Roo- sevelt der russischen Regierung übermittelte. Amerikanische Juden sammelten außerdem 100.000 Dollar für die Opfer. Dies führte zu einem Rückfluß von Fürsorgegeldern aus Amerika nach Europa. Im Herbst 1905 kam es in Rußland zu allgemeinen Unruhen und zu Be- richten über deren Niederschlagungen, was eine direkte Folge der Notlage aufgrund des Russisch-Japanischen Krieges sowie der Iden- tifizierung einiger russischer Juden mit radikalen und reformistischen Ansichten war. Abermals wurden in den USA Protest-Demonstra- tionen durchgeführt, und diesmal sammelten amerikanische Juden 1.2 Millionen Dollar von Tausenden von Spendern. Jacob Schiff, An- führer der jüdischen Gemeinde in New York, die gegenüber dem rus- sischen Zar aufgebracht war, setzte seine finanzielle Macht schamlos und unverhohlen gegen den Zaren ein. Schiff versuchte, Rußland da- durch zu bestrafen, daß er den amerikanischen Geldmarkt für die rus- sische Regierung abriegelte. Ging es den Juden in Rußland besser oder schlechter als dem durchschnittlichen Russe, der in diesem armen Land lebte? Unter dem Zaren wurden die Juden auf 10% der Plätze in den öffentlichen Grund- und Hauptschulen beschränkt, aber ihr Anteil an der Bevöl- kerung betrug nur 2%. Eine andere Statistik, die aus der russischen Volkszählung von 1897 stammt, besagt, daß 21,1% der allgemeinen russischen Bevölkerung lesen konnten, wohingegen amtliche Regie- rungsstatistiken der Vereinigten Staaten aus jener Zeit angaben, daß russisch-jüdische Immigranten zu 74% lesen und schreiben konnten. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 30 Schiff drängte damals Präsident Teddy Roosevelt, gegen Rußland einen Pazifizierungs-Angriff nach dem Modell der amerikanischen Invasion 1898 in Kuba durchzuführen.42 Schiff finanzierte Japan bei dessen Krieg 1904-1905 gegen Rußland.42 Einige der späteren Dar- lehen von Schiffs Kuhn & Loeb an Japan waren teilweise durch die Hamburger Warburg-Bank gezeichnet.43 Um den Zaren zu schwächen, unterschrieb Schiff das Multimil- lionen-Dollar-Darlehen an die japanische Regierung während des russisch-japanischen Krieges und zahlte für die Verteilung umstürzle- rischer Literatur an russische Kriegsgefangene der Japaner. Viele Jahre später, im April 1917, erinnerte sich George Kennan, Autor von Siberia and the Exile System und ein Führer der Friends of Russian Freedom, an Schiffs Bemühungen und rühmte sie:44 »Sie waren reich an guten Ergebnissen, weil die Duma aufgrund der Unterstützung der Armee in die Lage versetzt wurde, die Regie- rung des Zaren zu stürzen, und Du halfst dabei, die Armee aufzuklä- ren.« Präsident Theodore Roosevelt war der Ansicht, er könne die Ver- hältnisse in Rußland nicht ändern und wollte sich und die US- Regierung nicht durch nutzlose Versuche einer Intervention in eine peinliche Lage bringen. Die jüdische Führung war nicht damit zu- frieden, daß die US-Regierung nicht reagierte. Schiff wollte, daß die USA Kanonenboote oder gewöhnliche Dampfschiffe nach Rußland schickten, um die Flüchtlinge aufzunehmen. Präsident Roosevelt war »über den ständigen Druck pikiert, den die Juden auf ihn und das State Department ausübten.« DasAmerican Jewish Committee wurde 1906 während dieser Ent- wicklungen gegründet. Schiff berichtete der konstituierenden Ver- sammlung, daß er und seine Freunde ein Komitee benötigten, das mächtig aber diskret agierte, da er fürchtete, dem um 1890 herr- schenden Verdacht Nahrung zu geben, die Juden kontrollierten un- sichtbare Finanzimperien und lenkten insgeheim die Regierungen vieler Länder. Die Lobby-Techniken des American Jewish Commit- tee beinhalteten »reichliche Geldspenden, öffentliche Vortragsreihen, 42 Ebenda, S. 100. 43 Judith S. Goldstein, The Politics of Ethnic Pressure, New York and London: Gar- land Publishing, 1990. 44 George Kennan, Siberia and the exile system, New York: Russell & Russell, 1970. Kapitel 1: Aktivitäten vor dem Ersten Weltkrieg 31 ausgedehnte Verbreitung von Propaganda, sowie die Umwerbung von Politikern, indem man Demokraten gegen Republikaner aus- spielt.« Im Mittelpunkt dieser für das Komitee typischen Strategie des Druckes hinter den Kulissen und der Hintertür-Diplomatie stehen die politischen und sozialen Kontakte seiner Führer zu hochrangigen Beamten und ausländischen Würdenträgern.45 Adolf Ochs, damals Herausgeber der New York Times, war Mitglied des American Jewish Committee.46 Die Autorin Judith Goldstein beschreibt das frühe Ame- rican Jewish Committee in ihrem Buch als eine Oligarchie, stabil, zusammenhaltend und extrem gut mit Geldmitteln versehen. 1917 waren 10 der 15 Männer des Exekutivkomitees die ursprünglichen Mitglieder aus dem Jahr 1906, während sich die generelle Mitglie- derzahl im ganzen Land von 57 auf 105 erhöht hatte. Die 1906 verabschiedete Verfassung des American Jewish Com- mittee stellte fest: »Das Ziel dieses Komitees besteht darin, Eingriffe in die bürger- lichen und religiösen Rechte der Juden zu verhindern und die Folgen von Verfolgung zu lindern. Falls die Verweigerung oder Verletzung solcher Rechte droht oder tatsächlich erfolgt oder wenn irgendwo unglückliche Verhältnisse bestehen, die es erfordern, daß den Juden eine Entlastung verschafft wird, kann mit denjenigen, die mit der Si- tuation vertraut sind, Korrespondenz aufgenommen werden, und wenn die Personen vor Ort sich in der Lage sehen, mit der Situation fertig zu werden, muß keine Maßnahme ergriffen werden. Wenn sie aber um Hilfe ersuchen, sollen Schritte ergriffen werden, um sie zu gewähren.« Seine erste markante Aktion in der öffentlichen Arena war ein Kampf um die Aufhebung des russisch-amerikanischen Vertrags von 1832. Aufhebung bedeutet amtliche Kündigung, Rücknahme oder Annullierung. Das American Jewish Committee drängte auf die Auf- hebung des Vertrags von 1832, um Rußland dazu zu zwingen, die Freizügigkeit der Juden innerhalb Rußlands und nach Amerika zu er- lauben. Die Geschichte des ersten Kampfes des American Jewish Committee um die Gesetzgebung gibt wichtige Hintergrundinforma- tionen, weil sie die beeindruckende Macht dieser Lobby-Gruppen schon zu Beginn des 20. Jahrhunderts zeigt, sowie die Tatsache, daß 45 Gregg Ivers, To Build A Wall. The American Jews and the Separation of Church and State, Charlottesville: University Press of Virginia, 1995, S. 36. 46 Ebenda, S. 41. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 32 die heute immer noch benutzten Methoden zur Beeinflussung der öf- fentliche Meinung schon seit langem bestehen. The Politics of Ethnic Pressure von Judith S. Goldstein ist ein ausgezeichnetes, sorgfältig recherchiertes Buch, das diese Periode im Detail behandelt, und der Verfasser stützt sich auf ihre Schlußfolgerungen im Hinblick auf Schiffs Verhalten im Konflikt mit der US-Regierung wegen deren Behandlung der vermuteten Verfolgungen von Schiffs Glaubensge- nossen in Rußland. Schiff war ein reicher, in Deutschland geborener Jude, der eine New Yorker jüdische Gemeinschaft anführte, in der es eine Menge weniger begüterter Juden polnisch-russischer Herkunft gab. Diese osteuropäischen Juden wandten sich insbesondere gegen ein inner- staatliches Reisepaß-System, das damals im zaristischen Rußland existierte. Dieses interne Reisepaß-System sollte die innere Sicher- heit wahren und verhindern, daß Moskau und Leningrad überbevöl- kert würden, aber manche waren von dieser Beschränkung ausge- nommen. Es war mit Sicherheit nicht so einschneidend wie das ge- genwärtige israelische System der Reisepaß-Restriktionen gegenüber den Palästinensern. Die Freizügigkeit vieler Nationalitäten, die in- nerhalb des zaristischen Reiches lebten, war eingeschränkt. Juden, die in Rußland nicht von den Beschränkungen ausgenommen waren, durften innerhalb eines Gebietes leben und reisen, das etwa halb so groß war wie Westeuropa und sich vom Baltikum bis zum Schwarzen Meer erstreckte. Sie nannten dieses Gebiet die »Pale«, und es wurde offiziell im Jahr 1915 aufgehoben, obwohl es in Mythos und Überlie- ferung bis heute weiterlebt. Innerhalb des Pale gab es größere Städte wie Odessa, Kiew und Minsk. In einer Zeit, in der viele Christen in Europa gleichsam darauf beschränkt waren, in einem kleinen Dorf oder auf einem einzelnen Bauernhof zu leben, erschien dies wie eine relativ großzügige Freiheit, aber diese Regulierung des Rechts auf Freizügigkeit war die Basis einer entschlossenen Kampagne auf bei- den Seiten des Atlantiks. Seit der Ermordung von Alexander dem II. im Jahr 1881, die zumindest teilweise durch Gesia Gelfman, einer schwangeren jüdischen Frau, organisiert worden war, war die Situa- tion der Juden, die im zaristischen Rußland lebten, ständig schlechter geworden. Als Reaktion hierauf autorisierte der neue Zar die Bildung einer quasi geheimen nationalistischen Organisation, deren Mission Kapitel 1: Aktivitäten vor dem Ersten Weltkrieg 33 darin bestand, Terroristen auszumerzen und den russischen Patrio- tismus zu schützen.47 Das Verlangen einer Volksgruppe, die Außenpolitik der Vereinig- ten Staaten gegenüber einem anderen Land wegen Privilegien zu kompromittieren, die das andere Land dieser Volksgruppe gewährte, schien vielen Amerikanern unvernünftig und selbstsüchtig. Diese Amerikaner sahen nicht ein, wie dies im amerikanischen nationalen Interesse liegen könnte. Präsident William Howard Taft war nicht be- reit, Amerikas Rußlandpolitik an den Bedürfnissen des russischen Judentums und den Wünschen einer ethnischen Minderheit zuhause auszurichten. Taft war für das Präsidentenamt von Teddy Roosevelt handverlesen worden. Als ein prinzipientreuer und nachdenklicher Mann, der später als Oberster Richter des Obersten Gerichtshofes der USA diente, war Taft nicht so populär, wie es Teddy Roosevelt ge- wesen war. Während dieser Zeit der politischen Unruhe nutzte das American Jewish Committee schlau und forsch sein Netzwerk natio- naler Kontakte und unterstützte Politiker wie Woodrow Wilson, die nach Stimmen für die Wahl von 1912 gierten.48 Louis Marshall war der Präsident und Hauptstratege des Ameri- can Jewish Committee. Als Zeitgenosse und Alliierter der Familien Schiff und Warburg49 leitete er das American Jewish Committee in einer raffinierten und kompromißlosen Kampagne, um die sog. “Aufhebungsbotschaft” an Politiker der Bundesstaaten und auf na- tionaler Ebene zu verbreiten. Das Komitee arbeitete offen und un- verhohlen, um den Kongreß und die Öffentlichkeit glauben zu ma- chen, daß die Reisepaßfrage nationale Rechte und Macht berühre, wobei die Juden nur zufällig Katalysator waren. Eine Serie von an- tirussischen Artikeln, die sich für die Aufhebung aussprachen, wur- den für Zeitungen und Magazine im ganzen Land vorbereitet. Sie warfenAssociated Press eine parteiische, unzuverlässige und anti- semtische Berichterstattung vor. Sie versandten ferner 35.000 Kopien der Rede Marschalls vom Januar an die »Macher und Wortführer der öffentlichen Meinung in allen Teilen des Landes«, an alle Zeitungen mit einer Verbreitung von über 2.200 Exemplaren und an Zeitungen in den Heimatstädten von Bundesrichtern, demokratischen und repu- 47 Norman E. Saul, Concord and Conflict. The United States and Russia, 1867- 1914, Lawrence, KS: University Press of Kansas, 1996, S. 241-243. 48 J.S. Goldstein, aaO. (Anm. 43), S. 162. 49 R. Chernow, aaO. (Anm. 36), S. 164, 252. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 34 blikanischen Führungspersönlichkeiten, Bezirksstaatsanwälte und Kongreßabgeordnete. Das American Jewish Committee schrieb an 50.000 Geistliche im ganzen Land und empfahl, den internen Reise- paß-Streit innerhalb Rußlands zum Gegenstand ihrer Predigten zu machen. Jüdische Organisationen und Personen beeinflußten ihnen nahestehende Organisationen, Gewerkschaften und Landesparlamen- te, um Aufhebungsresolutionen zu verabschieden. Landesparlamente in den Bundesstaaten Georgia, Montana, Illinois, Florida, Nevada und New York verabschiedeten alle ähnliche Resolutionen. Schließlich veranstaltete das American Jewish Committee im Jahr 1911 in New York City »[…] eine enorme Aufhebungs-Demonstration in New York City, bei der zwei Anwärter auf die Präsidentschaft auftraten, Woodrow Wilson und Champ Clark, sowie William Randolph Hearst, ein frü- heren Botschafter in Rußland, und verschiedene Kongreßabgeordne- te.« Es lastete eine Menge Druck auf dem damaligen Präsidenten Taft, der der Ansicht war, die Aufhebung würde die russisch-amerikani- schen Beziehungen erheblich beeinträchtigen und Amerikas Einwan- derungspolitik gefährden. US-Außenminister Knox sagte Präsident Taft, daß ein Abbruch normaler Beziehungen zu Rußland, weil sich dieses zugunsten seiner Innenpolitik über die amerikanischen Juden hinwegsetzte, »unsere bisherige Einwanderungspolitik ad absurdum führen würde.« Trotz Präsident Tafts Opposition zu einer Aufhebung übte das American Jewish Committee massiven Druck auf das US- Repräsentantenhaus aus, so daß dieses hierzu eine (juristisch nicht bindende) Resolution verabschiedete, und zwar mit 301 Stimmen ge- gen eine. Schiff brüstete sich, daß der Aufhebungs-Sieg »der größte Sieg für die Juden war, seitdem Napoleon ihnen die Bürgerrechte gewährt hatte.«50 Es gibt noch weitere Beispiele für Lobbying zur Beeinflussung der Außenpolitik der USA zugunsten ihrer Glaubensgenossen vor dem Ersten Weltkrieg. 1906 unterwies US-Außenminister Elihu Root den amerikanischen Vertreter bei der Algeciras-Konferenz, auf der die europäischen Mächte über das wirtschaftliche und politische Schicksal Marokkos entschieden, Interesse an den Juden Marokkos zu bekunden. Roots Anweisungen beinhalteten einen Brief Schiffs, 50 J.S. Goldstein, aaO. (Anm. 43), S. 165-178. Kapitel 1: Aktivitäten vor dem Ersten Weltkrieg 35 der die Verhältnisse der marokkanischen Juden beschrieb. Am Ende des Balkankriegs im Jahr 1912, in dem Bulgarien, Serbien und Grie- chenland die Türkei geschlagen hatten, beeinflußte das American Jewish Committee den neuen Inhaber des Präsidentenamtes Wilson, diplomatisch bei den Londoner Friedensverhandlungen wegen der Juden auf dem Balkan zu intervenieren, die zuvor unter der Herr- schaft der ottomanischen Türken gelebt und Bürgerrechte genossen hatten.50 Aber erst die Verurteilung eines Kindermörders im Staat Georgia aufgrund von Indizien versetzte die New Yorker jüdische Gemeinschaft in Aktion und lieferte den nötigen Anstoß für die Er- richtung der größten jüdischen Bürgerrechtsorganisation in den Ver- einigten Staaten. B’nai B’rith, gegründet 1843, ist die größte und älteste jüdische Bruderloge in den Vereinigten Staaten. Ihr Name bedeutet Kinder des Bundes auf Hebräisch. 1913 errichtete die B’nai B’rith die Anti- Defamation League (Liga gegen Verleumdung) als Reaktion darauf, daß der Präsident der B’nai B’rith von Atlanta, Leo M. Frank, wegen Mordes an Mary Phagan verurteilt worden war, einer dreizehnjähri- gen Angestellten in einer Bleistiftfabrik, wo er Aufseher gewesen war. Es handelte sich um ein besonders grausiges Verbrechen. Das Opfer war über den mit Kohlenasche bedeckten Kellerboden mit dem Gesicht nach unten gezerrt worden, was Verletzungen in ihrem Ge- sicht verursacht hatte. Der Inhaber der Bestattungsfirma berichtete, daß der Strang, mit dem sie erdrosselt worden war, immer noch um ihren Hals hing, als er den Körper des kleinen Mädchens aufhob.51 Der Angeklagte wurde vor einem ausschließlich aus Weißen beste- henden Schwurgericht angeklagt, das drei jüdische Mitglieder hatte. Bei dem Verfahrens stützte sich die Anklage auf das Zeugnis eines schwarzen Hausmeisters, dem die Geschworenen Glauben schenk- ten. Frank wurde für schuldig befunden und zum Tode verurteilt. Der Oberste Gerichtshof von Georgia bestätigte das Urteil des erkennen- den Gerichts und führte im diesbezüglichen Teil aus:52 »Das Beweismaterial zeigte seitens des Angeklagten ein Vorge- hen, einen Plan, ein System oder Schema, unsittliche oder ehebre- cherische Beziehungen zu einigen seiner Angestellten oder anderen 51 Mary Phagan, The Murder of Little Mary Phagan, Far Hills, NJ: New Horizon Press, 1987. 52 Frank v. State, Supreme Court of Georgia, 17. Februar 1914, 80 Southeastern Reporter 1st, S. 1016-1044. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 36 Frauen in seinem Büro oder Geschäftsbetrieb zu unterhalten, in dem der Mord erfolgte. Es wurde nachgewiesen, daß im besonderen eini- ge dieser Handlungen nicht lange vor dem Mord vorgenommen wur- den. […] Das Beweismaterial zeigte ein Motiv seitens des Angeklag- ten, das ihn verleitete, nach einer strafbaren Intimbeziehung mit dem getöteten Mädchen zu trachten und einen Mord zu begehen, als sie Widerstand leistete, um das Verbrechen zu vertuschen. Es gab nicht nur Beweise für das Vorgehen des Angeklagten mit anderen Frauen, sondern während des Verfahrens wurde weiterer Beweis beigebracht, der zeigte, daß er, entsprechend seiner allgemeinen Vorgehensweise Annäherungen gegenüber der Verstorbenen machte.« Louis Marshall, Anführer des American Jewish Committee, wähl- te zunächst die Taktik, dahingehend Einfluß auf die Presse im Süden auszuüben, den Angeklagten freizusprechen. Als das nicht funktio- nierte, überzeugte er Adolf Ochs, den Herausgeber der New York Ti- mes und Mitglied des American Jewish Committee, seine Zeitung da- zu zu verwenden, die “Ungerechtigkeiten” dieses Verfahrens publik zu machen. Aber er bestand auch darauf, daß Ochs nicht erwähnte, daß der Angeklagte Jude war, oder andeutete, daß Antisemitismus die Anklage beeinflußt habe.53 Der Angeklagte wurde durch die hochkarätige Anwaltskanzlei Rosser & Brandon aus Atlanta vertreten, die sich 1913 mit Slaton & Phillips zusammenschloß, im gleichen Jahr, in dem das Verfahren stattfand. John Slaton von der gleichen Anwaltskanzlei wurde Gou- verneur von Geogia und wandelte das Todesurteil am 21. Juni 1915 in lebenslange Haft um. Wenngleich eine solche Umwandlung si- cherlich im Ermessen eines Gouverneurs liegt und moralisch vertret- bar ist, wenn der Angeklagte keine vorherige Verurteilungen hat, machte die Umwandlung politisch jedoch keinen Sinn. Die jüdischen Gruppen waren darüber nicht glücklich, weil sie behaupteten, daß Frank unschuldig sei und ein neues Verfahren wollten, das den An- geklagten entlasten sollte. Die Familie von Mary Phagan und ein großer Teil der Öffentlichkeit hielten die Umwandlung für einen Kuhhandel zwischen dem Gouverneur und seiner alten Anwaltskanz- lei, die den Angeklagten vertrat. Dann erfolgte ein vergleichbar schrecklicher Mord, als der Ange- klagte aus seiner Gefängniszelle geführt und gelyncht wurde. Das Rechtssystem brach völlig zusammen und niemand wurde jemals 53 G. Ivers, aaO. (Anm. 45), S. 41. Kapitel 1: Aktivitäten vor dem Ersten Weltkrieg 37 festgenommen, angeklagt oder sonstwie für diesen zweiten Mord verantwortlich gemacht. Und es gab keinen Mangel an Personen, die behaupteten, für den Lynchmord verantwortlich gewesen zu sein. Welche geheimen organisierten Bewegungen waren in dieses Gangstertum verwickelt? Wenn B’nai B’rith wirklich dachten, daß ihr Angeklagter un- schuldig war, hätten sie dann nicht Druck ausgeübt, um sicherzustel- len, daß seine Schlächter vor Gericht gestellt werden würden? Aber wenn einige Leute meinten, er sei tatsächlich schuldig, dann löste das Lynchen viele Probleme. Ein schuldiger Mann, der den Rest seines Lebens im Gefängnis verbringt, könnte sich dazu entschließen, im Verlauf der Zeit ein Geständnis abzulegen, in der Hoffnung, entlas- sen zu werden. Diesbezüglich kommt einem der Pollard-Spionage- Fall in Erinnerung. Wir wissen, wer Mary Phagan getötet hat. Die wirkliche Frage ist, warum sich niemand darum kümmerte, wer den Präsidenten der B’nai B’rith von Atlanta lynchte? Nicht nur, wer sich am Lynchen beteiligte, sondern auch, wer bei dessen Vertuschung ei- ne Rolle spielte? Wer waren die Anstifter dieser mörderischen Be- hinderung der Justiz? Viele Jahrzehnte später, nachdem die meisten Zeugen tot waren, wurde er posthum begnadigt, was nicht dazu bei- trug, seine Mörder zur Rechenschaft zu ziehen. Natürlich beruht eine Begnadigung gewöhnlich auf politischem Einfluß und hat nichts mit Schuld oder Unschuld zu tun. Die Forderung nach Aufhebung des russisch-amerikanischen Ver- trags von 1832, die öffentliche Finanzierung der Japaner im russisch- japanischen Krieg sowie die Übernahme der Verteidigung des verur- teilten Mörders der kleinen Mary Phagan sind repräsentative Beispie- le für Fälle, welche die organisierten jüdischen Lobbygruppen in den USA vor dem Ersten Weltkrieg zusammenschweißten. Wie zu sehen ist, hatten diese Gruppen ein großes Maß an Einfluß und Zugang zur Macht in der amerikanischen Politik zur Zeit des Ausbruches des Er- sten Weltkrieges. Viel größer, als man sich heute allgemein bewußt ist. 39 Kapitel 2: Aktivitäten während des Ersten Weltkrieges Bezüglich der wachsenden Bedeutung des American Jewish Committee erklärte 1931 ein zusammenfassender Bericht seines Se- kretärs Joseph C. Hyman:54 »Obwohl klein in seinen Anfängen und obwohl es lediglich als vorläufiges Nothilfekomitee betrachtet wurde, hat sich die Organisa- tion zur größten Hilfsagentur in der jüdischen Geschichte entwik- kelt. Ihre Hauptergebnisse bestanden in der physischen Errettung von Millionen osteuropäischer Juden.« Eine andere Erklärung des American Jewish Committee war zu- rückhaltender:55 »Sobald der [Erste] Weltkrieg begann und es offensichtlich war, daß ein großer Teil des Krieges in dem Gebiet ausgefochten würde, in dem 6 oder 7 Millionen Juden lebten, insbesondere Polen, Ruß- land und Galizien, gründeten viele honorige Menschen Organisatio- nen, um Mittel für die Leidenden in den Kriegsgebieten zu sam- meln.« Die Geschichte über den Holocaust an bis zu 6 Millionen euro- päischen Juden begann nicht mit dem Zweiten Weltkrieg. Tatsächlich wurde ein sehr ähnliches Szenario mit etwas weniger bombastischen Begriffen im und nach dem Ersten Weltkrieg entfaltet. Nach dem Er- sten Weltkrieg wurde die Behauptung verbreitet, daß fünf Millionen, über fünf Millionen, sogar sechs Millionen Juden in Europa krank seien oder in einem Holocaust aufgrund von Hunger, schrecklichen Epidemien und übler Verfolgung stürben. Die folgenden Ausführun- gen konzentrieren sich besonders auf die Geldsammel-Kampagnen im Ersten Weltkrieg. Diese ausgewählten Kampagnen durch größere jüdische Lobbygruppen haben historische Bedeutung sowohl für sich 54 The Activities of the Joint Distribution Committee (J.D.C.), A Summary Report, Submitted to the Council of the American Jewish Joint Distribution Committee von Joseph C. Hyman, Sekretär, 22. März 1931. 55 Felix M. Warburg, A Biographical Sketch, New York: The American Jewish Committee, 1938, S. 14. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 40 als auch in Bezug auf die Holocaust-Industrie nach dem Zweiten Weltkrieg. Holocaust ist ein Wort aus dem Ersten Weltkrieg. Der Begriff Ho- locaust wurde während des Ersten Weltkrieges und danach verwen- det, um zu beschreiben, was in Europa vor sich ging bzw. was den Juden Europas während dieses Krieges und danach angeblich wider- fuhr. Während die Geschichten, die man heute als “der Holocaust” bezeichnet, zur Zeit des Zweiten Weltkrieges und sogar noch jahr- zehntelang danach nicht so bezeichnet wurden, wurde das Wort Ho- locaust schon während des Ersten Weltkrieges und danach verwen- det. Man sprach vom Holocaust, von der größten Tragödie, die die Welt je gekannt hatte, und von der größten Not, welche die Welt je erfahren hat. Bis 1917 forderte der Anführer der jüdischen Gemeinschaft in New York, Jacob Schiff, wiederholt ein Ende »dieses Holocaust«.56 1919 gebrauchte das American Hebrew Magazin das Wort Holocaust zur Beschreibung des Schicksals des europäischen Judentums in ei- nem Artikel, der unter dem Namen eines ehemaligen Gouverneurs des Staates New York geschrieben wurde.57 Jehuda Bauer schrieb in My Brother’s Keeper (Der Hüter meines Bruders), einer autorisierten Geschichte des Joint Distribution Committee of Jewish War Sufferers (Gemeinsames Komitee der jüdischen Kriegsopfer), daß58 »die Vernichtung des Judentums während des Zweiten Weltkrie- ges die Erinnerung an den ersten Holocaust des 20. Jahrhunderts im Gefolge des Ersten Weltkrieges ausgelöscht hat.« Als »Holocaust an der Humanität« wurde der Erste Weltkrieg in The Great Betrayal (Der große Betrug) beschrieben, einem Buch, das zusammen mit Rabbi Stephen S. Wise verfaßt und 1930 veröf- fentlicht wurde. The Great Betrayal ging davon aus, daß die Briten von den Versprechen abgerückt seien, die sie der jüdischen Führung im Ersten Weltkrieg in Bezug auf Palästina gemacht hatten. Dieses Buch beinhaltete ein Kapitel über Winston Churchills Meinung:59 56 N. Cohen, aaO. (Anm. 40), S.191. 57 Martin H. Glynn, »The Crucifixion of Jews Must Stop!«, The American Hebrew, 31. Oktober 1919, S. 582f. vgl. Anhang, S. 165. 58 Yehuda Bauer, My Brother’s Keeper. A History of the American Joint Distribu- tion Committee 1929-1939, Philadelphia: The Jewish Publication Society of America, 1974. 59 Jacob de Haas, Stephen S. Wise, The Great Betrayal, New York: Brentano’s Pub- Kapitel 2: Aktivitäten während des Ersten Weltkriegs 41 »In der ganzen Welt war die zionistische Bewegung aktiv auf der Seite der Alliierten und in einem speziellen Sinne pro-britisch. Nir- gends war diese Bewegung bemerkbarer als in den Vereinigten Staa- ten, und ein großer Teil unserer Hoffnungen beruhte auf der aktiven Teilnahme der Vereinigten Staaten an dem drohenden blutigen Kampf. Die fähigen Anführer der zionistischen Bewegung und ihrer weitverzweigten Glieder übten einen merklichen Einfluß auf die amerikanische Meinung aus und dieser Einfluß – wie der jüdische Einfluß im allgemeinen – wirkte ständig zu unseren Gunsten. Juden (sowohl Zionisten wie auch Nichtzionisten) sympathisierten mit den Alliierten und arbeiteten für den Erfolg Großbritanniens und für die enge Zusammenarbeit der Vereinigten Staaten mit Großbritannien. Die Balfour-Erklärung darf deshalb nicht als ein Versprechen angesehen werden, das aus sentimentalen Motiven abgegeben wur- de. Sie war eine pragmatische Maßnahme, die im Interesse einer gemeinsamen Sache in einem Moment getroffen wurde, in dem diese Sache keinen Faktor materieller oder moralischer Hilfe außer Acht lassen konnte.« The Price of Liberty (Der Preis der Freiheit) ist eine autorisierte Geschichte des American Jewish Committee, die 1948 veröffentlicht wurde, nachdem der Zweite Weltkrieg vorbei war. Es enthält ein Ka- pitel über den Ersten Weltkrieg mit dem Titel »Der Holocaust des Krieges«. Dieses Kapitel erwähnt einige der Bemühungen, im Ersten Weltkrieg und danach Geldspenden zu sammeln und enthält das fol- gende Zitat:60 »Als die Armeen in einem verzweifelten Konflikt über die Gren- zen von Polen, Galizien und Ostpreußen vor- und zurückrollten, überzog Terror, Verlassenheit und Tod die Zivilbevölkerung im all- gemeinen, am meisten aber die sieben Millionen Juden. Die christli- chen Polen, Ukrainer und Deutschen erlitten die unvermeidbaren Härten, die jede Kriegführung mit sich bringt; aber die Juden, die schon von den Russen und Polen verdammt worden waren, begegne- ten einer konzentrierten Orgie von Haß, Blutdurst und Rache, die sie in einem großen Holocaust auszulöschen drohte.« Weniger als einen Monat nach den ersten Kriegserklärungen in Europa wurden Pläne in Angriff genommen, um Hilfe für die Juden zu organisieren, die in den vom Krieg betroffenen Gebieten lebten. lishers, 1930, S. 287. 60 Nathan Schachner, The Price of Liberty. A History of The American Jewish Committee, New York: The American Jewish Committee, 1948, S. 60, 287. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 42 Am 4. Oktober 1914 wurde das Central Committee for the Relief of Jews Suffering Through the War (Zentralkomitee jüdischer Kriegsge- schädigter) gegründet, wobei Morris Engelman zum Schatzmeister gewählt wurde. Präsident Woodrow Wilson rief aus diesem Anlaß ei- nen Tag des Gebets aus. Am 14. Oktober 1914 berief Louis Marshall, Präsident des American Jewish Committee, eine Versammlung ein, deren Ergebnis die Gründung des American Jewish Relief Committee war, mit Louis Marshall als Vorsitzendem und Felix Warburg als Schatzmeister. Am 27. November 1914 organisierten das American Jewish Relief Committee und das Central Relief Committee das Joint Distribution Committee, wobei sie Felix M. Warburg zum Vorsitzen- den ernannten.61 Das American Jewish Joint Distribution Committee for Jewish War Sufferers, das seine Förderer liebevoll als “das Joint” bezeichne- ten, wurde ebenfalls 1914 durch die Anführer des American Jewish Committee gegründet, und zwar als Reaktion auf: »alarmierende Nachrichten, die die USA bezüglich 85.000 Juden in Palästina erreichten.« Damals lebten in Palästina viele Juden, die von britischen Juden subventioniert wurden, deren Unterstützung allerdings unterbrochen wurde durch den Krieg zwischen Großbritannien und der Türkei, die damals Palästina kontrollierte. Felix Marshall, der langjährige Präsident des American Jewish Committee, wurde der erste “Joint”-Präsident. Jacob Schiff machte seinen Schwiegersohn Felix Warburg zum ersten “Joint”-Schatz- meister. Am Neujahrstag 1915 organisierte Felix Warburg, Vorsit- zender des Joint Distribution Committee, ein Zahlungs- oder Kredit- büro, das durch seine Sekretärin Harriet Lowenstein überwacht wur- de. Im März jenes Jahres traf das Central Relief Committee mit Hen- ry Morgenthau, Woodrow Wilsons Botschafter in der Türkei, Vorbe- reitungen, um Finanzmittel an Einrichtungen in Palästina zu übermit- teln. Bald danach wurde Hilfe für Palästina, Griechenland, Ägypten und Syrien über den US-Botschafter in der Türkei geleitet. 1915 klagte Louis Marshall bei einer Zusammenkunft in New York im Namen des American Jewish Relief Committee zusammen mit Jacob Schiff und dem Kongreßabgeordneten Meyer London über die Apa- 61 Morris Engelman, Fifteen Years of Effort on Behalf of World Jewry, New York: Ference Press, 1929. Kapitel 2: Aktivitäten während des Ersten Weltkriegs 43 thie gegenüber dem Leiden der Glaubensgenossen, wobei er erklärte, daß Millionen in schwerer Not seien, und an die Reichen appellierte zu spenden. Marshall sagte, es gäbe etwa 13 Millionen Juden in der Welt, von denen sich über 6 Millionen in Osteuropa befänden, wo der Krieg ausgefochten wurde. Marshall verlas auch einen Brief von Schiff, wonach man »private Berichte« erhalten habe, die die Ver- hältnisse in Rußland, Palästina, Polen und Galizien zeigten, »deren schreckliche Natur man sich nicht ausmalen könne.« Herr London sagte, dies sei die schlimmste Zeit in der jüdischen Geschichte, und Millionen Juden hingen von der Großzügigkeit wohlhabenderer Ju- den in den Vereinigten Staaten ab.62 Im Mai 1915 wurden Zertifikate mit den Faksimile-Unterschriften der Vorstände beider Komitees im Wert zwischen einem und fünf Dollar ausgegeben. Im September wurde der Esras Torah-Fond ge- gründet, um den armen Rabbis und Zadikim (“Gerechten”) in Europa und Palästina zu helfen. Im Oktober erhielt die Hebrew Immigrant Aid Society (Hias) die Genehmigung von Deutschland und anderen Ländern in Mitteleuropa sowie die Zustimmung der Regierung der Vereinigten Staaten, um Vorkehrungen zu treffen, so daß die Verbin- dung zwischen Einwohnern der Vereinigten Staaten und ihren Ver- wandten in Osteuropa wieder aufgenommen werden konnte, wobei alle Briefe über Hias versandt wurden, die als internationales Post- amt fungierte. Am 21. Dezember 1915 wurden vom American Jewish Relief Committee in einer Versammlung in der Carnegie Hall in New York City 700.000 Dollar gesammelt. Am 28. Dezember wurde die Busi- ness Men’s League mit Jacob Wertheim als Vorsitzenden gegründet, um die Zusammenarbeit von Geschäftsleuten in den gesamten Verei- nigten Staaten zu gewährleisten. Am 6. Januar verabschiedete der Senat der Vereinigten Staaten einstimmig eine Resolution, die von Senator Martine von New Jersey vorgeschlagen worden war und ei- nen speziellen jüdischen Hilfstag ausrief. Am 12. Januar wurde von Präsident Wilson eine Resolution unterzeichnet, durch die der 27. Ja- nuar 1916 als Hilfstag der jüdischen Notleidenden ausgerufen wurde, und zwar »aufgrund des Drängens von Freunden des jüdischen Vol- 62 »Jews Indifference to War Aid Rebuked«, New York Times, 14. Januar 1915, S. 3. Der vollständige Text wird im Anhang auf S. 118 wiedergegeben. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 44 kes im Senat der Vereinigten Staaten.«63 Er wurde im ganzen Land beachtet, was zu Geldsammlungen von über 2 Millionen Dollar führ- te. Am 17. Februar besuchten Vertreter des Central Committee for the Relief of Jews Suffering Through the War und des Women’s Proclamation Committee das Weiße Haus und wurden von Präsident Wilson empfangen, der eine Tafel annahm, die an den jüdischen Hilfstag erinnerte.64 Eine Bewegung wurde initiiert, die im Jahre 1916 zehn Millionen Dollar sammeln wollte, wobei Zeitungsleute ihre Mitwirkung zusag- ten. Engelman bemerkte in seiner chronologischen Zusammenfas- sung der ersten 15 Jahre des Joint Distribution Committee, die 1929 veröffentlicht wurde: »Die Großzügigkeit der Öffentlichkeit wurde durch die herzliche Hilfe der gesamten amerikanischen und jüdischen Presse erheblich stimuliert.« Während der gesamten frühen Holocaust-Geldsammelaktionen fehlten jegliche Kritik oder Nachforschungen durch die Medien. Die Presse wurde zu einer Art Jubelchor reduziert, nicht viel anders als die heutige eilfertige Freudigkeit der vierten Macht über die Aktio- nen Israels und der Holocaust-Industrie seit dem Zweiten Weltkrieg. Ein Artikel der New York Times vom 22. Mai 1916 berichtete, daß an der Ostkriegsfront 700.000 Juden in Not seien:65 »Von der regulären Gesamtzahl von 2.450.000 Juden in Polen, Litauen und Kurland sind 1.770.000 übriggeblieben, und davon be- finden sich etwa 700.000 in dringlicher und beständiger Not. Etwa 455.000 hiervon sind in Polen und 50.000 hiervon sind Personen ohne Unterkunft, die sich in besonders schwieriger Lage befinden.« Ein weiteres Projekt aus dem Jahre 1916 war ein Buch mit dem Titel The Jews in the Eastern War Zone (Die Juden in der östlichen Kriegszone). Von diesem vom American Jewish Committee veröf- fentlichten Buch wurden 25.000 Exemplare an die geistigen Führer Amerikas und an die Meinungsmacher versandt, einschließlich Prä- sident Wilson, Mitglieder des Regierungskabinetts und des Kongres- ses, die Presse und Zeitschriften, einflußreiche Männer und Frauen 63 Y. Bauer, aaO. (Anm. 58), S. 8. 64 M. Engelman, aaO. (Anm. 61), S. 9. 65 »700,000 Jews in Need on the East War Front«, New York Times, 22. Mai 1916, S. 11. Der vollständige Artikel wird im Anhang auf S. 120 wiedergegeben. Kapitel 2: Aktivitäten während des Ersten Weltkriegs 45 überall.66 Das Buch behauptete, daß Rußland ein Gebiet gleichsam zu einer Strafsiedlung gemacht habe, wo sechs Millionen Menschen, deren Schuld lediglich in der Zugehörigkeit zum jüdischen Glauben bestehe, dazu gezwungen seien, ihr Leben im Schmutz und Elend zu fristen, unter ständigem Schrecken vor Massakern, den Launen von Polizeibeamten und einer korrupten Verwaltung ausgeliefert – kurz, ohne Rechte und gesellschaftlichem Rang:67 »Eine Art Gefängnis mit sechs Millionen Gefangenen, die von ei- ner Armee korrupter und brutaler Aufseher bewacht wird.« The Jews in the Eastern War Zone ist ein wichtiges Buch jener Zeit, weil die Worte dieses Buches ausgiebig von anderen Quellen genutzt wurden wie etwa der New York Times. Es ist auch heute wichtig, weil es zeigt, was das amerikanisch-jüdische Establishment den Menschen erzählte, bevor die Vereinigten Staaten in den Ersten Weltkrieg eintraten, wie die Lektüre der Einleitung sowie die Einlei- tung des Abschnitts über Rußland zeigt.68 Das Konzept dieses Bu- ches beinhaltete das Thema, daß die Juden in Osteuropa ein einzigar- tiges Leiden durchmachten, daß dieses Leid bis zu einem gewissen Grade von niemand anderem durchlitten wurde, daß ihnen elementa- re Rechte vorenthalten wurden, die keinem anderen Volk vorenthal- ten wurden, und daß sie die Opfer von Verfolgungen waren, die von der Regierung unterstützt wurden. Es enthält sogar die Schlagworte »sechs Millionen« und »Vernichtung«. Das Buch beschreibt auch, warum das amerikanisch-jüdische Establishment dachte, daß die kurz zuvor erfolgte Beseitigung des Pale nur vorübergehend sei und widerwilligdurch die Führung Ruß- lands unter Auflage ärgerlicher Beschränkungen gewährt wurde, in der Hoffnung, leichter an ausländische Kredite zu gelangen.69 Im Juli 1916 führten Felix und Paul Warburgs jüngerer Bruder Fritz Warburg, der während des Ersten Weltkrieges Vorsitzender des Hamburger Metallhandels war, geheime inoffizielle Friedensver- handlungen in Stockholm mit Alexander Protopopow, dem Vizeprä- sidenten der russischen Duma. Fritz erörterte einen Separatfrieden zwischen Deutschland und Rußland, wobei Rußland Teile des von 66 Nathan Schachner, aaO. (Anm. 60), S. 63. 67 The American Jewish Committee, The Jews in the Eastern War Zones, New York: TheAmerican Jewish Committee, 1916, S. 19f. 68 Ein längerer Auszug aus diesem Buch befindet sich im Anhang, S. 122. 69 Ebenda, S. 21. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 46 Deutschland besetzten Polen erhalten würde.70 Es gab 1916 mehrere erfolglose Friedensversuche zwischen Deutschland und Rußland. Im Oktober 1916 trat Felix Warburg, der zugleich Vorsitzender des Joint Jewish Distribution Committee als auch Schatzmeister war, als Schatzmeister zurück und wurde durch Herbert Lehman ersetzt. Lehman ist bekannt als demokratischer Gouverneur von New York zwischen 1933 und 1942. Franklin Roosevelt bekleidete vor ihm die- ses Amt von 1929 bis 1933. Obwohl Lehman noch nicht einmal ein Jahr als Schatzmeister wirkte, behielt er engen Kontakt zum “Joint” und führte die Relief and Rehabilitation Administration der Vereinten Nationen (UNRRA), die 1943 errichtet wurde und bis zur ihrer Er- setzung durch die Internationale Flüchtlingsorganisation im Jahr 1947 existierte.71 Der Ausbruch des Ersten Weltkrieges war für Amerikaner, die in Deutschland geboren worden waren, eine schwere Zeit. Die meisten wollten nicht, daß die Vereinigten Staaten in diesen europäischen Krieg hineingezogen würden, von dem sie glaubten, daß er für ihre neue Heimat kein Gewinn sein würde, sowie aus Gefühlsgründen. Am Anfang des Krieges erwog Jacob Schiff, daß Deutschland ge- winnen würde und daß ein deutscher Sieg, der auch das Zarentum beenden würde, mit Abstand der wünschenswertere Ausgang sei. Schiffs Schwager bei der Firma Warburg in Hamburg unterstützten die deutschen Kriegsanstrengungen aktiv.56 Obwohl die russische In- vasion in Deutschland durch die deutsche Armee gestoppt wurde, in- dem Truppen von der Westfront verlegt worden waren, bewirkte dies eine Pattsituation im Westen. Als die Hoffnungen auf einen schnellen Sieg verflogen war und der Krieg sich in die Länge zog, nahmen die Ängste der Deutsch-Amerikaner noch zu. Die Loyalität der Deutsch-Amerikaner wurde im allgemeinen vom pro-britischen US-Establishment während der Zeit des Ersten Weltkrieges angezweifelt. Schiff wurde während der ersten beiden Jahre des Ersten Weltkrieges vorgeworfen, er sei für die Deutschen, weil er nicht wollte, daß Amerika in einem Krieg als Alliierter des Zaren kämpfte. Nach dem Sturz des Zaren Anfang 1917 unterstützte Schiff die Menschewiken finanziell und war für eine US-Interven- tion. Einen Monat nach der Revolution vom März 1917, die den Za- 70 R. Chernow, aaO. (Anm. 36), S. 178f. 71 Oscar Handlin, aaO. (Anm. 37), S. 93. Kapitel 2: Aktivitäten während des Ersten Weltkriegs 47 ren in Rußland entmachtet hatte, erklärten die Vereinigten Staaten Deutschland den Krieg und traten in den Ersten Weltkrieg ein. Während Amerika noch neutral war,72 überwies das “Joint” 19 Millionen Mark, um polnischen Juden durch die M.M. Warburg Pri- vatbank in Hamburg zu helfen.73 Nach Maßgabe von Reports Recei- ved by the Joint,74 einer Veröffentlichung des Joint Distribution Committee von 1916, sandten sie Geld an das Jewish Colonization Committee in Petersburg, das durch örtliche Komitees in 142 Zentren in Rußland arbeitete, von Alitir, Baku, Bessarabien, Irkutsk und Odessa bis Jaroslawl.75 Es gehörte zur allgemeinen Politik des “Jo- int”, innerhalb existierender jüdischer Organisationsstrukturen zu ar- beiten, die in Europa bereits etabliert waren. Nachdem Amerika in den Krieg eingetreten war, überwies das “Joint” über das neutrale Holland Geld in deutsch besetzte Gebiete. Ein Komitee wurde eingerichtet, das nahezu 2 Millionen Dollar aus den Vereinigten Staaten an niederländische diplomatische Vertretun- gen transferierte, die es anhand von Richtlinien verteilten, die sie von New York über Holland erhalten hatten. Im Mai 1917 interviewten Oscar Strauss, Henry Morgenthau Sr., Louis Marshall, Fulton R. Brylawski und Albert Lucas, Sekretär des Joint Distribution Commit- tee, den Außenminister, und man arrangierte, daß Hilfsmittel in die deutsch besetzten Gebiete in Polen und Litauen über ein Komitee niederländischer Juden entsandt wurden, anstatt über das deutsche Hilfskomitee.76 Kurz bevor Amerika in den Ersten Weltkrieg eintrat, hatte die an- tideutsche Haßpropaganda in den Vereinigten Staaten in einem Aus- maß zugenommen, das viel schlimmer war als zu jeder anderen Zeit, einschließlich des Zweiten Weltkrieges. In vielen Orten war das Spielen der Musik Beethovens und anderer deutscher Komponisten verboten, ebenso der Deutschunterricht an öffentlichen Schulen. Es wird heute gern vergessen, wie Kaiser Wilhelm verleumdet und kari- kiert wurde. Falsehood in Wartime, ein Buch, das ein Mitglied des 72 R. Chernow, aaO. (Anm. 36), Kapitel 13: »Iron Cross«, S. 171-179. 73 Ebenda, S. 173. 74 Reports Received by the Joint Distribution Committee of Funds for Jewish War Sufferers, Felix M. Warburg, Vorsitzender; Albert Lucas, Sekretär. New York Public Library 746677 Astor, Lenox and Tylden foundations, 1916. 75 Ebenda, S. 9. 76 M. Engelman, aaO. (Anm. 61), S. 16. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 48 britischen Parlaments geschrieben hatte, gibt einige der gehässigen Geschichten wieder, die über die deutsche Kultur veröffentlicht wor- den waren. Es führt aus, daß Filme produziert wurden, die versuch- ten, Amerika in den Krieg hineinzuziehen, und daß in einem von ih- nen zum Beispiel eine fremde Armee gezeigt wurde, die Dörfer nie- derbrannte, Frauen verschleppte, und ein scheußlicher, deutsch aus- sehender Bösewicht wurde gezeigt, wie er Pläne schmiedete und durchtrieben wie ein Mephisto die Augen verdrehte. Luthers Eine fe- ste Burg ist unser Gott wurde mit »Hindenburg ist unser Gott« falsch übersetzt und Wagner wurde abschätzig mit Sousa verglichen.77 Rudyard Kipling verglich Deutsche in einem Artikel der New York Times, der im folgenden abgedruckt wird,78 mit Bazillen, und führte aus, daß der »Pestis Teutonicus« überall die Zivilisation gefährde: »Eine Sache, die wir in unsere Dickschädel reinbekommen müs- sen, ist: wann immer der Deutsche – Mann oder Frau – eine geeig- nete Kultur bekommt, worin er gedeiht, dann bedeutet er oder sie Tod und Verlust für zivilisierte Menschen, genauso wie Bakterien ir- gendeiner Krankheit, die man sich vermehren läßt, Tod oder Verlust für die Menschheit bedeuten. Diese Auffassung beinhaltet nicht mehr Haß, Zorn oder Aufregung, als wenn man eine Spüle ausspült oder Öl auf Wasser gießt, um Stechmücken an der Vermehrung zu hin- dern. Für uns ist der Deutsche wie Typhus oder Pest – Pestis Teuto- nicus, wenn Sie so wollen. Aber bis wir diese grundlegende Tatsache in Friedenszeiten erfassen, werden wir immer Ausbrüchen der Anti- zivilisation ausgesetzt sein. Machen Sie sich dies mit allen in ihren Möglichkeiten liegenden Kräften klar. […] Wir müssen die Arbeit im Dienste der ganzen Menschheit und zur Rettung unserer Seelen zu Ende bringen. Wie ich sehe, hat Australien begonnen, den deutschen Handel einzuschränken. Das ist richtig. Wo ein Packen oder eine Ki- ste deutscher Ware in ein zivilisiertes Land kommt, besteht immer das Risiko, die Menschheit früher oder später einer Gefahr auszu- setzen. Dies wurde vor den Augen der gesamten Menschheit in allen Ecken der Welt belegt. […] Wenn ich ein Deutscher wäre, würde ich mir über die Blindheit des Rests der Welt wirklich Sorgen machen, und nach ihren Zeitungen zu urteilen, sind sie in Massen besorgt. Aber ich vermute, es ist für sie und für uns noch immer ein langer 77 Arthur Ponsonby, M.P., Falsehood In Wartime-Propaganda: Lies of the First World War, New York: E.P. Dutton, 1929; dt: ders., Absichtliche Lügen in Kriegs- zeiten, Seeheim: Buchkreis für Gesinnung und Aufbau, 1967. 78 »Sees Germans as Germs«, New York Times, 14. Mai 1916. Kapitel 2: Aktivitäten während des Ersten Weltkriegs 49 Weg. Sie müssen für ein weiteres Jahr Siege erringen, wenn ihre Männer und ihr Geld dazu ausreichen. Sie werden wahrscheinlich mit einem tollen Sieg abschließen und dann werden diese “verbün- deten Narren” ihre Linien neu formieren und die Scherben auflesen und sich anschicken, erneut geschlagen zu werden – sehr wahr- scheinlich nicht weit davon, wo jetzt die Fronten verlaufen. Dann wird die Show mit einem bis zum Schluß siegreichen Deutschland enden und die Alliierten werden es methodisch in schöne harmlose Stückchen aufteilen. Vielleicht irre ich mich, aber so sehe ich es. Deutschland erringt all die Siege und die Alliierten gewinnen den Krieg.« Nachdem Amerika in den Krieg eintrat, wurden in Hollywood »echte Kriegsfilme« (sic) gedreht und verbreitet, und das Komitee für öffentliche Information beschäftigte ein immenses Heer von Spre- chern und Pamphlet-Schreibern. Lügen wurden erfolgreich in Um- lauf gebraucht, einschließlich der über vergiftete Bonbons, die von deutschen Flugzeugen für Kinder abgeworfen wurden, und über deutsche Soldaten, die Kindern vergiftete Süßigkeiten und Handgra- naten gaben. Eine ganz besonders abscheuliche Lüge über deutsche Soldaten, die ein junges Mädchen kreuzigten, lag einem Kriegspro- pagandadrama »Duty to Civilization« (Pflicht gegenüber der Zivilisa- tion) zugrunde, das den Segen von Präsident Wilson hatte.79 Gerade zu dieser Zeit brachte das Provisional Zionist Committee, dessen Vorsitzender Stephen S. Wise war, einen Zeitungsbericht mit dem Titel »Deutsche lassen Juden sterben. Frauen und Kinder in Warschau verhungern zu Tode«. Darin wurde ausgeführt, daß »jüdi- sche Mütter, Mütter mit Erbarmen, froh sind, ihre säugenden Babys sterben zu sehen, weil dann zumindest deren Leid ein Ende hat.«80 Dieser Bericht ignoriert die Tatsachen, daß über Hamburg Hilfe nach Warschau gesendet worden war, während Amerika immer noch neutral war, und daß erst einen Monat vorher, im Mai 1917, “Joint”- Vertreter sowohl durch den US-Außenminister als auch durch deut- sche Behörden Vorkehrungen trafen, um über ein Komitee niederlän- discher Juden Hilfsgelder an die deutsch besetzten Gebiete Polens und Litauens zu entsenden, wie bereits in diesem Kapitel angeführt 79 A. Ponsonby, aaO. (Anm. 77), S. 183-185. 80 »Germans Let Jews Die. Women and Children in Warsaw Starving to Death«, New York Times, 10. August 1917. Der vollständige Text wird im Anhang auf S. 121 wiedergegeben. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 50 wurde. Die Niederlande schafften es, während des ganzen Krieges neutral zu bleiben, und gewährten Kaiser Wilhelm II Asyl von seiner Abdankung an bis zu seinem Tode 1941. Die Balfour-Erklärung trägt das Datum vom 2. November 1917, obwohl an den Formulierungen in der Deklaration schon über Jahre hinweg gearbeitet worden war. Z.B. wurden die Worte »nationale Heimstatt« anstatt »Nation« gewählt, um die Befürchtungen zu zer- streuen, daß die arabischen Moslems und die Christen, die dort be- reits lebten, vertrieben würden. Lord Balfour vom britischen Auswär- tigen Amt unterzeichnete und versandte an Lord Rothschild einen Brief mit den Worten: »Ich habe große Freude, Ihnen seitens der Regierung Ihrer Maje- stät folgende Sympathie-Bekundung gegenüber den zionistisch- jüdischen Bestrebungen übermitteln zu können, die dem Kabinett vorgelegt und von diesem gebilligt wurde: “Die Regierung Ihrer Ma- jestät sieht die Errichtung einer nationalen Heimstatt für das jüdi- sche Volk in Palästina mit Wohlwollen und wird ihr Bestes tun, um die Erreichung dieses Zieles zu erleichtern, wobei klar verstanden wird, daß nichts getan werden soll, was die Bürgerrechte und die re- ligiösen Rechte bestehender nicht-jüdischer Gemeinschaften in Pa- lästina oder die Rechte und den Status, den Juden in irgendeinem anderen Land genießen, beeinträchtigen könnte.” Ich wäre Ihnen dankbar, wenn Sie diese Erklärung der Zionistischen Föderation zur Kenntnis bringen würden.« Einen Monat nach der Balfour-Erklärung im Dezember 1917 be- setzte die britische Armee Jerusalem. 1918 führte Louis Marshall eine Kampagne an, um 20 Millionen Dollar für, wie sie sagten, die Millionen von hungernden Juden in den Kriegsgebieten zu sammeln.81 Obwohl sie als »nicht glaubens- gebunden« bezeichnet wurde, erklärte Felix Warburg, der Vorsitzen- de der Kampagne von 1918:82 »Diese Kampagne ist ausschließlich für die jüdische Zivilbevöl- kerung in Europa, Palästina und Kleinasien.« 81 »No Sectarianism In Jewish Drive«, New York Times, 15. September 1918. 82 Broschüre mit dem Titel »A Message from Felix M. Warburg, Chairman, Jewish War Relief 1918 Campaign, New York City, Conducted by the American Jewish Relief Committee – Louis Marshall, Chairman; Central Relief Committee – Leon Kamaiky, Chairman; People’s Relief Committee – Alexander Kahn, Chairman«, 29. Sept. 1919. Kapitel 2: Aktivitäten während des Ersten Weltkriegs 51 Ebenfalls 1918 wurde der American Jewish Congress mit den ur- sprünglichen Zielen gegründet, »humanitäre Hilfe für europäische Juden zu gewähren, die unter dem Blutbad des Krieges gelitten ha- ben, sowie den Staat Israel in Palästina wiederherzustellen.«45Der American Jewish Congress betrachtete sich selbst als die Stimme der osteuropäischen Juden, mehr als das American Jewish Committee, dessen Mitglieder hauptsächlich deutsche Juden waren. Rabbi Stephen S. Wise war die Hauptfigur des American Jewish Congress während seiner Gründungszeit.83 Er war in Ungarn geboren worden, Sohn eines Rabbi und einer Porzellanerbin und Enkel von Joseph Hirsch Weisz, einem Großrabbi von Ungarn. Er wurde von seinen Eltern als kleines Kind 1875 nach New York gebracht, als sein Vater Rabbi einer Gemeinde in Brooklyn, New York, wurde. Wise junior wurde von seinem Vater und dem Prediger Dr. Gustav Gotheil im Talmudrecht unterwiesen. Er besuchte das College der Stadt New York und vollendete angeblich seine Studien im Ausland. Nachdem er in die Vereinigten Staaten zurückgekehrt war, wurde er im Alter von 20 Jahren zum Rabbi der Gemeinde B’nai Jeshurun in New York gewählt, wo er über fünf Jahre blieb. Kurz nach dem Juni des Jahres 1900 ging er nach Portland, Oregon, um eine Kongregation anzufüh- ren, und kehrte dann nach New York zurück, wo er 1906 die Freie Synagoge gründete. Schon früh war Dr. Wise für seine progressiven Ideen zu allgemeinen Themen bekannt sowie als Exponent des Zio- nismus, einer Bewegung, die sich damals über die Wiederherstellung der jüdischen Nation Gedanken machte.84 Es ist überliefert, daß Wise bereits im Jahr 1900 einer zionisti- schen Versammlung mitteilte, daß »es 6.000.000 lebende, blutende, leidende Argumente zugunsten des Zionismus« gebe, wie in einem Artikel der New York Times berichtet wird.85 1906 hatte Dr. Wise die Freie Synagoge gegründet, eine unabhän- gige reformierte Synagoge in der West 81. Street in New York City. Über seine Predigten wurde gelegentlich in der New York Times be- richtet. Im Jahr 1908 war der Neujahrsgottesdienst so überfüllt, daß für die überzählige Menge eine Ansprache von Eugene Lehman von der Yale Universität, dem Präsidenten der benachbarten Religions- 83 G. Ivers, aaO. (Anm. 45), S. 51. 84 »Dr. Wise To Go To Portland«, New York Times, 3. August 1898, S. 1. 85 »Rabbi Wise’s Address«, New York Times, 11. Juni 1900, S. 7. Für den ganzen Ar- tikel vgl. Anhang, S. 117. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 52 schule, gehalten wurde.86 Sein Ton war häufig ausgesprochen populi- stisch. In einer Predigt beschuldigte Wise die Standard Oil Company des Landesverrats und des moralischen Bankrotts.87 Von der Carne- gie Hall aus predigte er, daß gewisse Kritik ignoriert werden müsse, aber daß es eine Pflicht sei, »jedem Angriff auf Ehre, Rechtschaffen- heit und Gerechtigkeit zu begegnen, uns unter den Menschen zu Kö- nigen und zu ritterlichen Verwaltern der Gerechtigkeit gegenüber der Menschheit im Ganzen zu machen.«88 In einer weiteren Predigt wandte er sich gegen 13 Richter des Staates New York, weil sie an einem Bankett zu Ehren eines früheren Anführers der Tammany (Führungskreis in der Demokratischen Partei) teilgenommen hatten. Er predigte gegen Ehen zwischen Juden und Christen.89 Er sprach in einer Seventh Avenue Methodisten-Kirche unter dem Patronat der Friedensgesellschaft, deren Präsident Andrew Carnegie war, wobei er den »Schmieren-Journalismus, der unser Land in den Krieg führen würde«, angriff. Ein ausgezeichnetes Thema, sogar für die heutige Zeit! Wise engagierte sich auch zugunsten einer Gesetzesvorlage, die in der New Yorker Gesetzgebung anstand und Friedhöfe zugunsten des Allgemeinwohls besteuern und “auf Profit” untersuchen wollte.90 Eine Geschichte, die er gewöhnlich erzählte, war, daß ihn im Jahr 1914 der Bürgermeister von New York City anrief und am Telefon fragte: »Dr. Wise, hier ist John Mitchell. Wo zum Teufel liegt Armenien? […] Einige Vertreter von Armenien kommen in wenigen Minuten in dieses Büro und ich weiß nicht, wo Armenien liegt und was diese Leute wollen.« Wise sagte, er schlug vor, daß Mitchell einen guten Stenographen ans Telefon brachte und diktierte eine kurze Willkommens- und Gra- tulationsbotschaft an die Gentlemen aus Armenien.91 Im November 1918 wurde Wise zum Vorsitzenden einer Delega- tion gemacht, die für die Zionist Organization of America nach Lon- 86 »Throng at Free Synagogue«, New York Times, 27. September 1908, S. 7. 87 »Holds Oil Trust Guilty of Treason«, New York Times, 12. Oktober 1908. 88 »Dr. Wise On Attacks«, New York Times, 12. März 1912. 89 »Dr. Wise Against Intermarriage«, New York Times, 4. Oktober 1909. 90 »Would Tax Cemeteries«, New York Times, 9. März 1913. 91 Stephen S. Wise, Challenging Years. The Autobiography of Stephen Wise, New York: Putnam’s Sons, 1949, S. 15. Kapitel 2: Aktivitäten während des Ersten Weltkriegs 53 don sollte.92 Nachdem Wise mit Lord Balfour, dem britischen Au- ßenminister, konferiert hatte, war er im Januar 1919 in Paris, wo er mit Oberst House eine Unterredung führte und den Orden der Ehren- legion als Anerkennung für seine herausragenden Dienste für die französische Sache erhielt. Als er gefragt wurde, ob es irgendeine Wahrscheinlichkeit für Grenzschwierigkeiten im Nahen Osten geben würde, sagte Dr. Wise: »Nicht wenn Frankreich und Großbritannien in einem Geist han- deln, wie man es von Freunden und Verbündeten erwartet – und wenn sie während der ganzen Konferenz nicht unangebrachte Re- geln und fragwürdige Tatsachen, sondern diesen Geist berücksichti- gen.« Nach seiner Rückkehr in die Vereinigten Staaten traf sich Dr. Wi- se 1919 mit Präsident Wilson, der ein jüdisches Commonwealth in Palästina unter britischer Herrschaft billigte. Wise wurde am 13. März 1919 auf Seite eins der New York Times mit den Worten zi- tiert:93 »Der Wiederaufbau Zions wird die Wiedergutmachung des gan- zen Christentums für das an den Juden begangene Unrecht sein.« Anlaß war ein Treffen zionistischer Führer, das von Wise und Präsident Wilson im Weißen Haus geleitet wurde, auf dem man Men- schenrechtsgarantien für Juden in der ganzen Welt einschließlich Osteuropa und Palästina diskutierte. Danach sprachen Wise und an- dere Führer vor einer großen Zuhörerschaft in Washington D.C. über seine jüngsten Erfahrungen in Paris und deren Bezug zur Pariser Friedenskonferenz. Er sagte voraus, daß Großbritannien durch den Völkerbund ein Mandat über Palästina akzeptieren werde und daß die Juden an ihren rechtmäßigen Platz in der Welt zurückkehren würden. Diese Artikel zeigen, daß die jüdische Lobby 1919 international, zielgerichtet und mächtig geworden war. Sie hatte freundschaftliche Beziehungen zu den Führern der siegreichen alliierten Regierungen und eine starke Stimme bei der Pariser Friedenskonferenz. Wise war eine wichtige Figur an der Spitze der Zionist Organization of Ameri- ca und später die treibende Kraft hinter dem American Jewish Con- gress. Wise traf sich mit Weltführern und erschien in deren Termin- 92 »Send Zionist Mission«, New York Times, 29. November 1918. 93 »President Gives Hope to Zionists«, New York Times, 3. März 1919, S. 1. Der vollständige Artikel im Anhang, S. 129. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 54 kalendern, wobei er die jüdische Führung hinsichtlich der Palästina- Frage repräsentierte. Chaim Weizmann, Vorsitzender des British Zio- nist Committee und zentrale Figur dieser Organisation bei der Pariser Friedenskonferenz, deutete an, daß die Alliierten und vor allem die Briten gegenüber der zionistischen Sache wohlwollend eingestellt waren. Während er Vertrauen und Zuversicht darüber zur Schau trug, daß sich das Mandat Palästinas durch den Völkerbund auf natürliche Weise in ein jüdisches Commonwealth entwickeln würde, sagte Weizmann: »Der Völkerbund hat es möglich gemacht, einem jahrhunderteal- ten Wunsch der jüdischen Rasse Ausdruck zu verleihen.« Weizmann wird die berühmte Vorhersage aus den frühen 1920er Jahren zugeschrieben, daß Palästina »so jüdisch wie England eng- lisch« werden würde.94 Ein Nachrichtenartikel zum Geldsammeln aus der Frühzeit des American Jewish Congress vom 20. Mai 1920 beinhaltete diese Bot- schaft: »Der Fonds für jüdische Kriegsopfer in Mittel- und Osteuropa, wo sechs Millionen entsetzlichen Bedingungen des Hungers, der Krankheit und des Todes ins Auge blicken.« Im zweiten Abschnitt sagt Dr. Wise: »Wenn amerikanische Juden jetzt nicht denjenigen helfen, die ohne eigenes Verschulden leiden, wird die Verantwortung auf ihren Schultern ruhen, falls sie elend zugrunde gehen. Sicher wird kein amerikanischer Jude mit Selbstrespekt wünschen oder auch nur tole- rieren, daß eine große Zahl jüdischer Menschen vernichtet wird.« Der Artikel listet viele große Beitragszahler auf, einschließlich ei- ner 10.000-Dollar-Spende von Adolf Ochs, der damals Eigentümer derNew York Times war.95 Wir konzentrieren uns nun auf Stephen S. Wise aufgrund seiner Rolle, den Vernichtungsberichten des Zweiten Weltkrieges bei den amerikanischen Massenmedien über die New York Times zum Durch- bruch zu verhelfen. Ein Artikel der New York Times vom 25. Novem- ber 1942, verfaßt unter dem Namen James MacDonald, wird im US Memorial Museum in Washington D.C. ausgestellt. Er hat den Titel: 94 S.S. Wise, aaO. (Anm. 91), S. 109. 95 »Jewish War aid Gets $100,000 Gift«, New York Times 7. Mai 1920, S. 11, vgl. Anhang, S. 154. Kapitel 2: Aktivitäten während des Ersten Weltkriegs 55 »Himmler-Programm tötet polnische Juden. […] Polnische Be- hörden veröffentlichen Daten – Dr. Wise erhält hier vom Außenmini- sterium eine Bestätigung.« Der erste Teil des Artikels basierte auf einem Bericht, den die polnische Exil-Regierung in London am 24. November herausgege- ben hatte, obwohl angeblich Details des Berichts vorher in unge- nannten palästinensischen Zeitungen gedruckt worden waren. Er be- sagte, daß Himmler im Juni 1942 Warschau besucht und befohlen habe, daß bis zum Ende des Jahres die Hälfte der Juden in Polen ge- tötet werden sollte und daß dies derzeit in ganz Polen geschehe, vor allem in Treblinka, Belzec und Sobibor. Auschwitz wird nicht er- wähnt.96 Stephen S. Wise, noch immer Präsident des American Je- wish Congress wie auch Vorsitzender des World Jewish Congress, ist die Quelle der zweiten Hälfte des Artikels »Wise erhält Bestätigung – prüft mit dem Außenministerium bezüglich der Vernichtungskampa- gne der Nazis.« Wise sagte, daß er durch ungenannte, vom Außen- ministerium bestätigte Quellen erfahren habe, »daß etwa die Hälfte der vermutlich 4.000.000 Juden im von den Nazis besetzten Europa in einer Vernichtungskampagne getötet worden seien«, und daß »der Plan von Herman Backe, Staatssekretär im Wirtschaftsministerium, entworfen und von Hitler bis zum Spätsommer umgesetzt wurde.« Wise präsentierte ein detailliertes Memorandum über Gewalttaten, die in von deutschen, rumänischen, ungarischen und slowakischen Truppen besetzten Gebieten begangen worden seien, und faßte die zahlenmäßigen Auswirkungen der Kampagne auf die Juden, die in jedem Land lebten, zusammen. Ein Beispiel: »Die Gesamtzahl der Juden in Polen sollte nach Abzug von etwa 500.000 Flüchtlingen in Rußland etwa 2.800.000 betragen.« Ich möchte nicht sagen, daß die von Wise in dem Artikel ange- führten Zahlen falsch waren, denn wenn jemand über die jüdische Bevölkerung im von Deutschland besetzten Europa des Jahres 1942 informiert war, dann sollte man annehmen, daß dies der Vorsitzende desWorld Jewish Congress gewesen sein müßte. Er würde eher die Zahlen aufblähen, was hier der Fall gewesen sein mag. Ein Beispiel ist die angebliche Anzahl von Juden in Polen. Da es vor 1918 keinen 96 Nach Arthur Butz, Der Jahrhundert-Betrug, aaO. (Anm. 9), S. 81, erschien Au- schwitz in der alliierten Kriegspropaganda erst mit der Veröffentlichung einer Broschüre durch das War Refugee Board im November 1944. Es ist daher ver- ständlich, daß Auschwitz in diesem Bericht von 1942 nicht erwähnt wird. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 56 polnischen Staat gab, waren die Juden zuvor auch als Bürger anderer Länder, hauptsächlich Rußlands, gezählt worden. 1939, als Stalin in Ostpolen einfiel, geschah dies unter dem Vorwand, die Minderheiten in dem Gebiet zu schützen, das zwei jahrzehntelang Polen gewesen war. Die Sowjetunion betrachtete die Juden unter ihrer Herrschaft als sowjetische Bürger, da sie vor 1918 russische Bürger gewesen waren. Ferner zogen viele sogenannte polnische Juden nach Ungarn, ein Land, das Wise aus seiner statistischen Analyse heraushielt. Dieser Artikel enthält mehrere Unstimmigkeiten und ist historisch nur be- deutsam wegen seines Zeitpunkts, nicht aber wegen seiner Genauig- keit. Es gibt noch viele andere Artikel. Zum Beispiel befindet sich auf Seite 1 der New York Times vom 22. Juli 1942 ein Artikel, der die Texte der Grußbotschaften von Präsident Franklin Roosevelt und Premierminister Churchill an Dr. Wise enthält, die vage Aussagen über Gewalttaten machten.97 Es gibt weitere solcher Beispiele. Ent- scheidend ist, daß Wise ein wichtiger Faktor war, um der Holocaust- Story des Zweiten Weltkrieges in den Massenmedien über die New York Times zum Durchbruch zu verhelfen, daß er damals auf eine über 40 Jahre lange aktive Beziehung zur Times zurückschauen konnte, und daß er zudem eine lange Vorgeschichte von Vernich- tungsbehauptungen aufzuweisen hat, die bis vor den Ersten Welt- krieg zurückreicht. Dies macht Wises Aktivitäten während der Holo- caust-Spendenaktionen der Ära des Ersten Weltkrieges um so bedeu- tender. Einige andere Beispiele. In einer Predigt in der Carnegie Hall er- klärte Wise, daß die Juden nicht an »den Christus des Dogmas« glauben könnten, »um gerettet oder sicher zu sein.« Bezüglich Jesus Christus sagte Dr. Wise 1938:98 »Wir haben ihn nie abgelehnt. Er starb wie Millionen von Juden heute sterben.« Es gibt mehrere Artikel über Wises Ansichten über Jesus. Einer beschwor die Juden, die historische Realität Jesu und die Natur sei- ner Handlungen anzuerkennen.99 In einem anderen wollte Dr. Wise, 97 Ebenda, S. 93; Butz erörtert eine große Anzahl Zitate aus der New York Times, ebenda, S. 90-113. 98 »Totalitarianism is Scored – Dr. Wise Declares Jews Cannot Believe in “Christ of Dogma”«, New York Times 18. April 1938, S. 15. 99 »Jesus As A Reality – Rabbi Wise Thinks Jews Should Agree as to His Activities«, Kapitel 2: Aktivitäten während des Ersten Weltkriegs 57 daß die Christen aufhörten, die Juden zu missionieren, und daß christliche Geschichtsbücher nicht lehrten, daß die Juden versucht hatten, Jesus zu töten: »Der christliche Lehrer sollte rückwärts lesen und versuchen, dem christlichen Kind klarzumachen, daß das alles vor langer Zeit geschah, daß wir nicht wissen, wo die Verantwortung liegt. Einige Juden gingen mit ihm, einige wandten sich gegen ihn. Aber seine Mutter war eine jüdische Frau.« Wise schrieb in seiner Autobiographie Challenging Years:100 »Ich habe es als meine heilige Pflicht angesehen, wenn ich christliche Gruppen und Komitees ansprach, sie daran zu erinnern: Selbst wenn bewiesen werden könnte, was natürlich nicht der Fall ist [so Wise], daß Juden – und nur Juden – für die Kreuzigung verant- wortlich waren, daß diejenigen, die sich seine Nachfolger nennen, es nicht wagen sollten, Jesu letzte Bitte bezüglich seiner Verfolger zu übersehen oder zu ignorieren.« Wise dachte, daß Christen das Leben und die Lehren des Juden Jesus durch die Betonung seiner Auferstehung vernachlässigten und daß viele Juden Jesus den Juden nicht abgelehnt haben. Wise hielt es für unbestreitbar, daß »Jesus ein Jude war, nicht ein Christ.« Wenn wir freilich dieser Logik bis zu ihrer letzten Absurdität folgen, dann sollte betont werden, daß Buddha als Hindu geboren wurde, daß Lu- ther als Katholik geboren wurde und daß John Wesley als Anglikaner geboren und sogar in seinen anglikanischen Talaren begraben wurde. George Washington wurde als Engländer geboren und die Engländer haben den Engländer Washington nie abgelehnt. El Libertador Simon Bolivar wurde als Spanier geboren, u.s.w. Wise sagte abermals in seiner 1949 veröffentlichten Biogra- phie:101 »Es wird glaubwürdig und sogar nachprüfbar berichtet, daß sich in allen Verhandlungen über neutrale Mächte im letzten Kriegsjahr seitens der Vertreter des Nazi-Regimes 1944 die erste Forderung Hitlers nicht auf Gebiete oder Reparationen bezog, sondern auf die Auslieferung von Juden aus Ländern wie England und den Vereinig- ten Staaten an ihn.« New York Times, 25. April 1925; »Jesus Lived, Dr. Wise Tells Jews«, ebd., 21. Dezember 1925. 100 S.S. Wise, aaO. (Anm. 91), S. 282. 101 Ebenda, S. 235f. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 58 Man kommt nicht umhin, sich zu fragen, wieviel er von dem, was er sagte, tatsächlich glaubte, aber es ist möglich, daß er alles glaubte, was er sagte. Fassen wir dieses Kapitel zusammen: am Beginn des Ersten Weltkrieges etablierte die Führung des American Jewish Committee das American Jewish Joint Distribution Committee for Jewish War Sufferers, angeblich, um Juden zu helfen, die in Palästina lebten. Es transferierte über jüdische Wohlfahrtsorganisationen in Deutschland Hilfe an Juden, die in Osteuropa lebten, bis Amerika dem Krieg bei- trat, wonach weiterhin Hilfe durch die neutralen Niederlande über- mittelt wurde mit Erlaubnis der deutschen und der amerikanischen Regierungen. Das Leiden jüdischer Zivilisten, die in Osteuropa leb- ten, wurde buchstäblich als Holocaust beschrieben, als ein einzigarti- ges Leiden, und regelmäßige Geldsammelaktionen wurden während des ganzen Krieges durchgeführt, um diesen Menschen zu helfen. Der 27. Januar 1916 wurde durch Präsident Wilson als Jewish Suffe- rers Relief Day (Hilfstag für jüdische Leidtragende) markiert, und ebenfalls im Jahr 1916 wurde ein einflußreiches Buch seitens des American Jewish Committee mit dem Titel The Jews in the Eastern War Zones (Die Juden in den östlichen Kriegsgebieten) veröffent- licht, das berichtete, daß den Juden Rechte vorenthalten würden, die man keinem anderen Volk vorenthalte, und welches die Worte “sechs Millionen” und “Vernichtung” gebrauchte, um ihre Verfolgung unter dem Zaren zu beschreiben. Die antideutsche Kriegspropaganda, die sich sowohl an Juden als auch an Nichtjuden in den Vereinigten Staa- ten wandte, erreichte einen Höchststand zur Zeit des Eintritts der USA in den Ersten Weltkrieg. Die Balfour-Erklärung wurde einen Monat vor dem Einmarsch der britischen Armee in Jerusalem ver- kündet. Der American Jewish Congress wurde gegründet und sowohl dasAmerican Jewish Committee als auch der American Jewish Con- gress entsandten Delegierte zur Pariser Friedenskonferenz, die Palä- stina unter britisches Mandat brachte. 59 Kapitel 3: Nachkriegskampagnen »Die Juden hatten im Krieg am meisten zu leiden. “Die aufein- anderfolgenden Schläge streitender Armeen haben dem europäi- schen Judentum fast das Rückgrat gebrochen und stürzten etwa 6.000.000 Seelen oder die Hälfte der jüdischen Weltbevölkerung in unglaublich tragische Armut, Hunger und Krankheit.”« —Aus einer Erklärung von Felix Warburg, Vorsitzender des Joint Distribution Committee, November 1919.102 »In Europa gibt es heute mehr als 5.000.000 Juden, die hungern oder kurz vor dem Verhungern sind, und viele sind im Griff einer vi- rulenten Fleckfieber-Epidemie.«103 Am 26. Oktober 1919 sprach Felix Warburg von Paris aus über Pläne, die Aktivitäten des Joint Distribution Committee von der Not- bzw. allgemeinen Hilfe auf Wiederaufbauhilfe umzustellen:104 »Die 30 Millionen Dollar, die seit dem Krieg von Amerika als Hilfe für jüdische Opfer der Kriegsprogramme gegeben wurde, sind gut verwendet worden und dienten dem Zweck, Leib und Seele von Millionen Unglücklicher zusammenzuhalten, die andernfalls gestor- ben wären. Warburg erklärte: “der große Bedarf an dringenden Nahrungs- hilfen, Bekleidung und Obdach besteht noch immer, aber wenn sich Europa erholt, wird der Bedarf an Geld für diesen Zweck nachlas- sen. Er läßt schon jetzt nach. Wir hoffen, daß wir 20 Millionen Dol- lar in einer amerikanischen Aktion bekommen, und wir verwenden vielleicht die Hälfte davon für sofortige Hilfen. Die andere Hälfte wird als Kapital für eine Bank verwendet. Was die Juden und jeder andere in Europa brauchen, sind Rohstoffe, um wieder an die Arbeit gehen zu können. […] Wir verhandelten mit Bankiers vor Ort im ganzen betroffenen Gebiet und sagten: ‘Wir ge- 102 »Tells Sad Plight of Jews«, New York Times, 12. November 1919, s. 7. Vgl. An- hang, S. 156. 103 Leitartikel, New York Times, 21. April 1920, S. 8. 104 Leitartikel, New York Times, 27. Oktober 1919, S. 3. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 60 ben euch eine bestimmte Menge Geld, wenn ihr eine gleiche Menge als Darlehen ausgebt, um die Menschen wieder in ihren gewohnten Berufen zu etablieren.’ Wir wollen die Juden so weit wie möglich zu Handwerk und Landwirtschaft ermuntern und vom reinen Handel weghalten. Wir glauben, daß wir auf diese Weise viel tun können, um Rassenvorur- teile zu beseitigen. Dieser Plan, Geld zu geringem Zins zu verleihen, kann ein großer Schritt in diese Richtung sein. Ich sehe keinen Grund zur Annahme, daß die große Masse der Darlehen, die wir vergeben wollen, keinen Profit abwerfen. Selbst- verständlich sind wir primär an den Juden interessiert, aber soweit wie möglich hoffen wir, Geschäfte zu machen – darum handelt es sich – und zwar auch mit Nichtjuden.”« Nachdem er von seiner Paris-Reise nach New York zurückgekehrt war, berichtete Felix der New York Times in einem Artikel, daß die Juden die größten Leidtragenden des Krieges waren, »und etwa 6.000.000 Seelen, oder die Hälfte der jüdischen Weltbevölkerung, stürzten in unglaublich tragische Armut, Hunger und Krankheit.«105 Zur selben Zeit repräsentierte einer von Felix’ älteren Brüdern, Max Warburg, Deutschland in ihrem Finanzkomitee bei der Friedenskon- ferenz von Versailles. Max führte die Warburg-Bank in Hamburg und spielte bei jeder größeren Reparationskonferenz 14 Jahre lang eine bedeutende Rolle, was ihm großen, wenn auch inoffiziellen Einfluß verschaffte. Während der Weimarer Republik war Max Warburg im Zentralrat der Reichsbank und im Aufsichtsrat von 27 deutschen Firmen, einschließlich der I.G. Farben. Vertreter des amerikanischen Roten Kreuzes und des American Jewish Committee arbeiteten in einem abgelegenen Gebiet Polens, nach einem weiteren Artikel von 1919:106 »Der Krieg hat 5.000.000 elende und hart getroffene Juden in Osteuropa hinterlassen. […] Ihre Zahl wird jeden Tag weniger durch eine Serie der schrecklichsten Epidemien, die jemals über irgendein Gebiet der Welt hinwegfegte.« 105 Felix M. Warburg Tells Sad Plight of Jews«, New York Times, 29. September 1919, S. 7. Für den vollständigen Artikel vgl. Anhang, S. 129. 106 »Five Million Face Famine in Poland«, New York Times, 3. Dezember 1919, S. 24. Für den vollständigen Artikel vgl. Anhang, S. 141. Kapitel 3: Nachkriegskampagnen 61 Er schrieb dies einer unglücklichen geographischen Lage zu, die bewirke, daß die Juden »mehr als jeder andere Bevölkerungsteil an den Folgen des Kriegs« litt. Felix Warburg hatte eine Sekretärin, Harriet Lowenstein, die im Joint Distribution Committee aktiv war. Sie ging für dieses nach Eu- ropa und kaufte der US-Armee massenhaft Waren ab. Als die Solda- ten fragten, was sie mit den über 100.000 Kerzen tun wolle, die sie kaufte, sagte sie ihnen, daß die Kerzen die Ratten von den Toten in den schrecklichen Kellern fernhalten sollten, in denen so viele der elenden Juden in Polen lebten. Dies war, nach Lowenstein, absolut wahr.107 Dieser Artikel wurde offenbar Monate nach den Ereignissen ge- schrieben, vermutlich in New York, nachdem Fräulein Lowenstein von Europa zurückgekehrt war. Man könnte darüber spekulieren, wie diese Geschichte entstehen konnte. Womöglich wurde sie geschrie- ben, um Gerüchte unter den amerikanischen Soldaten zu erklären, daß es eine jüdische Frau mit vielen mächtigen Freunden gab, die je- den kreuz und quer durch Frankreich scheuchte und ganze Armee- vorräte und -ausrüstungen zu Spottpreisen hamsterte. Es ist aber auch möglich, daß diese Geschichte lediglich geschrieben wurde, um Mit- leid zu erheischen und um den Förderern des “Joint” zu demonstrie- ren, daß sie für ihr Geld einen angemessenen Wert erhielten. Das al- les würde freilich die schlagfertige Antwort mit den Kerzen gegen- über den amerikanischen Soldaten nicht erklären. Natürlich war da- mals nur ein kleiner Prozentsatz der vielen Bedürftigen in der Welt jüdisch, genauso wie heute, obwohl der Staat Israel den Löwenanteil der gesamten US-Auslandshilfe erhält. Manche Dinge ändern sich eben nie. Hier eine weitere beachtenswerte Meldung aus dem Jahre 1919. Der frühere US-Botschafter in der Türkei, Henry Morgenthau Sr., Vater von Henry Morgenthau Jr., berichtete nach seiner Rückkehr von einer offiziellen Mission in Polen, daß fünf bis zehn Millionen Menschen im kommenden Winter in Europa und dem Nahen Osten dem Hungertod entgegensahen. Daß es zu jener Zeit in Europa mas- 107 »Spends $2,000,000 in one Bargain Hunt«, New York Times, 26. Oktober 1919, Sektion 2, Seite 1. Für den vollständigen Artikel vgl. Anhang, S. 136. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 62 siven Hunger gab, ist sicher wahr. Aber sein eigentliches Ziel war nicht einfach, über die “hungernden Millionen” zu sprechen.108 Die zentrale Aussage dieses Artikels ist ein Thema, das wir seither unzählige Male an unzähligen Stellen und auf so viele Weisen betont gesehen haben. Morgenthau verwendet ein jüdisches Massaker als universelles Symbol für alles Leid der Menschen, die Ungerechtig- keit erleben. Morgenthau nannte das jüdische Massaker bei Pinsk »ein vollständiger Ausdruck des Elends und des Unrechts, welches heute in so großen Teilen der Welt vorherrscht.« Später bezeichnet er das Massaker als »Angstschrei einer schrecklich verfolgten Rasse; nach meinem Verständnis drückte es das Elend von Jahrhunderten aus, das Elend nicht nur der Juden, sondern auch der zahlreichen anderen Völker, die seit Jahrhunderten Gerechtigkeit gesucht und nicht gefunden haben.« Dies ist ein früheres Beispiel für den Ver- such, sich der christliche Botschaft zu bedienen, einen Versuch, den wir in der heutigen populären Kultur immer öfter wiederfinden. Scholem Asch, ein bekannter Schriftsteller des Jiddischen, diente während des Ersten Weltkrieges dem Joint Distribution Committee. Als das “Joint” 1919 nach Litauen kam, ging er in dessen Auftrag dorthin.109 Asch diente später dem prosowjetischen American Com- mittee of Jewish Writers and Scientists (Amerikanisches Komitee jü- discher Schriftsteller und Wissenschaftler).110 Drei Jahre vor dem Beginn des Zweiten Weltkrieges schrieb Asch über polnische Ju- den:111 »Die Menschen machten den Eindruck, als seien sie lebend be- graben worden. Jeder zweite war unterernährt, Skelette aus Haut und Knochen, verkrüppelt, Kandidaten für das Grab.« »In the Valley of Death« war ein fiktiver Artikel, den das New York Times Magazin 1943 veröffentlichte und den Asch geschrieben hatte, worin er von 108 »Says Ten Millions Face Hunger Death«, New York Times, 3. Dezember 1919, S. 19. Vollständiger Artikel im Anhang, S. 139. 109 Y. Bauer, aaO. (Anm. 58), S. 11. 110 Arkady Vaksberg, Stalin Against the Jews, New York: Alfred A. Knopf, 1994, S. 118. 111 Y. Bauer, aaO. (Anm. 58), S. 189. Kapitel 3: Nachkriegskampagnen 63 »Gaskammern und Blutvergiftungsstationen« schrieb, »die auf dem Lande eingerichtet sind, wo Dampfschaufeln Gemeinschafts- gräber für die Opfer ausheben.«112 Am Ende des Ersten Weltkrieges gab es sicher hungernde Men- schen in Europa. Es gab Millionen von hungernden Deutschen, Polen und Russen. Ferner starben 1918-1919 mehr Menschen an einer weltweiten Grippeepidemie als im Ersten Weltkrieg umkamen. Am Weihnachtstag 1919 erbat das American Relief Committee for Ger- man Children, zu dem Jacob Schiff und Paul Warburg gehörten, Spenden für hungernde deutsche Kinder durch die Society of Friends. 1920 erfolgte ein nicht gruppenbezogener Spendenaufruf mit dem Slogan: »Dieses Mal ist die Last zu gigantisch, um von Juden alleine getragen zu werden« vom Greater New York Appeal for Jewish War Sufferers. An diesem Spendenaufruf beteiligten sich viele prominen- te protestantische und katholische Geistliche, die spezielle Muster- predigten vorbereitet hatten, die am Sonntag bei allen Konfessionen in der Kirche gehalten werden sollten. Das New York City Board of Education kooperierte, so daß die Kinder in den öffentlichen Schulen die Geschichte vom Leid der Kinder in anderen Ländern hören konn- ten. Erneut konzentrierte sich der Appell auf Polen, und 10.000 akti- ve Freiwillige halfen in der New Yorker Kampagne. Dr. Boris B. Bo- gen, der vom Joint Distribution Committee nach Warschau entsandt worden war, lieferte diesen Bericht:113 »Hunger, kalte Lumpen, Verlassenheit, Krankheit, Tod – Sechs Millionen Menschen ohne Nahrung, Obdach, Kleidung oder medizi- nische Behandlung. Zu keiner Zeit während des Krieges gab es in ir- gendeinem Land, nicht einmal in Belgien oder in Nordfrankreich, ei- ne kritischere Situation, einen größeren Bedarf, ein dringlicheres Verlangen nach Opfergaben, als jetzt in Ost- und Mitteleuropa. So- wohl die gegenwärtige als auch die künftige Existenz eines ganzen Volkes steht auf dem Spiel.« Dieser Spendenaufruf des Jahres 1920 wurde durch mindestens zwei redaktionelle Artikel der New York Times unterstützt und ge- rechtfertigt. Einer mit dem Titel »A Work Of Mercy« behauptete, daß die Juden, die mutig für die alliierte Sache gekämpft hatten, keine 112 Sholem Asch, »In the Valley of Death«, New York Times, 7. Februar 1943 S. 16. 113 »Jews Ask Public to Aid War Victims«, New York Times, 2. Mai 1920, S. 1. Für den ganzen Artikel vgl. Anhang S. 143. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 64 Heimat hätten und immer noch litten, obwohl der Krieg beendet war. Er besagte:114 »Es gibt heute in Europa mehr als 5.000.000 Juden, die hungern oder am verhungern sind, und viele befinden sich in den Klauen ei- ner virulenten Fleckfieber-Epidemie. Ein Appell wurde an die ganze Welt gerichtet.« Ein anderer Times Kommentar mit der Überschrift »The Jewish War Sufferers« berichtete:115 »In Rußland und in den benachbarten Ländern sind die Juden ei- ner besonders üblen Verfolgung ausgesetzt, die mit dem Krieg nicht geendet hat. Ohne irgendeine eigene nationale Organisation haben sie keine zentrale Einrichtung, an die sie sich wenden können. Da sie in abgesonderten und im allgemeinen verarmten Gemeinden le- ben, ist ihr Elend von einem Ausmaß, wie es andere Opfer nicht ken- nen. Es wird geschätzt, daß mehr als fünf Millionen gegenwärtig hungern oder vor dem Verhungern sind, und eine virulente Fleckfie- berepidemie wütet unter ihnen und breitet sich bereits unter der be- nachbarten Bevölkerung aus.« Obwohl offensichtlich nicht wahr oder zumindest stark übertrie- ben, wurden diese heute völlig vergessenen Berichte zu der Zeit, als sie verfaßt wurden, durchaus ernst genommen. Bitte bedenken Sie, daß die Presse im Jahr 1920 über viel mehr Glaubwürdigkeit verfüg- te als heute. Am 10. September 1920 drückte Präsident Woodrow Wilson in einem Brief an Stephen S. Wise, der damals ausführender Vorsitzen- der des Committee on Jewish Status in Osteuropa war, Sympathie für die leidenden Juden in Osteuropa aus. Präsident Wilson erklärte:116 »Ich bin tief bewegt durch die von Ihnen übersandten Berichte über die Prüfungen und Leiden, die von Ihren Mitjuden in Osteuropa erduldet werden. Kein Amerikaner, ganz gleich welcher rassischen Abstammung oder religiösen Überzeugung, kann umhin, die tiefste Anteilnahme gegenüber den Juden Osteuropas zu empfinden, die nicht nur weiterhin die Last des Krieges tragen, sondern auch die Leiden, die unaufgeklärte und ungerechte Behandlung durch Regie- rungen und Völker mit sich bringt. […] Ich hoffe, daß diese Natio- 114 New York Times, 23. April 1920, S. 8. Für den ganzen Artikel vgl. Anhang, S. 141, wiedergegeben auf S. 154. 115 »The Jewish War Sufferers«, New York Times, 3. Mai 1920, S. 12. Für den ganzen Artikel vgl. Anhang, S. 147, wiedergegeben auf S. 149. 116 »President Urges Justice for Jews«, New York Times, 12. September 1920. Kapitel 3: Nachkriegskampagnen 65 nen, mit denen unser eigenes Land politischen Austausch pflegt, al- les in ihrer Macht stehende tun zur Beendigung nicht nur der Recht- losigkeit ihrer jüdischen Bevölkerung, wie es die Minderheitenklau- seln des Friedensvertrags vorsehen, sondern auch aller Ungerech- tigkeiten und Übel, die ihnen zugemutet werden.« Der Friedensvertrag, auf den sich Präsident Wilson bezog, war natürlich der Versailler Vertrag und die Pariser Friedenskonferenz, die den Ersten Weltkrieg beendete. Zu dieser Zeit wurde das American Jewish Joint Distribution Committee als der »unbestrittene Koloß der Überseehilfe« bezeich- net.117 Das Exekutivkomitee der Gruppe traf sich in Felix’ Büro bei Kuhn & Loeb oder im Rembrandt-Zimmer seines Anwesens, das nach den dort ausgestellten Rembrandt-Bildern benannt ist. Bis 1921 waren Gesellschaften für zinslose Darlehen und andere Finanzinstitutionen eingerichtet und mit Mitteln von Fürsorgespen- den versehen worden. Anstatt daß Einlagen nebst Zinsen zurückge- zahlt werden mußten, brauchte man niemandem etwas zurückzahlen, wenn das Geld als Spende gegeben worden war. Man möchte mei- nen, es wären keine Zinsen verlangt worden. Aber wie ihre eigenen Unterlagen zeigen, berechnete das “Joint” erhebliche Zinsen, wie dieser Wortwechsel auf der Chicago Conference of the American Je- wish Relief Committee von 1921 beweist:118 »Mr. Adolf Kraus: “Ich möchte dem Sprecher eine Frage stellen. Ich habe Sie dahingehend verstanden, daß diese Banken, die das Geld als Darlehen auszahlen werden, anfangs nicht mehr Zinsen in Rechnung stellen werden, als wenn wir für die Betriebskosten dieser Banken aufkommen würden. Habe ich Sie richtig verstanden.” Oberst Lehman: “Ja.” Mr. Kraus: “Wenn sich die anfänglichen Kosten auf zehn Prozent belaufen, werden diesen Leuten dann zehn Prozent berechnet?” Oberst Lehman: “Ich habe gesagt, daß wir nicht zulassen wer- den, daß ihnen eine größere Summe in Rechnung gestellt wird, als nötig.” Mr. Kraus: “Sie beantworten meine Frage nicht.” Oberst Lehman: “Ja, ich werde sie beantworten. Ich habe gesagt, daß wir nicht erlauben werden, ihnen mehr in Rechnung zu stellen. 117 R. Chernow, aaO. (Anm. 36), S. 246. 118 Aufzeichnungen der Chicago Conference of the American Jewish Relief Com- mittee, die vom 24-25 September 1921 stattfand. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 66 Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, daß wir ihnen nicht erlau- ben werden, so viel zu berechnen, wie nötig ist, um die Verwaltungs- ausgaben zu bestreiten. Mit anderen Worten, ich glaube, daß etwa 10 Prozent nötig sein werden, um die Verwaltungsausgaben zu dek- ken.” Mr. Kraus: “Ich protestiere dagegen, diesen Leuten zehn Prozent Zinsen zu berechnen.” Oberst Lehman: “Ich möchte die Tatsache betonen, daß das Wie- deraufbaukomitee, das Joint Distribution Committee, auf keinen Fall zehn Prozent oder in dieser Größenordnung berechnen wird. Das Wiederaufbaukomitee in Rumänien belastet den Verbund der Koope- rative, was diese Darlehen auf zweieinhalb Prozent bringt. Man kann nicht erwarten, daß die Leute, denen wir das Geld geben, die ganzen Verwaltungskosten übernehmen. Sie sind bereit, ein Ver- lustrisiko wegen der Verwaltung zu übernehmen, aber wo die Ver- waltungskosten sagen wir sechs bis acht Prozent betragen, kann man schwerlich erwarten, daß sie das selbst tragen. Ich sollte sagen, daß in Polen die Verwaltungskosten in diesem Bereich liegen, wohinge- gen das Joint Distribution Committee lediglich drei oder vier Pro- zent erhalten wird.” Mr. Kraus: “Welchen Unterschied macht es für den Mann, der den Zins bezahlt, ob die Bank in Rumänien den Zins erhält oder in Polen oder das Joint Distribution Committee? Nach meiner Mei- nung sollten die Zinsen, wenn überhaupt Zinsen berechnet werden, begrenzt sein, so daß die Betroffenen nicht mehr als fünf Prozent zahlen. Wenn wir Wohltätigkeit mit einer Zinsrate von 10 Prozent und mehr üben, dann sollten wir aufhören. Das ist überhaupt keine Wohltätigkeit.” Oberst Lehman: “Ich glaube nicht, daß Sie die wirtschaftlichen Gesetzmäßigkeiten im Hinblick auf die Verwendung von einer Mil- lion Dollar ändern können. Man kann sie bis zu einem gewissen Grade ändern. Ich denke Dr. Bogan wird mir bestätigen, wenn ich sage, daß die Zinsrate in Polen viel höher als das ist.” Dr. Bogen: “In Polen werden die Gelder, die von Amerika kom- men, für Wiederaufbauarbeit verwendet und dazu, dem polnischen Juden so zu helfen, daß er in der Lage ist, sich selbst zu helfen. In Polen ist die übliche Zinsrate 1 Prozent pro Woche oder 52 Prozent im Jahr. Die Juden in Polen möchten kein Geld ohne Zins ausleihen. Als ich ihnen sagte, daß wir ihnen Hilfe gewähren würden, sagten Kapitel 3: Nachkriegskampagnen 67 sie mir, daß sie Ihnen eine Anerkennung für all das senden wollten, was an Hilfe geleistet wurde.” Der Vorsitzende: “Vorbehaltlich der Zustimmung der Konferenz, möchte der Vorstand anregen, daß Fragen, die den Mitgliedern der Konferenz durch den Kopf gehen mögen, niedergeschrieben werden, und der Vorstand schlägt vor, daß die für eine Beantwortung der Fragen nötige Zeit anberaumt wird”« Später hatte man die Ausrede, daß die Zinsraten in Polen auf- grund des gefallenen Wechselkurses (Inflation) in Polen hoch seien, aber da das Geld in Dollar gespendet worden war, der seinen Wert behielt, dürften die Wechselkursschwankungen keinen Einfluß ha- ben. Dann erörterte ein Dr. Rosenblatt von der Konferenz Pogrome und Kinder.119 Dr. Rosenblatt sagte: »Pogrome passieren täglich. Sie entstehen sporadisch und unsy- stematisch, in einer Woche an dem einen Ort und in der nächsten Woche an einem anderen Ort, und es gibt keine Macht auf Gottes Erde, die mit der Pogromsituation fertig wird. Ich möchte nicht, daß Sie mich falsch verstehen. Die russische Regierung versucht das Möglichste, um mit der Situation fertig zu werden, aber sie ist machtlos, weil diese Pogrome, diese Pogrom-Bewegung, diese kri- minellen Machenschaften, um die Juden zu töten, eine gegen die so- wjetische Regierung gerichtete Bewegung ist. Ein Pogrom durchzu- führen ist für sie gleichbedeutend mit der Bekämpfung der Sowjetre- gierung, und deshalb ist das unlösbare Problem heute, wie man mit der Pogromsituation fertig wird. […] Ich habe Szenen von spielenden Kindern gesehen. Was ist das Spiel der Kinder? Sie spielen Pogrome, eine Gruppe von 25 Kindern auf einer Seite und eine Gruppe von 25 Kindern auf der anderen Sei- te. Eine Gruppe organisiert das Pogrom und die andere Gruppe be- steht aus Juden, die sich selbst retten müssen, und die Psychologie dieser Kinder, die geistige Verfassung dieser Kinder ist das Schreck- lichste, was man sich denken kann.« Ein Herr Billikopf, der für drei Monate Kommissar des Joint Dis- tribution Committee in Galizien, Litauen, und Polen war, drängte auf eine neue Spendenkampagne:120 »Ich befürworte eine neue und sofortige Spendenaktion als das erste und dringendste Ziel, das vor uns liegt. Ich weiß, daß die Worte 119 Ebenda, S. 40f. 120 Ebenda, S. 56. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 68 “Aktion” und “Kampagne” abstoßend geworden sind – daß wir er- schaudern, wenn wir an sie denken, aber ob sie abstoßend sind oder nicht, es gibt 60.000 jüdische Waisen, die ohne uns sterben werden!« Dr. Nathan Krass sprach über einige der negativen Gerüchte, die zur Zeit der Konferenz umgelaufen sein müssen. Dr. Krass bezeug- te:121 »Ich habe oft den Ozean im Interesse des Joint Distribution Com- mittee überquert. Ich bin durch ganz Amerika gereist und bin daher geübt, beide Seiten des Problems zu sehen. Ich sehe es aus der Sicht Europas; ich sehe es aus Amerikas Sicht. Ich sehe es durch Ihre Au- gen; ich sah es durch die Augen unserer Brüder dort. Ich bin froh, daß ich dieses Jahr in Europa war, weil so viele unserer reichen Ju- den Amerikas dieses Jahr Touristen waren. Ich traf sie in Karlsbad, ich traf sie in Marienbad; sie waren überall, und überall beschwer- ten sie sich, weil sie in so vielen dieser Kurorte die Juden Europas in Hotels leben und ihr Leben genießen sahen. Und weil diese wenigen Juden – die tausend, die sie in Karlsbad sahen, und die 800, die sie in Marienbad sahen, und die 500 in Wiesbaden – ihre Lei und ihre Lire aufgrund des Niedergangs des deutschen Wechselkurses in gro- ße Geldsummen in der Tschechoslowakei und in Deutschland umtau- schen konnten, kamen diese amerikanisch-jüdischen Touristen zu der schnellen Schlußfolgerung, daß alle Juden in Europa reich und wohlhabend geworden seien und daß wir ihnen daher nicht länger helfen müßten, sondern wir sollten sie helfen lassen, sollten sie die Last von unseren Schultern nehmen lassen.« Er führte weiter aus, daß er während seines Aufenthalts in Europa auch Waisenhäuser und Elend sah sowie hart arbeitende Mitarbeiter des “Joint”. Unter anderem sprachen ebenfalls Felix Warburg und Henry Morgenthau auf dieser Konferenz. Die Sammelaktionen wurden auf mehr oder weniger jährlicher Basis fortgesetzt. 1922 verurteilte ein Rabbi Joseph H. Hertz, Ober- rabbi des britischen Empire, die Stille der Pogrome, die ihm zufolge in der Ukraine durchgeführt wurden. Er erklärte:122 »[…] 1.000.000 Menschen wurden in drei Jahren abgeschlachtet. 3.000.000 Menschen in der Ukraine wurden dazu gezwungen, “durch den Horror der Hölle zu gehen.” […] Er sagte, obwohl die Pogrome in der Ukraine geendet hätten, gäbe es in der Ukraine etwa 121 Ebenda, S. 61. 122 »British Chief Rabbi Condemns Silence on Pogroms Carried Out in Ukraine«, New York Times, 9. Januar 1922, S. 19. Der gesamte Artikel im Anhang, S. 148. Kapitel 3: Nachkriegskampagnen 69 600.000 Kinder ohne Elternhaus, 150.000 Waisen, und 35.000 Voll- waisen, die an Kälte, Hunger und Krankheit sterben würden, es sei denn, jüdische Herzen blieben menschlich und eilten zur Rettung.« Ein kurzer Nachrichtenartikel von 1922 »Juden übernehmen Not- hilfe« berichtete, daß das jüdische Joint Distribution Committee die Arbeit der American Relief Administration übernehme, um den Hun- ger in sieben Bezirken der Ukraine zu überwinden.123 1923 berichtete das Jewish Relief Committee des Joint Distribu- tion Committee von 1.165.290 umherstreunenden Kindern, die durch die Ukraine zögen. Sie stellten die weitere erstaunliche Behauptung auf, daß diese 1.165.290 umherstreunenden Kinder durch die Ukrai- ne zogen, weil 3 Millionen zugesagte Dollar nicht gezahlt worden seien. Die New York Times berichtete, daß das Komitee behauptete:124 »Es besteht immer noch die Möglichkeit, diese 1.165.290 heimat- losen Kinder einzusammeln und sie vom Schicksal der Verwilderung zu bewahren. Es ist noch Zeit, sie vor den ersten Wintereinbrüchen in Rußland, die soeben über die Hügel kriechen, wieder zu schnap- pen, aber dies wird jeden Dollar des Bargelds erfordern, das für das Hilfsprogramm zugesagt wurde und nun zurückgehalten wird. Es wird zu spät sein, es sei denn, das Geld ist sofort verfügbar.« Manche Menschen sind geneigt zu glauben, daß auch Feuer sein muß, wo Rauch ist. Sogar dann, wenn der Rauch von Trockeneis stammt. Diese Menschen meinen, es müsse an häufig und gut genug erzählten Geschichten schon etwas dran sein, unabhängig davon, ob sich diese Berichte überprüfen lassen oder nicht. Aufgrund meiner Einstellung neige ich zum anderen Extrem. Zeige mir, daß jemand offensichtlich lügt, und ich werde mich wahrscheinlich daran erin- nern, auch wenn derjenige versucht, die Wahrheit zu erzählen. Viel von dem bei diesen Sammelaktionen gesammelten Geld wurde dazu verwendet, vielen Menschen zu helfen, und man kann argumentieren, daß weniger Geld gesammelt worden wäre, wenn die Organisatoren die Situation nicht dramatisiert hätten, mit der Folge, daß weniger Menschen geholfen worden wäre. Auf der anderen Seite haben die eher zweifelhaften Berichte die Integrität dieser endlosen Aufrufe für 123 »Jews Take Over Relief. Will Carry on Work of American Body in Ukraine«, New York Times, 2. Juli 1922. 124 »1,165,290 In Ukraine Verge On Savagery – Jewish Relief Committee Here Ap- peals for $3,000,000 to Aid Homeless Children«, New York Times, 3. September 1923. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 70 karitative Spenden kompromittiert. Das nächste Kapitel behandelt die Sammelaktion von 1926, bei der Berichte von 5.000.000 hun- gernden europäischen Juden verbreitet wurden, um Banken in Polen sowie kibbutzartige Landwirtschaftskolonien in der Sowjetunion zu finanzieren. Dies war vielleicht der Höchststand der Geldsammel- Lügen, zumindest was die Jahre um 1920 anbelangt. 71 Kapitel 4: Die Kampagnen von 1926 »Es gibt Millionen von osteuropäischen Juden in Polen und eine gleiche Anzahl in anderen Ländern, die dahinsterben, und alle von ihnen werden verschwinden, es sei denn, wir stellen uns der Notlage, vergessen alles andere und eilen zur Rettung.« —Louis Marshall, Präsident, American Jewish Committee.125 »Es gibt 5.000.000 Juden in Mittel- und Osteuropa, die vor dem Hunger stehen. […] Fünf Millionen Juden sind heute in schreckli- cher Not – 2.225.000 in Rußland, 2.225.000 in Polen, und 500.000 in Bessarabien, Litauen und in den umliegenden Ländern.« —The American Christian Fund, 6. Dezember 1926126 Nach dem Ersten Weltkrieg leistete die amerikanische Öffentlich- keit großzügig Beiträge zu europäischen Hilfsbemühungen. Aber 1926 fand sich das “Joint” mit »einer jüdisch-amerikanischen Ge- meinschaft konfrontiert, die gegen Unglücksaufrufe immer gleichgül- tiger wurde.«127 Die Unterlagen des American Jewish Joint Distribution Commit- tee zeigen einen Spendenrückgang von 1920 bis 1925, gefolgt von einem starken Anstieg im Jahr 1926. 1926 war auch das Jahr, in dem die unerhörtesten Geschichten über jüdisches Leiden der Jahre nach 1920 erdichtet wurden, Geschichten von fünf Millionen hungernden osteuropäischen Juden. Am 26. April 1926 verkündete ein New York Times-Nachrichten- artikel auf Seite eins die Eröffnung dieser Geldsammelaktion bei drei gleichzeitigen Abendgesellschaften in New York City am vorherigen Abend, bei denen 2.200 Personen anwesend waren. Es wurde mitge- teilt, daß die größte Spende 400.000 Dollar betrug und von Felix 125 »Gifts of $3,700,000 Open Jewish Drive«, New York Times, 26. April 26 1926, S. 1. 126 »Cathedral Is Scene of Rally of Faiths for Jewish Relief«, New York Times, 6. Dezember 1926, S. 1, 18; der erste Teil ist wiedergegeben auf S. 156. 127 Y. Bauer, aaO. (Anm. 58), S. 18. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 72 Warburg stammte. Sprecher malten für die Gäste an den Tischen so- wie für die größere Zuhörerschaft am Radio mit bewegten Worten Bilder128 »von den mitleiderregenden Bedingungen, unter denen Millionen von Juden in Polen, Bessarabien, Rußland und Rumänien als Folge der Nachkriegsdepression von Industrie und Wirtschaft leben, die noch die Not vergrößern, die der Krieg selbst hinterlassen hat. […] Die Sprecher appellierten an Amerika, diese Hälfte des Weltjuden- tums zu retten. Sie sagten, daß all das Leid und all die Verfolgung, der Juden in der Vergangenheit in der ganzen Welt ausgesetzt waren, nichts seien, verglichen mit dem Elend der Juden in Osteuropa heu- te, […und daß] Tausende gestorben seien aufgrund von Hunger und hungerbedingten Krankheiten wie Fleckfieber und Tuberkulose, und Hunderte Selbstmord begangen haben, weil sie ihr Schicksal für hoffnungslos hielten. Wenn Amerika nicht zur Rettung eile, so wurde verkündet, wür- den 1.000.000 Juden in Polen und weitere 1.000.000 Juden in ande- ren betroffenen Ländern durch Hunger und Pest ausgelöscht und einfach vom Angesicht der Erde verschwinden.« Louis Marshall, Anführer des American Jewish Committee, führte aus:129 »Genau in diesem Moment gibt es buchstäblich Millionen von Männern, Frauen und Kindern, die stets ein makelloses Leben ge- führt haben und fleißig, emsig, verantwortungsbewußt, abstinent (zurückhaltend beim Essen und Trinken), sparsam sind und die ohne eigene Schuld an den Rand der Vernichtung gelangt sind, die der blanke Hunger heimsucht, die von Vorurteilen und Intoleranz be- droht und verfolgt werden und die aufgrund einer abscheulichen Ge- setzgebung und bösartiger Anfeindung der Möglichkeit beraubt wer- den, sich ihren Lebensunterhalt zu verdienen. Die Szene der jüdi- schen Tragödie entfaltet sich in Polen und seinen Verwaltungsbezir- ken einschließlich Galizien, in Litauen, Lettland, Estland, Rumänien und Rußland. Die Opfer sind die Juden dieser Länder, die mehr als 7.000.000 Seelen ausmachen. Sie sind aufgrund von Hunger und Krankheit und Sorge körperlich heruntergekommen, ausgelaugt, verbraucht, geschwächt. Ihre Augen sind niedergeschlagen. Es gibt kaum einen Schimmer der Hoffnung in ihren Herzen. Sie stehen am Rande der Verzweiflung, und viele von ihnen haben sich in sie erge- 128 »Gifts…«, aaO. (Anm. 125), S. 1. 129 Ebenda, S. 10. Kapitel 4: Die Kampagnen von 1926 73 ben, so daß man auf allen Seiten den Selbstmord der Verzweiflung wahrnimmt. […] All dies ist nach dem Ende des Krieges eingetreten, nachdem sie Hungersnöte durchstanden haben, nachdem sie zu Flüchtlingen waren, nachdem sie oftmals als Folge des Krieges den Versorger verloren haben, nachdem in einigen dieser Länder Po- grome stattfanden und Menschen kaltblütig ermordet wurden, nach- dem ihr ganzer Besitz verschwunden ist, nachdem ihnen ihr Vermö- gen weggenommen wurde, und all das ist noch nicht genug, sondern setzt sich, wie ich gerade beschrieben habe, weiter fort. Dies ge- schieht zu dieser Stunde, in diesem Moment, während ich spreche. Es gibt Millionen von osteuropäischen Juden in Polen und eine gleiche Anzahl in anderen Ländern, die dahinsterben, und sie alle werden vergehen, wenn wir nicht der Notlage entsprechend handeln, alles andere vergessen und zur Rettung eilen.« David A. Brown aus Detroit, Michigan, der nationale Vorstand dieser Aktion von 1926, sagte, daß129 »allein in Polen 900.000 Juden am Rande des Verhungerns wa- ren und daß dies nahezu ein Drittel der gesamten jüdischen Bevölke- rung in Polen war. Es hat unter den Juden allein in Polen mehr Selbstmorde gegeben, als dort jemals in fünf Jahrhunderten vorge- kommen sind. […] Die Wolken über Rußland haben sich jedoch auf- gelockert, da die russische Regierung erkannt hat, daß die Grundla- ge ihrer wirtschaftlichen Existenz von der Landwirtschaft abhängt. Es hat Hunderte von Millionen fruchtbarer Äcker. Rußland hat dem privaten Landbesitz ein Ende bereitet, aber es erkennt das Recht ei- nes jeden an, der auf dem Lande arbeiten will, sich mit landwirt- schaftlicher Arbeit zu befassen, und es unterscheidet in dieser Hin- sicht nicht zwischen Juden und Nichtjuden.« Browns Botschaft, die bei den Zusammenkünften verlesen wurde, begann folgendermaßen: »Noch nie in der Geschichte des jüdischen Volkes, die Jahrhun- derte zurückreicht, hat es eine Situation wie diese gegeben, und noch nie zuvor in der Geschichte des jüdischen Volkes hat es eine Notlage dieses Ausmaßes gegeben.« DieNew York Times zitierte Mr. Brown in einem Kommentar, der die Sammelaktion unterstützte, mit der Aussage, daß »der Lebens- standard der russischen Juden niedriger als derjenige der Menschen in Indien, China, Japan und Korea ist.«130 Dieser Kommentar nannte die Aktion 130 »Arrives With Plea For Starving Jews – Miss May Relief Worker, Says 1,000,000 Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 74 »das letzte Kapitel in der Geschichte der amerikanischen Hilfe für die betroffenen Bevölkerungsgruppen Europas, die mit Herbert Hoovers Werk in Belgien begann und die Form großer Summen an- genommen hat, die für Kriegshilfe, Hungerhilfe und Wiederaufbau ausgegeben werden.« Die Sammelaktion des amerikanischen Hilfsfonds für die Juden Osteuropas von 1926 benutzte eine Korrespondentin namens Irma May, die Funktelegramme von Warschau nach Washington sandte. Eines dieser Telegramme verkündete:131 »In Lodz […] zeigen Berichte eine bedrohliche Zunahme von Hy- sterie, Wahnsinn und Selbstmord innerhalb der letzten Monate. Schulen berichten über 65 Prozent Tuberkulose. 60 Prozent der Kin- der überleben mit Tee und Brot, das von Schulen verteilt wird, denen die Schließung droht. Ausbrüche von Fleckfieber und anderen Hun- gerepidemien [werden] erwartet und keine Mittel [sind] dagegen verfügbar. Etwa 230.000 Juden [sind]dem Untergang geweiht, wenn nicht sofort Hilfe verfügbar [gemacht wird].« Eine weitere Funknachrichten von Ms. May beschrieb Verhältnis- se in Rovno, Polen: »Verkauf des letzten Möbelstückes, um dem Ge- fängnis wegen nicht erfolgter Steuerzahlung zu entgehen.«132 Etwa 500.000 Menschen wohnten einer Kundgebung in New York City bei und unterstützten diese Sammelaktion von 1926, und Sprecher »ver- breiteten die Botschaft des Leids von Millionen Juden im Aus- land.«133 Das Joint Distribution Committee kabelte, daß133 »das jüdische Waisenhaus gezwungen sein wird zu schließen, wenn nicht erhebliche Hilfe schnell kommt. […] Tausende von Kin- dern würden auf die Straße gesetzt und ziellos, hoffnungslos, blind umherirren.« Am 26. November betrieb in Washington D.C. eine Bewegung, die seltsamerweise als Nahost-Hilfsbewegung bezeichnete wurde, die Werbung von 50.000 christlichen Geistlichen für eine Organisation zur Rettung von 5.000.000 hungernde Juden in Ost- und Mitteleuro- in Poland Alone Need Speedy Help«, New York Times, 8. April 1926. 131 Dem vorher zitierten Artikel zufolge fertigte Frau May eine Studie über die Be- dingungen in jenen Ländern auf Anweisung von David A. Brown an, dem natio- nalen Vorsitzender der United Jewish Campaign. 132 »Jews of Poland Again Face Period of Want«, New York Times Sunday Maga- zine, 28. Mai 1926, S. 8. 133 Leitartikel, New York Times, 3. Mai 1926 S. 6. Kapitel 4: Die Kampagnen von 1926 75 pa. Sie behauptete, daß ein Drittel der jüdischen Bevölkerung in Not sei:134 »In einigen Teilen Europas liegt die Sterberate jüdischer Säug- linge bei fast 100 Prozent. […] Tausende Juden sterben gerade jetzt aufgrund von Mangel. Hun- derttausende werden von dem qualvollsten Tod bedroht – dem Hun- ger. Wenn keine Hilfe erfolgt, werden 5.000.000 Juden verhungern. Das bedeutet nicht, daß sie sofort sterben, sondern allmählich, auf- grund Mangel an ausreichender Nahrung, und einige werden näch- ste Woche sterben, einige nächsten Monat und jeden darauffolgen- den Monat, wenn nicht auf dem einen oder anderen Wege Hilfe kommt.« Am 6. Dezember 1926 gab es einen weiteren Artikel auf der er- sten Seite der New York Times über eine Sammelaktion für die fünf Millionen hungernden Juden in Osteuropa. Die Titelzeile lautete: »Kathedrale ist Schauplatz einer Versammlung der Religionen für jüdische Hilfe.« 1.500 Menschen wohnten der Massenversammlung bei und lauschten dem Oberkommandierenden der US-Streitkräfte im Ersten Weltkrieg, General John J. Pershing, der großzügige Spenden anmahnte, wie auch protestantischen und katholischen Wortführern sowie Louis Marshall, Anführer des American Jewish Committee. Der New Yorker Gouverneur und spätere Präsidentschaftskandidat Alfred Smith sowie der Richter des Obersten Gerichtshofes Arthur S. Tompkins sandten Unterstützungstelegramme. Eines der Themen, das von verschiedenen Sprechern betont wurde, war, daß die finan- zielle Unterstützung der Juden Europas Rassismus, Haß und Vorein- genommenheit in der ganzen Welt bekämpfen würde. General Pershing sagte: »Es fällt uns in unserem wohlhabenden Land schwer, uns vorzu- stellen, welches Leid diese armen Menschen in Übersee durchma- chen. Dies ist eine Gelegenheit für alle Amerikaner, ob Christen oder was auch immer, unseren jüdischen Freunden zu zeigen, daß wir karitative Gefühle haben, und daß es in diesem großen Land kei- ne Rassenvorurteil gibt. Meiner Meinung nach ist dies eine der gro- ßen Lektionen, die wir den Völkern Europas erteilen können, indem wir für diesen Fonds spenden.« 134 »Will Aid Starving Jews–Protestant and Catholic Clergy to Back Near East Re- lief Movement«, New York Times, 27. November 1926. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 76 Bischof Manning, der das Präsidium innehatte, wird wie folgt zi- tiert: »Das Leben von 5.000.000 jüdischen Männern, Frauen und Kin- dern steht auf dem Spiel. Unsere jüdischen amerikanischen Lands- leute senden ihren betroffenen Brüdern nobel ihre Hilfe. Aber die amerikanischen Juden können das nicht alles schaffen. Das Elend ist zu groß, als daß sie es allein beheben können. Und wir können nicht zulassen, daß sie alles alleine tun. Die Christen Amerikas müssen Anteil an diesem großen Werk des Mitleids nehmen. Der Ruf, der von diesen leidenden Müttern und hungernden Säuglingen kommt, ist der Ruf unserer ganzen Menschheit.« Louis Marshall, der schlaue Anführer des American Jewish Com- mittee, sagte: »Wir freuen uns, daß sich die christliche Gemeinschaft dazu ent- schlossen hat, uns dabei zu helfen, den Fonds zu vervollständigen. Das Telegramm, das wir erhielten und das diese Entscheidung be- kannt gab, kam zu uns wie Manna in der Wildnis, wie der Tau des Himmels auf die ausgetrocknete Erde, nachdem die Juden in Ameri- ka zwölf Jahre lang allein darum gerungen haben, ihre Brüder in Polen, Rumänien, Bessarabien und Rußland am Leben zu erhalten, wo Pest, Krieg, Hunger und Massaker ihre tägliche Erfahrung war.« Der New Yorker Gouverneur Alfred Smith, der zwei Jahre später Präsidentschaftskandidat der Demokratischen Partei werden sollte, übersandte eine großzügige Spende und das folgende Telegramm, das den Zuhörern vorgelesen wurde: »Dem American Christian Fund und dem Fonds für die gemein- same jüdische Kampagne zur Hilfe für leidenden Juden in Osteuropa zu spenden, zeigt den wahren christlichen und amerikanischen Geist. Leiden verbindet uns in gemeinsamer Bruderschaft. Solche Taten fördern den guten Willen und verbessern Verständnis und Toleranz. Möge ihre Zusammenkunft zu greifbaren Ergebnissen führen.« Es wurde auch berichtet, daß der American Christian Fund einen Brief an 150.000 christliche Führungskräfte im ganzen Land ver- sandt hatte, der sie darüber informierte, daß 5.000.000 Juden in Mit- tel- und Osteuropa einer Hungersnot entgegen sähen. »Wir müssen uns darüber im klaren sein, daß die amerikanischen Juden sie nicht alle retten können. Wenn die Christen nicht helfen, werden viele sterben. Amerikanische Christen haben das Leid der Juden Mittel- und Osteuropas nie bemerkt und begriffen. Fünf Mil- lionen Juden sind heute in verzweifelter Not – 2.225.000 in Rußland, Kapitel 4: Die Kampagnen von 1926 77 2.225.000 in Polen, und 500.000 in Bessarabien, Litauen und den angrenzenden Ländern. Männer, Frauen und kleine Kinder leiden und sind dem Elend ausgesetzt – sie sind ständig hungrig. Seit 1914 ritten “die vier Apokalyptischen Reiter” grimmig über die halbe jüdische Weltbevölkerung – Kriegspest, Hunger und stets der Tod.« Ein redaktioneller Artikel der New York Times, der diese Sam- melaktion unterstützte, berichtete, daß 62 Millionen Dollar gesam- melt worden waren und daß man nun dabei sei, weitere 25 Millionen zu sammeln.135 Ist es nicht entlarvend, daß im Jahr 1926 auf Seite eins der New York Times berichtet wird, daß fünf Millionen Juden hungern, im Gegensatz zum Zweiten Weltkrieg, wo praktisch bis zu dessen Ende eine solche Berichterstattung nicht existent oder auf die hinteren Sei- ten und die Rubrik Religion verbannt war? 1926 haben wir fünf- zehnhundert Menschen, die für die fünf Millionen hungernden Juden eine Lawine lostreten, Sammelaktionen im ganzen Land, Unterstüt- zung durch bekannte Persönlichkeiten, einschließlich des Gouver- neurs von New York, 500.000 Menschen, die Veranstaltungen in New York City besuchen, um diese Sammelaktion von 1926 zu un- terstützen.136 Man kann sich nur über die IMT-Ankläger und deren Mitarbeiter wundern, die in der Gegend von New York oder sonstwo aufwuchsen und diese früheren Kampagnen erlebt haben. Will man uns wirklich glauben machen, daß ein Untergang der Juden in Mittel- und Osteuropa in den Jahren nach 1920 durch enorme Geldsam- melaktionen und eine Flut öffentlicher Anteilnahme und Unterstüt- zung verhindert wurde und daß 20 Jahre später die gleichen Men- schen in Ost- und Mitteleuropa getötet wurden, weil niemand ihr Schicksal kannte oder sich darum kümmerte? Man kann bestimmt nicht behaupten, daß damals niemand vom “Holocaust” des Jahres 1926 wußte, weil er mindestens zweimal auf der Titelseite der New York Times erwähnt wurde. Entwickelten sich die Holocaust-Berichte von 1926 aus früheren Geldsammelaktionen und Verpflichtungen? War dies lediglich Teil einer karitativen Tradition? Wurden diese emotionalen Appelle, die mit der Furcht oder vielleicht dem religiösen Gefühl der Menschen spielten, erfunden, um viel Geld zu sammeln? Wir wissen, daß diese 135 »Cathedral Is Scene«, New York Times, 6. Dezember 1926, S. 1. 136 New York Times, 3. Mai 1926, S. 6. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 78 karitativen Sammelaktionen von internationalen Bankiers organisiert wurden, die auch Kriege, Revolutionen und Eisenbahnen finanziert hatten. Was sie nach eigenen Angaben tatsächlich mit diesem Geld taten, ist das Thema des nächsten Kapitels. Doch zuerst noch einige weitere Nachrichten über Millionen lei- dender Juden. 1937 berief Samuel Untermeyer eine Konferenz im New Yorker Waldorf-Astoria Hotel ein, um zu berichten, daß minde- stens 2.000.000 der etwas mehr als 3.000.000 Juden in Polen regel- recht am verhungern seien.137 »Eine ganze Nation von mehr als drei Millionen Seelen ist von der Auslöschung bedroht.« 1938 wurde »ein deprimierendes Bild der 6.000.000 Juden in Mitteleuropa, die des Schutzes oder wirtschaftlicher Möglichkeiten beraubt sind, die langsam Hungers sterben, ohne jede Hoffnung« durch Jacob Tarshis präsentiert, der bei seinen Radiozuhörern als der Lampenanzünder bekannt war und das American Joint Distribution Committee repräsentierte:138 »“Die jüdische Tragödie begann, als Hitler 1933 an die Macht kam,” erklärte Herr Tarshis. “Jetzt hat sich der Antisemitismus auf 13 europäische Nationen ausgedehnt und bedroht die Existenz von Millionen Juden.”« 1940 sagte Dr. Nahum Goldman, Vorsitzender des Verwaltungs- komitees des World Jewish Congress, in einem Interview im Hotel Astor:139 »Sechs Millionen Juden sind in Europa der Vernichtung preisge- geben, wenn der Sieg der Nazis endgültig sein sollte. […] Die Chan- cen für eine Massenauswanderung und Wiederansiedlung des euro- päischen Judentums scheinen gering zu sein, und europäische Juden sind der Gefahr physischer Vernichtung ausgesetzt. Sogar die 4.000.000 Juden unter sowjetischer Herrschaft sind im Falle eines endgültigen Nazi-Sieges nicht sicher, obwohl sie dort keiner rassi- schen Diskriminierung ausgesetzt sind.« Man erkennt hier ein Muster emotionaler Appelle, die mit den Ängsten der Menschen spielen, um viel Geld zu sammeln. Und sie 137 »Untermeyer Asks Aid For Jews In Poland – He Reports at an Emergency Meet- ing That 2,000,000 Are Virtually Starving to Death«, New York Times, 6. Dezem- ber 1937. 138 »Jewish Teachers Chided By Isaacs«, New York Times, 23. Februar 1938. 139 »Nazi Publicity Here Held Smoke Screen«, New York Times, 25. Juni 1940, S. 4. Kapitel 4: Die Kampagnen von 1926 79 benötigten eine augenfällige Krise, um die Spender von der Notwen- digkeit zu überzeugen, solch große Geldsummen zu spenden. Waren die Anführer, die diese Appelle machten, hinreichend berechnend und skrupellos, um Tatsachen zu erfinden? Könnten im Laufe der Zeit und mit genügend Übung Wunder fabriziert werden, die eta- blierten Quellen glaubwürdig erscheinen würden? Könnte die Glaubwürdigkeit dieser erfundenen Tatsachen unangreifbar werden, wenn diese Tag für Tag, generationenlang immer und immer wieder in diesen etablierten Quellen wiederholt und erweitert würden? Ich glaube, daß diese frühen Holocaust-Geldsammelaktionen einen wich- tigen Schlüssel liefern, um das revisionistische Rätsel zu lösen. 81 Kapitel 5: Auf der Spur des Geldes Dieses Kapitel skizziert die sehr verwirrende Geschichte, wo in Rußland das Geld landete, das in diesen Spendenaktionen gesammelt wurde, zumindest laut den veröffentlichten Quellen. Wir werden auch einige wichtige Punkte des historischen Hintergrunds behan- deln und auf die politische Situation in der Sowjetunion Anfang des 20. Jahrhunderts eingehen, eine Zeit, die heute weitgehend vergessen ist oder mißverstanden wird. Die jährliche Ausgaben-Statistik des American Jewish Joint Distribution Committee zeigt die Beträge, die nach eigenen Angaben des “Joint” zwischen 1914 und 1934 für Not- hilfe ausgegeben wurden. Es gab zwei Kategorien von Hilfen: Not- oder allgemeine Hilfe, die Suppenküchen, Kleidung, medizinische Notversorgung beinhaltete, sowie Förderungs- oder Wiederaufbau- hilfe, die im Wesentlichen darin bestand, Fachschulen, Banken und landwirtschaftliche Betriebe zu errichten und zu betreiben. Am Ende des Ersten Weltkrieges spendeten die Menschen großzügig, aber in den Jahren nach 1920 ging das Spendenaufkommen Jahr für Jahr zu- rück. Wie im letzten Kapitel dargelegt, wurden die Spendensammler 1926 wirklich erfinderisch und vergrößerten erfolgreich das Spen- denaufkommen. Die während des Krieges und in der unmittelbaren Zeit danach gesammelten Hilfsmittel wurden in die Nothilfe geleitet, die man auch als allgemeine Hilfe bezeichnete. Später wurde das meiste Geld für den Wiederaufbau oder die Förderhilfe ausgegeben. Bis zum Jahr 1926 wurden laut ihren eigenen Zahlen 81% des Gel- des für Wiederaufbau ausgegeben, und 1927 sogar 86%. Nach Angaben des Vorsitzenden David A. Brown gingen 1927 weniger als 20% der nach Polen entsandten Mittel tatsächlich in die Nothilfe. Der Rest ging an “Aufbau-Unternehmungen”, wie die Er- richtung genossenschaftlicher Banken in Polen, die Finanzierung von Kaufleuten und Künstlern, sowie der Förderung jüdischer Landwirt- schaftssiedlungen.140 Ebenfalls 1927 behauptete ein Max Steuer, der 140 Leitartikel, New York Times, 12. September 1927. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 82 nach Europa gegangen war, um die Hilfsprogramme zu untersuchen, daß 40% des gesammelten Geldes »bei den Geldwechsel-Manipula- tionen der Bankiers verschwanden.« Herr Steuer zitierte einen Dr. Greenebaum, ein Mitglied des pol- nischen Parlaments, der sagte, daß bis vor kurzem, »nachdem das Geld überwiesen worden war, die Wechselkurse auf der anderen Seite so manipuliert wurden, daß mindestens 40% des Geldes verbraucht waren, bevor auch nur ein Dollar an den Empfänger, für den er be- stimmt war, ausgeteilt wurde.« Steuer erhob noch andere Vorwürfe, aber er stellte auch klar, daß er polnische Bankiers und nicht amerikanische Bankiers meinte.141 Wie zu erwarten war, bekam Steuer in der Presse einen scharfen Rüffel dafür, daß er die Aktionen des “Joint” in Frage stellte. Am Montag, den 12. September 1927, publizierte die New York Times den Kommentar:142 »Herr David A. Brown zitierte Zahlen, die darauf hindeuten, daß in Polen weniger als 20% der Mittel der Nothilfe zugute kamen. Der Rest wurde “konstruktiven” Unternehmungen gewidmet. In einer vor kurzem erfolgten öffentlichen Stellungnahme vertrat Herr Henry Moskowitz die Auffassung, daß eine Untersuchung der Konten des Joint Distribution Committee belegen würde, daß in Polen der Groß- teil der Hilfsgelder in die Errichtung genossenschaftlicher Banken und anderer Agenturen floß, um kleine Kaufleute und Künstler zu fi- nanzieren. Dies könnte sich übrigens auf das beziehen, was Herr Steuer vage – sehr vage – meinte, als er seine überraschenden Vor- würfe erhob, insbesondere sein Hinweis auf die Manipulation von Wechselkursen. Wenn amerikanische Dollar in polnische Zloty kon- vertiert wurden, um Bankkapital zu schaffen, ist es denkbar, daß auf- grund der Fluktuation des polnischen Wechselkurses einige Verluste eintraten.« DieJewish Daily News war direkter. Sie vertrat die Meinung, daß Herr Steuer schlicht sich selbst seiner Rolle als jüdischer Gemein- schaftsanführer enthoben habe.143 Die Vorgehensweise des Komitees wurden sowohl von Louis Marshall als auch von Felix Warburg verteidigt. Warburg bedauerte die große öffentliche Aufmerksamkeit und beharrte darauf, daß Steu- 141 »Steuer Puts Blame on Polish Bankers«, New York Times, 7. September 1927. 142 Leitartikel, New York Times, 12. September 1927. 143 »Warburg Assails Steuer’s Charges«, New York Times, 9. September 1927 Kapitel 5: Auf der Spur des Geldes 83 er sich zu sehr auf Gerüchte verlassen habe und sein Anliegen durch die Zeitungen verfolge. Warburg führte weiter aus, daß Steuers Aus- sagen keinem guten Zweck gedient hätten und daß das Problem be- hoben worden sei. Als Sprecher bei der Constructive Relief Conference im Oktober 1927 antwortete Felix Warburg, daß die Politik des Joint Distribution Committee auf einem tiefen Respekt vor dem Judentum der Alten Welt basiere und daß die europäischen Juden lange vor dem Krieg viele beachtliche nationale und internationale philanthropische Ge- sellschaften ins Leben gerufen hätten. Er sagte, daß die Führerschaft des europäischen Judentums nie in Frage gestellt wurde und daß es die generelle Politik des “Joint” sei, seine Tätigkeit über die beste- henden jüdischen Organisationsstrukturen in Europa laufen zu las- sen.144 Es wird nicht berichtet, daß Warburg irgend etwas über die Hungerstatistiken sagte, die während der Geldsammelaktionen des Vorjahres genannt worden waren. Aber er vertrat die Meinung, daß 1919 und 1920 die schwärzesten Jahre in der modernen jüdischen Geschichte gewesen seien. Nach Angaben von Warburg führten in diesen beiden Jahren »weitverbreitete Massaker und Pogrome zur Ermordung mehre- rer hunderttausend Juden. Auf der anderen Seite sei es zu einem phänomenalen Wiederaufleben jüdischer Aktivitäten gekommen, be- gleitet von intensiven sozialen Bestrebungen, sowie einer Renais- sance von Kultur- und Wirtschaftstheorien, die mit allseitigen Bewe- gungen für nationale Selbstbestimmung und Anerkennung der Rech- te rassischer Minderheiten einhergingen.« Warburg behauptete auch, daß es ukrainische Pogrome gegeben habe, bei denen nahezu 200.000 jüdische Männer, Frauen und Kinder durch Feuer und Schwert umgekommen seien, was eine der schwär- zesten Seiten der Geschichte darstelle.145 Die Öffentlichkeit vergaß Steuers Kritik schnell. 1932 wurde Fe- lix Warburg gleich nach dem Obersten Bundesrichter Louis Brandeis als zweiter in eine Ehrenliste der zehn führenden Juden der Vereinig- ten Staaten gewählt. Weiter gehörten zu diesen “Top 10” der Oberste Bundesrichter Justice Benjamin Cardozo und der Juraprofessor von 144 Bericht über die Aktivitäten des Joint Distribution Committee, Constructive Re- lief Conference, Chicago, IL, 22. – 23. Oktober 1927, S. 4. 145 Ebenda, S. 9-11. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 84 Harvard, Felix Frankfurter, sowie New York Times Publizist Adolf Ochs und Rabbi Stephen Wise.146 Was für eine Art Mensch war Felix Warburg? Man beschrieb ihn als humorvoll, ein Mensch, der es verstand, mit vielen verschiedenen Arten von Menschen umzugehen. Obwohl er als Führungsperson vom New Yorker Establishment hoch respektiert und aufrichtig ge- schätzt wurde, war er kein Intellektueller. Ein Macher, kein Denker. Obwohl mit einer reichen Erbin verheiratet, hatte er offen zahlreiche Freundinnen. Er war eine Person, der nie etwas peinlich war, ausge- stattet mit eisernem Mut sowie öffentlich glaubwürdig, unabhängig davon, ob er besonders wahrheitsgetreu war oder nicht. Der Haken bei Felix war, daß er das Leichtgewicht der Familie war und nicht in- telligent genug für die Hamburger Bank.147 Für die Lektüre des nächsten Abschnitts ist es nur recht und billig, zunächst das Offensichtliche hervorzuheben, daß Felix Warburg für die meisten Menschen in der Öffentlichkeit ein außerordentlich wohlhabender republikanischer Bankier war. Wir nehmen an, daß er zunächst nichts mit Sowjetrußland zu tun haben wollte. Für mich ist die Behauptung, Juden seien damals vom Kommunismus angezogen worden, etwa so fair wie die Behauptung, daß die Deutschen in den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts vom Nationalsozialismus an- gezogen wurden. Es ist zudem eine Tatsache, daß die private karita- tive Organisation, die Warburg anführte, landwirtschaftliche Koloni- en in der Sowjetunion unter der Behauptung finanzierte, daß Millio- nen von Juden Jahr für Jahr in der Sowjetunion hungerten. Schon unter der Herrschaft des Zaren hatte man in Rußland ver- sucht, jüdische Landwirtschaftskolonien zu errichten. Vor der kom- munistischen Revolution arbeiteten Chibbat Zion-Anhänger in ganz Rußland. Diese sozialistische Bauernbewegung wurde finanziell von Baron Edmund de Rothschild unterstützt, der sie »meine Kolonien« nannte und Bevollmächtigte einsetzte, um sie zu beaufsichtigen. Dies bedeutete nicht, daß Baron Rothschild den Zaren mehr akzeptierte als Warburg vom Kommunismus angezogen wurde. Es ist möglich, daß sowohl Rothschild als auch Warburg meinten, sie könnten einen positiven und mäßigenden Einfluß auf diese jeweiligen Regime aus- üben, indem sie mit ihnen eine Geschäftsbeziehung unterhielten. 146 New York Times, 31. Dezember 1932. 147 R. Chernow, aaO. (Anm. 36), S. 289. Kapitel 5: Auf der Spur des Geldes 85 Oder sie könnten aus anderen Gründen engagiert gewesen sein, etwa um die Auswanderung aus Rußland zu erleichtern oder um temporäre Siedlungen für Leute zu errichten, die später nach Palästina geschickt werden konnten. Natürlich gibt es die offensichtlichen humanitären Gründe. Bei rückblickender Betrachtung erscheint jede Sympathie mit der marxi- stischen Ideologie unlogisch und unglaubwürdig. Aber wir müssen kurz einige der Schriftsteller und Denker erwähnen, deren Werke in dieser Zeit einflußreich waren und deren Ideen Persönlichkeiten und Meinungsmacher wie Rothschild und Warburg wie auch den niedrig- sten Kommissar und GULag-Aufseher motiviert haben könnten. Sie sind heute weitgehend vergessen, wahrscheinlich aus dem guten Grund, daß sie vom Lauf der Geschichte nicht bestätigt wurden. Ein hebräischer Romancier ermunterte seine Leser dazu, aufzuhö- ren, Juden in einem theoretisch-religiösen Sinn zu sein, und zu Juden einer lebenden und sich entwickelnden Nation zu werden. Nachman Syrkin sagte voraus, daß die Juden die Welt erlösen würden, die sie gekreuzigt habe, und daß ihre Rolle in der Menschheitsgeschichte ei- ne einzigartig auserwählte sei, die in der Zukunft durch Vermittlung des Zionismus das sozialistische Jahrtausend herbeiführen würde.148 Syrkin sagte 1918, daß das jüdische Volk nicht aus Not dem Sozia- lismus anhänge, sondern weil die Revolution auf dem Berg Sinai verkündet worden sei.149 Ein führender Rabbi aus Palästina, Ab- raham Kook, schrieb, daß eine konsequente Anwendung aller Gebote der Torah in sozialen und wirtschaftlichen Angelegenheiten nicht mit dem kapitalistischen System vereinbar sei. Moses Mendelssohn, der Begründer des jüdischen Rationalismus, behauptete:150 »Der Fortschritt der modernen Zivilisation wird inzwischen als eine Art “Messias” für die Endlösung des jüdischen Problems ange- sehen.« Dov Ber Borochow war ein führender Exponent des marxisti- schen Zionismus. 1905 schrieb er Die nationale Frage und der Klas- senkampf, das von Juden, die damals in Rußland lebten, viel gelesen 148 David J. Goldberg, To the Promised Land – A History of Zionist Thought, Lon- don/New York: Penguin Books, 1996, S. 117. 149 Enzo Traverso, The Marxists and the Jewish Question, New Jersey: Humanities Press, 1994, S. 51 150 Nahum Sokolow, History of Zionism 1600-1918, Bd. 1, London/New York: Longmans, Green and Co., 1919, S. xvii. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 86 wurde. Borochow, der im wissenschaftlichen, jargongefüllten, klobi- gen Stil der marxistischen Analyse schrieb,151 behauptete, so wie der Klassenkampf um die materiellen Produktionsmittel geführt werde, so gebe es auch einen nationalen Kampf um »geistige« (Sprache, Gewohnheiten, Sitten) und territoriale Produktionsbedingungen. Bo- rochow stellte die Hypothese auf, daß sich die normalerweise anta- gonistischen Klassen innerhalb einer eroberten oder unterdrückten Nationalität zusammenschlössen, um sich mit dem unterdrückten Proletariat zu identifizieren. Nach Borochow denken und handeln sogar die Oberklassen einer unterdrückten Nation wie ein unter- drücktes Proletariat, weil die Geschichte der ganzen Nation unter- drückt worden ist. Durch diese Verdrehung von marxistischem Kau- derwelsch wurde der jüdische Nationalismus in eine progressive Be- wegung zur nationalen Befreiung transformiert, indem der Klassen- kampf in den Zionismus interpoliert wurde. Die New Standard Jewish Encyclopedia erklärte Borochows Theorie folgendermaßen:152 »Borochows ideologischer Hauptbeitrag war seine marxistische Analyse der Wirtschaftsstruktur und der sozialen Lage des jüdischen Volkes, indem er auf die tatsächliche Unvermeidbarkeit der Land- konzentration in Palästina als ein Mittel der beruflichen Umvertei- lung und Normalisierung hinwies.« Sokolows Geschichte des Zionismus, zuerst 1919 veröffentlicht, verzeichnet, daß während der kommunistischen Revolution von 1917 in Odessa, einem Hafen am Schwarzen Meer, ganze Bataillone zioni- stischer Soldaten hinter blauen und weißen Fahnen durch die Stadt marschierten, wobei sie ausriefen: »Freiheit in Rußland, Land und Freiheit in Palästina«. Hundertfünfzigtausend Männer folgten diesen Fahnen, und der Militärgouverneur von Odessa bestand darauf, ihnen öffentlich Reverenz zu erweisen.153 Im Verlauf des russischen Bür- gerkriegs zwischen den Roten und den Weißen stand die jüdische Bevölkerung massiv hinter der Roten Armee und ihre Intelligenzija wurde in den sowjetischen Staatsapparat rekrutiert.154 Leon Trotzki akzeptierte als Anführer der Roten Armee im Jahr 1919 den Vor- schlag von Paole Zion, daß man jüdische »nationale Bataillone« auf- 151 D. Goldberg, aaO. (Anm. 148), S. 126. 152 The New Standard Jewish Encyclopedia, siebte Ausgabe, 1992. 153 N. Sokolow, aaO. (Anm. 150), Bd. 2, S. 38. 154 E. Traverso, aaO. (Anm. 149), S. 7. Kapitel 5: Auf der Spur des Geldes 87 stelle, um die Verteidigung der jüdischen Bevölkerung zu organisie- ren und sie für das neue bolschewistische Regime zu gewinnen.155 1922 wurde berichtet, daß eine starke jüdische Armee, die zum Selbstschutz organisiert worden war, gut mit Gewehren, Munition und Maschinenpistolen ausgerüstet sei und 500.000 Mann umfasse. In einer Stadt namens Spalla führte die gut bewaffnete jüdische Freiwilligenarmee einen Guerillakrieg gegen eine Bande von einigen hundert Banditen, der damit endete, daß die Juden die Stadt einnah- men. Die Ordnung wurde sofort hergestellt und mehrere tausend ehemalige Stadtbewohner, die zwei oder drei Jahre vorher einer Serie von Massakern entkommen waren, begannen, aus allen Teilen Ruß- lands und Rumäniens herbeizuströmen. Die jüdische Armee wurde von jungen zionistischen Gruppen gegründet und hatte daher sowohl religiöse als auch rassische Bedeutung.156 Ab 1924 wurden jüdische Kolonien mit einer Gesamtfläche von 6.070.500 Quadratkilometern auf der Krim, in den Distrikten Saporoschje, Cherson und Odessa, im Kaukasus und in Weißrußland gegründet. Ebenfalls 1924 wurde bei einem Mittagessen bei Kuhn & Loeb in New York ein Programm ausgearbeitet, um das Joint Distri- bution Committee in einige dieser Projekte einzubeziehen. Das Joint Distribution Committee begann, sowjetische jüdische Landwirt- schaftssiedlungen in der Ukraine und auf der Krim mit einer Mi- schung aus gespendetem Geld, geliehenem Geld und sowjetischer Unterstützung zu finanzieren. Diese Siedlungen wurden eine bizarre Kreuzung aus karitativem Engagement durch die Park Avenue und marxistischer Landwirtschaft. Einige der von Agro-Joint gegründeten jüdischen Siedlungen waren zionistische Kolonien, die von Men- schen besiedelt wurden, welche die Krim als Sprungbrett auf dem Weg nach Palästina benutzten. Dreizehn der Kolonien hatten hebräi- sche Namen. Nach Statistiken aus Jehuda Bauers Buch My Brother’s Keeper, das durch ein großzügiges Stipendium des Joint Distribution Committee finanziert worden war, gab es im Jahr 1928 auf der Krim 112 Agro-Joint Kolonien.157 Die sowjetische Regierung stellte jedes 155 Zitiert von Joseph Nedava, Trotsky and the Jews, Philadelphia: Jewish Publica- tion Society of America, 1972, S. 114. 156 »South Russian Jews Raise Strong Army – Organized for Self-Protection, It is Said to Number Now 500,000 Soldiers«, New York Times, 20. Dezember 1922. 157 Y. Bauer, aaO. (Anm. 58), S. 60. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 88 Jahr 500.000 Rubel als Budget für die Agro-Joint-Siedlungen zur Verfügung.158 Die neue sowjetische Regierung betrachtete die Juden als ehemals unterdrückte Nationalität, die Anspruch auf ihre eigenen Gebiete ha- be. Im Einklang mit dem sowjetischen Prinzip der nationalen Auto- nomie wurden diese Gebiete als autonome jüdische Bezirke verwal- tet. Schulen, Hochschulen, Gerichte, Polizeikräfte und der gesamte Regierungsapparat wurden auf Jiddisch geführt. Es gab ferner Thea- ter, Publikationen, Filme, Radio und Vorlesungen. Jüdische Arbeiter wurden für die neuen Fabriken in ganz Rußland rekrutiert. In Asien wurde nahe der Grenze zur Mandschurei das Gebiet von Biro- Bidschan, das so groß ist wie New Jersey, alsbald als Gebiet für aus- schließlich jüdische Siedler erklärt. Nach 1920 und in der ersten Hälfte der 30er Jahre sowie vielleicht noch lange danach war es in der Sowjetunion ein Privileg, Jude zu sein. Es war eine Zeit staatli- cher Protektion für russische Juden. Man stufte sie als treue Alliierte der Sowjetmacht ein und betraute sie daher mit den Führungspositio- nen in der Politik. Die sowjetische Regierung gab dem Jüdischen Theater ein erstklassiges Gebäude mitten in Moskau und große staat- liche Zuschüsse für seine Arbeit, und seine schaffenden Künstler er- hielten großzügig Titel und Medaillen, die ihnen Privilegien und ma- teriellen Komfort innerhalb des Sowjetsystems garantierten.159 Im Frühling 1927 ging Felix Warburg in die Sowjetunion und rei- ste von Wladiwostok nach Moskau, wobei er behauptete, er habe 40 der Agro-Joint-Kolonien auf der Krim und in der Ukraine besichtigt. Warburgs Gruppe reiste im privaten Eisenbahnwaggon und besich- tigte abgelegenere Gegenden mit zwei Limousinen mit Chauffeur. Felix legte den Grundstein für ein Felix-Warburg-Gymnasium und besuchte eine Siedlung mit dem Namen Felix Warburg Nr. 4 und 5.160 Bei seiner Rückkehr berichtete er einer Versammlung bei einer Geldsammelaktion in Chicago:161 158 Ebenda, S. 65. 159 E. Traverso, aaO. (Anm. 149), S. 155; Arkady Vaksberg, aaO. (Anm. 110), S. 52- 63. 160 R. Chernow, aaO. (Anm. 36), S. 289-304. 161 »After Three Years, The Progress of the Jewish Farm Colonies in Russia«, Berichte von Dr. Joseph A. Rosen, Felix M. Warburg, und James H. Becker, Vor- getragen auf der Constructive Relief Conference des Joint Distribution Commit- tee und der United Jewish Campaign, Chicago, 22-23. October 1927. Kapitel 5: Auf der Spur des Geldes 89 »Ich wünschte, Sie wären mit uns auf unserer Reise durch Ruß- land gewesen. Gute Freunde hatten uns gewarnt, diese Reise nicht zu unternehmen, daß sie gefährlich sei, daß wir in ein Land gingen, wo alles überwacht würde und wir im Hinblick auf die Dinge, die wir sehen wollten, vorgekautes Essen bekommen würden. Nichts Derartiges ist passiert. In keinem Land, das wir besuchten, waren wir so frei von Formalitäten und wurde uns so viel Freiheit einge- räumt wie in Rußland. […] Die Arbeit in Rußland war ein großer Erfolg, nicht nur in gefühlsmäßiger Hinsicht, sondern auch in finan- zieller Hinsicht. Es ist kaum zu glauben, daß ungeschulte Juden aus den Städten zu diesen Bauernhöfen gebracht wurden und im dritten Jahr ernstlich anfangen, die Kredite zurückzuzahlen, gewaltige Kre- dite, aber das ist die Wahrheit. Alles, was sie erhalten, wird von ih- nen in einem Buch notiert. Wann immer sie in das Buch sehen, wis- sen sie, was sie der genossenschaftlichen Kreditgesellschaft schul- den, und sie wissen, was sie den Juden Amerikas verdanken.« Julius Rosenwald, der Eigentümer von Sears, war ein Großspen- der an die American Jewish Joint Agricultural Corporation, und eine Siedlung wurde nach ihm benannt. Für die Kommunisten bestimmte das Blut und nicht die Religion das Judentum. In der Sowjetunion wurde Antisemitismus als ein Ver- brechen gegen die jüdische Nationalität geahndet. Es war ein rassisti- sches Verbrechen. Die Kommunisten förderten, was sie als die »gei- stigen« Aspekte eines Volkes bezeichneten. Diese geistigen Eigenhei- ten waren Mythen, Volksgebräuche, Traditionen u.s.w., die nicht mit Religion verwechselt werden sollten, welche von den Kommunisten abgelehnt wurde. Während das Christentum, der Islam und der Ju- daismus als Religionen im kommunistischen System verfolgt wur- den, bevorzugte man die Juden als eine in der Geschichte unter- drückte Nationalität, vergleichbar etwa den Georgiern oder Armeni- ern. 1928 ernannte das Zentralkomitee der kommunistischen Partei in Moskau ein Sonderkomitee, um den Antisemitismus zu bekämpfen. Das Programm des Sonderkomitees sah eine systematische Kampa- gne durch geschultes Personal vor und begann mit seiner Arbeit in der kommunistischen Partei und in Schulen, einschließlich Hoch- schulen. Die Kampagne gegen Antisemitismus wurde in Schulbücher eingebracht, in Filmvorführungen, in die Presse und die Literatur. Öffentliche Diskussionen über Antisemitismus wurden veranstaltet Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 90 und Ausflüge zu den jüdischen Kolonien organisiert. Eine Aktion gegen Antisemitismus wurde auch in der Roten Armee durchgeführt sowie in den Gewerkschaften. Antisemitismus wurde ein Staatsver- brechen. Das Programm sah die höchsten Disziplinarstrafen vor und empfahl diese gegenüber allen, die antisemitischer Handlungen für schuldig befunden wurden, und insbesondere für diejenigen, die die jüdische Kolonisierungsarbeit ablehnten.162 Der Chef des Moskauer Staatstheaters und sieben weitere Beamte des Staatstheaters wurden wegen ihrer antisemitischen Vorgehens- weise entlassen.163 Eine Moskauer Meldung an The Jewish Telegraph Agency berichtete, daß vier »Pogromisten« zum Tode verurteilt wor- den seien und neun zu Gefängnisstrafen zwischen einem und zehn Jahren.164 Während einer Konferenz zur Bekämpfung von Antisemi- tismus, die im Allrussischen Kommunistischen Klub stattfand, er- klärte ein Moskauer Bezirksrichter, daß während der ersten zehn Monate des Jahres 1928 siebzig Personen in Moskau Disziplinarstra- fen wegen antisemitischer Propaganda erhalten hätten.165 Der Kampf gegen Antisemitismus wurde in Weißrußland ein Wahlkampfthema.166 »Kommunisten, kämpft gegen Ignoranz, Alkoholismus und Anti- semitismus, lautete ein in den Straßen aufgehängtes Plakat.« In einem zweiten Bericht wurden zwei Bandenführer zum Tode verurteilt, die eines Angriffs auf die jüdische Kolonie Nr. 3 für schuldig befunden wurden. Zwei weitere Mitglieder der Bande wur- den zu Gefängnisstrafen mit nachfolgender Verbannung verurteilt. Der Polizeipräsident und sein Assistent erhielten Gefängnisstrafen von 18 Monaten und der Vorsitzende des örtlichen Sowjet wurde zu einem Jahr Gefängnis verurteilt.167 Die kommunistische Presse berichtete, der Hauptgrund für Anti- semitismus in den Industriegebieten sei auf den Einfluß der »Kula- ken« (wohlhabendere Bauern) auf ehemalige Landarbeiter zurückzu- führen, die jetzt in Fabriken arbeiteten. Ein Reporter von The Jewish 162 »Communist Body Acts«, New York Times, 20. Mai 1928. 163 »Russian Communists War on Anti-Semitism«, New York Times, 13. Mai 1928. 164 »Death Decreed for Pogromists«, New York Times, 8. Juli 1928. 165 »Moscow Anti-Semites Disciplined«, New York Times, 14. Oktober 1928. 166 »War on Anti-Semitism Feature in Soviet Election Campaign«, New York Times, 6. Januar 1929. 167 »Two to Die for Pogrom«, New York Times, 3. September 1929. Kapitel 5: Auf der Spur des Geldes 91 Telegraphic Agency recherchierte und berichtete in einer Meldung aus Minsk:168 »Jüdische und nichtjüdische Arbeiter, die vom Korrespondenten interviewt wurden, stimmten darin überein, daß die Kulaken ihren Einfluß auf die neuen Fabrikarbeiter ausübten, um antisemitische Unruhen zu stiften, um so der sowjetischen Regierung Probleme zu bereiten. Die Kulaken sind besonders darüber erregt, daß die Regie- rung auf ihrem Plan der endgültigen Sozialisierung der Landwirt- schaft besteht.« In einem Schauprozeß wurde acht Arbeitern einschließlich drei Mitgliedern der kommunistischen Partei vorgeworfen, ein jüdisches Arbeitermädchen gequält zu haben. Um die größtmögliche Publizität zu erreichen, wurde das Gerichtsverfahren in der größten verfügba- ren Halle abgehalten und in ganz Rußland publik gemacht. Der Prä- sident des Weißrussischen Gerichtshofs hatte den Vorsitz über die Richter, und der Hauptankläger der Weißrussischen Republik vertrat den Fall persönlich für den Staat. Der Präsident der Weißrussischen Akademie der Wissenschaften und der Dekan der juristischen Fakul- tät von Minsk erschienen ebenfalls als »Ankläger im Namen der öf- fentlichen Meinung«. Um als Warnung für andere Delinquenten zu dienen, waren die Strafmaße sowjetischer Schauprozesse meist dra- konisch. Der Anklage zufolge war das jüdische Mädchen zunächst grob verspottet und danach mißhandelt worden. Man sagte ihr, sie würde in einen Ofen geworfen und danach wurde sie mit Wasser übergossen. Dann stolperte sie und fiel auf das Gesicht. Schließlich wurde ihr mit einem Holzschuh brutal auf das Fußgelenk geschlagen. Solches Rowdytum war unter Weißrussischen Arbeitern in dieser Zeit nur zu häufig. Ein fast genau gleicher Fall ereignete sich beinahe gleichzeitig in einer nahen Stadt in einer anderen Fabrik mit einem nichtjüdischen Mädchen als Opfer, aber das führte zu keinen staatli- chen Maßnahmen.169 Warum hatte sich die bolschewistische Partei dazu entschlossen, in der weißrussischen Hauptstadt Minsk einen Polit-Schauprozeß mit allem, was dazugehört, “gegen Antisemitismus” abzuhalten? Ein Hauptgrund war, wie in einem Bericht der New York Times über die- sen Prozeß angegeben wurde, daß die Wahlen zum Sowjet gerade 168 »Holds Kulaks Responsible – Investigators Blame Wealthier Peasants for Rus- sian Anti-Semitism«, New York Times, 30. Dezember 30, 1928. 169 »Anti-Semite Show Trial Opens at Minsk«, New York Times, 20. Januar 1929. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 92 begannen und die Kommunisten hofften, diese Wahlen nutzen zu können, um die Macht der Kulaken ein für allemal zu brechen. In Weißrußland hatte man vor kurzem den Kulaken viel Land wegge- nommen. Ein Teil davon wurde dazu verwendet, neue jüdische Landkolonien zu schaffen. Als Folge gab es in gewissem Umfang Einschüchterungen der neuen jüdischen Kolonisten. Die Kommuni- sten schlugen dann mit diesem Slogan zurück:169 »Aller Antisemitismus kommt von den Kulaken.« Man hatte auch deshalb entschieden, diesen Fall mit der größt- möglichen Publizität durchzupeitschen, weil solche Handlungen in dieser Gegend oft vorkamen. Eine Zunahme hätte politisch gefähr- lich werden können in einer Atmosphäre der Unzufriedenheit, die durch eine schlechte Ernte, erdrückender Besteuerung der Dörfer sowie Warenmangel in den Städten hervorgerufen worden war. Sogar die offizielle »jüdische Abteilung« des Direktoriums der kommuni- stischen Partei in Moskau spielte Antisemitismus herunter, um nicht Feinden des Sowjetregimes und der antisozialistischen jüdische Pres- se im Ausland Gelegenheiten zu »fantastischer Pogrompropaganda« zu geben.169 Die acht Angeklagten wurden der »Konterrevolution« beschul- digt, obwohl die zur Last gelegten Tatsachen kaum eine solch schreckliche Anklage rechtfertigten. Der sowjetische Hauptankläger dieses Prozesses (Krylenko) wollte die Todesstrafe durch Erschießen für Täter erster Klasse, die der konterrevolutionären Aktivitäten schuldig befunden wurden, sowie Gefängnis auf unbestimmte Zeit für Täter zweiter Klasse. Er sagte:169 »Auf keinen Fall wird diesen der zweiten Klasse angehörenden Kriminellen erlaubt, nach Hause zurückzukehren. Nach ihrer Entlas- sung aus dem Gefängnis werden sie in die lebenslange Verbannung an entfernte Orte geschickt, um keinen Schaden mehr zu stiften.« Der zentrale Punkt des Verfahrens war, ob die Angeklagten einer konterrevolutionären Handlung schuldig waren (Klasse 1). Der Rich- ter versuchte, eine Verbindung zwischen den Handlungen der Ange- klagten mit dem Einfluß der Kulaken und den NEP-Leuten herzustel- len. NEP-Leute waren kleine Geschäftsleute, die sich unter Lenins Neuer Wirtschaftspolitik (NEP) nach der Hungerkatastrophe von 1921-1922 betätigen durften und später existenzvernichtend besteu- ert wurden. Die vier Hauptangeklagten wurden des Antisemitismus Kapitel 5: Auf der Spur des Geldes 93 für schuldig befunden sowie der groben Behandlung ihrer Kollegin und erhielten Gefängnisstrafen.170 In einem weiteren Schauprozeß vier Monate später erhielten 24 andere russische Arbeiter, denen Antisemitismus vorgeworfen wurde, Gefängnisstrafen. Das Verfahren rief große Aufmerksamkeit hervor. Hunderte von Menschen strömten in das Gericht, um die Entschei- dung zu hören, die um 5 Uhr morgens verkündet wurde. Zur gleichen Zeit sagte Anatole Lunatscharski, Kommissar für Erziehung, wäh- rend eines Treffens in Moskau, er könne diejenigen verstehen, die gegen die sowjetische Regierung opponierten, aber er könne nicht verstehen, wie Anhänger des Kommunismus die Behauptung vertre- ten könnten, daß »Juden uns regieren«.171 Der sowjetische Krieg gegen Antisemitismus erfolgte in der Zeit nach Lenins Tod 1924, als Josef Stalin um die Macht buhlte. Er war ein Mann, der sich ein Leben lang selbst als Internationalist und ent- schiedener Gegner des Antisemitismus bezeichnete. Stalins erbittert- ster Gegner, Leon Trotzki, nannte Stalin einen kleinen Angestellten, einen Ideen-Dieb, ängstlich und unintelligent, aber er sagte nirgends, daß Stalin von Antisemitismus motiviert gewesen sei. Stalin, ein früherer Herausgeber der Prawda, gelangte erstmals in das Licht der Öffentlichkeit mit der Veröffentlichung seines Artikels »Marxismus und die nationale Frage« in der kommunistischen theo- retischen Zeitschrift Erleuchtungim Jahre 1913, ein Jahr vor Aus- bruch des Ersten Weltkrieges. Dieser Artikel behandelte die Frage, was Marxisten nach der Revolution mit all den nichtrussischen Na- tionalitäten tun sollten, die durch die Zaren erobert und zwangsweise zu einem Teil Rußlands gemacht worden waren. Stalin befürwortete die Schaffung örtlich autonomer Regionen (Kolonien, Reservate) für die bis dahin unterdrückten Nationalitätengruppen, wo ihre Sprache, Volksgewohnheiten und Traditionen respektiert würden. In diesem politisch gehaltenen Artikel schrieb Stalin ausführlich über die jüdi- sche Nationalität, indem er sie nicht als eine Nation beschrieb, son- dern als etwas Mystisches, Unfaßbares und Außerweltliches. Mit die- sem Artikel wurde Stalin zur bolschewistischen Autorität in bezug auf die Nationalitätenfrage. Lenin ernannte Stalin zum Kommissar 170 »Anti-Semites Sentenced. Several Russians Get Prison Terms for Treating Girl Roughly«, New York Times, 22. Januar 1929. 171 »Soviet Still Wars on Anti-Semitism«, New York Times, 19. Mai 1929. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 94 für Nationalitätenfragen in der ersten bolschewistischen Regierung. Im April 1922 wurde Stalin auf Lenins Forderung in den neu ge- schaffenen Posten des Generalsekretärs der kommunistischen Partei gewählt.172 Weniger als ein Jahr, nachdem er der unangefochtener Diktator der Sowjetunion geworden war, wobei seine öffentlichen Aussagen als nationale Politik eingestuft wurden, machte Stalin seine berühm- teste Erklärung über Antisemitismus. Stalin charakterisierte ihn als »das gefährlichste Relikt des Kannibalismus«:173 »Nationaler und rassistischer Chauvinismus ist ein Überbleibsel jenes Hasses des Menschen auf Gebräuche, der für die Ära des Kannibalismus charakteristisch ist. Antisemitismus ist eine extreme Ausdrucksform des rassischen Chauvinismus und ist als solcher das gefährlichste Relikt des Kannibalismus. Er ist für den Ausbeuter nützlich, da er als Blitzableiter dient und es dem Kapitalismus er- möglicht, den Schlägen des Arbeiters auszuweichen. Er ist eine Gefahr für die Arbeiter, da er ein falscher Weg ist, der sie ins Dickicht und weg von der richtigen Straße führt. Kommuni- sten können nur unversöhnliche Feinde des Antisemitismus sein. In der Sowjetunion wird er streng verfolgt, und gewalttätige Antisemi- ten werden dem Gesetz zufolge mit dem Tode bestraft.« Stalins »Kannibalismus«- und »Blitzableiter«-Analogien waren Richtschnur kommunistischer Orthodoxie. Karl Kautsky, ein Haupt- theoretiker der Zweiten Marxistischen Internationalen, schrieb 1903, daß das zaristische Regime die Juden »als einen Blitzableiter wäh- rend der Stürmebenutzte, die sich über der Autokratie zusammen- brauen.« Lenin hatte den Antisemitismus immer in der klarsten und unnachgiebigsten Form verurteilt. 1918 unterzeichnete er ein Dekret, das ihn als eine »tödliche Gefahr für die ganze Revolution und als Gefahr für die Arbeiter und die Bauern« bezeichnete. Engels sah den Kampf gegen den Antisemitismus als ein vorrangiges Ziel der inter- nationalen Arbeiterbewegung und schrieb in der Arbeiterzeitung, der Tageszeitung der österreichischen Sozialisten, daß »wir den Juden viel verdanken. […] Marx war von reinem jüdischen Blut, Lassalle 172 Albert Resis (Hrsg.), Molotov Remembers, Conversations with Felix Chuev, Chi- cago: Ivan R. Dee Inc., 1993, S. 87. 173 »Stalin Hits Anti-Semitism – Says It is “Most Dangerous Survival of Cannibal- ism”«, New York Times, 15. Januar 1931. Diese Aussage wurde in Moskau am Vortag gegenüber der Jewish Telegraphic Agency abgegeben. Kapitel 5: Auf der Spur des Geldes 95 war Jude, sehr viele unserer besten Genossen sind Juden.«174 Und Karl Marx sagte: »Der stärkste Gegensatz zwischen Jude und Christ ist religiöser Art. Wie löst man dieses Problem? Indem man die Religion ab- schafft.« Marx sagte auch, daß sich der Mensch von der Religion politisch emanzipiere, indem er sie vom Bereich des öffentlichen Rechts ins Privatrecht verweise.175 Stalins Anhänger waren in der Regel hingebungsvolle, nicht be- sonders intellektuelle Parteigenossen, die nie außerhalb der Sowjet- union gewesen waren. Seine Gruppe verlieh der marxistischen So- zialtheorie eine steife, totalitäre Engstirnigkeit. Wenn sich die Theo- rien als nicht praktikabel erwiesen, versteifte man sich nur um so dogmatischer, brutaler und sogar mörderischer auf ihre Durchfüh- rung. Lazar Kaganowitsch war wahrscheinlich der größte und be- stimmt der ausdauerndste Schlächter in der stalinistischen Ära. Gele- gentlich gebrauchte er den Decknamen Koscherowitz176 und war der für die ukrainische Hungersnot 1931-1932 Hauptverantwortliche. Es wurde sogar behauptet, daß Kaganowitsch der tatsächliche Herr des Kreml sei und Stalin lediglich eine Marionette.177 Die einzige englischsprachige Biographie über diesen Mörder von mehr als 20 Millionen Menschen wurde von Stuart Kahan geschrie- ben, einem amerikanischer Schriftsteller, dessen Tante Rosa Stalins dritte Frau war und der daher auch Neffe von Lazar Kaganowitsch ist, aber mehr darüber später. Kahan arbeitete als Journalist für die New York Times. In den 1980er Jahren besuchte und interviewte er Kaganowitsch, der inzwischen im Ruhestand war und in einem Mos- kauer Appartement wohnte. Es ist ein couragiertes Buch, das auf In- terviews mit Familienmitgliedern basiert, vermischt mit Familienge- schichten und Überlieferungen, und somit eine faszinierende und höchst lesbare Biographie. Aber es schont die Familie und behandelt 174 E. Traverso, aaO. (Anm. 149), S. 26. 175 Morris Stockhammer (Hrsg.), Karl Marx Dictionary, New York: Philosophical Library, 1965, S. 121, 214. Beide Zitate stammen aus Marxens Artikel über die jüdische Frage. 176 Strobe Talbott (ed.), Khrushchev Remembers – The Last Testament, Boston: Lit- tle, Brown, and Co., 1974, S. 150. 177 Walter Laqueur, Stalin – The Glasnost Revelations, New York: Scribner’s, 1990, S. 251. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 96 sogar Lazar Kaganowitsch relativ freundlich, soweit dies moralisch möglich ist. Obwohl die einzige verfügbare Biographie über diesen größten Massenmörder des 20. Jahrhunderts weitgehend positiv aus- fällt, erstaunt es, daß dieses Buch überhaupt existiert. Kahan schrieb, daß Kaganowitsch während des ersten Jahres des großen Terrors die Ermordung von nahezu einer halben Million Menschen überwachte, als Massensäuberungen wie ein ungebändig- tes Untier durch das Land rasten.178 Während er an der Macht war, wurden die Namen von acht Städten in Kaganowitsch umbenannt, zusätzlich zur Moskauer U-Bahn, die anfangs nach ihm benannt war. Die Tscheka wurde ihm übertragen (die später als GPU, dann als NKWD und noch später als KGB bezeichnet wurde), ein Spionage- büro, das eine politische Polizei des organisierten Terrors wurde. Sta- lin übertrug Kaganowitsch die Aufgabe, seine zweite Frau unter Be- obachtung zu halten und über ihre Aktivitäten zu berichten. Nachdem sie Selbstmord begangen hatte, stellte Kaganowitsch Stalin seiner jüngeren Schwester Rosa vor, die Ärztin in einer Moskauer Klinik war, und innerhalb eines Jahres wurde Rosa Kaganowitsch Stalins dritte und letzte Frau. Kaganowitschs ständiger Begleiter während dieser Zeit war ein gewisser Nikita Chruschtschow, der als Schabbes Goi in der Ukraine am Sabbat die Sabbatlichter angezündet und die Öfen für die hohen jüdischen Politiker angefacht hatte.179 Chruschtschow schrieb in sei- ner Biographie, daß er Kaganowitsch zum ersten Mal 1917 als russi- scher Bauer traf und seine frühe Karriere Kaganowitsch verdankte. Kaganowitsch war Chruschtschows Vorgesetzter zwischen 1928 und 1938 und abermals zwischen 1946 und 1948.180 Kahan schrieb, daß es Kaganowitsch große Freude machte, 16 größere Dörfer der Kosaken nach Sibirien umsiedeln zu lassen, weil er die Kosaken dafür verantwortlich machte, die Juden unter den Za- ren verfolgt zu haben.181 Er beteiligte sich am Abriß der Christi- Erlöser-Kirche in Moskau zugunsten eines neuen Palastes der So- 178 Stuart Kahan, The Wolf of the Kremlin, New York: William Morrow and Com- pany, Inc., 1987, S. 174. 179 Ebenda, S. 158. 180 Strobe Talbott (ed.), aaO. (Anm. 176), S. 544f. 181 S. Kahan, aaO. (Anm. 178), S. 158-165. Kapitel 5: Auf der Spur des Geldes 97 wjets. Das Heilige-Woche-Kloster wurde in ein Theater für Partei- mitglieder umfunktioniert.182 »Die Menschen hatten Angst davor zu lachen. Es war, als sei eine große Decke über ihren Mund gehängt worden.« Kahan gab einen interessanten Bericht über Stalins Tod, der mög- licherweise stimmt. Nach Kahan verschrieb Stalins Frau Rosa Stalin nach dessen erstem Schlaganfall Tabletten mit dem Namen Dicuma- rol, ein Antikoagulationsmittel, das auch in Rattengift verwendet wird. Große Mengen sind tödlich, aber in kleinen Mengen einge- nommen verzögert Dicumarol Blutgerinnsel und macht somit einen weiteren Schlaganfall weniger wahrscheinlich. Nach seinem ersten Schlaganfall nahm Stalin zweimal am Tag Dicumarol. Später vervier- fachte Rosa heimlich die Dosis, was ihn schließlich vergiftete. Das Problem dieser Geschichte liegt darin, daß Kahan Molotow, Bulga- nin und andere aus dem inneren Kreis als Verschwörer bei Stalins Untergang einbezieht. Es ist nicht sehr wahrscheinlich, daß Stalin in seinem eigenen inneren Kreis keine Freunde hatte, aber diese Theo- rie schützt Rosa und Lazar Kaganowitsch vor der vollen Verantwor- tung.183 Vielleicht wurde Stalin wirklich durch einen jüdischen Arzt getötet, nämlich seine Frau. Eine Autopsie könnte uns Klarheit ver- schaffen. Schwer zu glaubende Geschichten über mordende Ärzte zirkulier- ten schon seit langem in der Sowjetunion. Eine frühere “Ärztever- schwörung” war eine der Entschuldigungen für den sowjetischen großen Terror der 1930er Jahre. In Kürze lautet diese frühere Ge- schichte und ihre sich daran anschließenden Konsequenzen folgen- dermaßen: 1934 planten Bucharin, Jagoda und andere “Rechte”, die mit Trotzki in Verbindung standen, Stalin, Woroschilow, Kirow, Menschinsky, Molotow, Kuibyschew, Kaganowitsch, Gorki sowie Schdanow umzubringen, also praktisch die ganze Sowjetführung. Dies sollte durch Ärzte bewerkstelligt werden, die langsam die Ge- sundheit dieser Führungskräfte ruinieren sollten. Wie von den Ver- schwörern angewiesen, gaben die Ärzte absichtlich schlechte Rat- schläge und leisteten Fehlbehandlungen bei Krankheiten, insbeson- dere bei Herzgefäßerkrankungen. Dem Patienten wurden Injektionen und Stimulanzien verabreicht, die ihn heimlich töten sollten. Auf die- 182 Ebenda, S. 178. 183 Ebenda, S. 257-265. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 98 se Weise wurde Menschinski umgebracht und Jagoda nahm seine Po- sition in der Führung ein. Als sich der international bekannte Schrift- steller Gorki eine schwere Grippe zuzog und starb, ging schnell das Gerücht um, daß sein Arzt seinen Zustand absichtlich verschlechtert und so Gorki getötet habe. Bald sagte man, Trotzki habe befohlen, daß »Gorki physisch um jeden Preis ausgelöscht werden muß« auf- grund des Prestiges, das Gorki genoß, und weil er persönlich Stalin sehr ergeben war. Diese und ähnliche erdichtete “Verbrechen” wur- den in drei Prozessen vor dem Militärtribunal des Obersten Gerichts der UdSSR behandelt und zwar im August 1936, Januar 1937 und März 1938, also auf dem Höhepunkt des großen Terrors.184 Beim Verfahren von 1936 wurden Sinowjew und Kamenew aus dem Ge- fängnis geholt, wo sie Strafen aus früheren Verurteilungen absaßen. Die Anklage behauptete, daß sich zwischen Leon Trotzki auf der ei- nen Seite und Alfred Rosenberg und Rudolf Hess vom nationalsozia- listischen Deutschland auf der anderen Seite eine enge Beziehung entwickelt habe. Zum Ende des dritten Verfahrens 1938 wurden die tötenden Ärzte und andere Verschwörer verurteilt und durch ein Exekutionskommando erschossen. Während des großen Terrors von 1936 bis 1938 billigte Stalin ei- nen Plan für die summarische Erschießung von Zehntausenden von Menschen, indem er Richtzahlen für Erschießungen in den Bezirken festlegte. Es gab einen sozialistischen Wettstreit zwischen den Abtei- lungen des NKWD, die meisten Spione zu finden. N.I. Jeschow, Sta- lins Chef der Geheimpolizei auf dem Höhepunkt des großen Terrors, erzwang brutal wissentlich falsche Geständnisse von unschuldigen Menschen. Stalin unterzeichnete persönlich Todesurteile, einschließ- lich eines Dokuments mit 3.167 Hinrichtungen an einem Tag. Schließlich wurde Jeschow festgenommen, verurteilt und wegen des Verbrechens der »linken Überreaktion« erschossen und durch Berija ersetzt.185 Die Bolschewisten der alten Garde wurden festgenommen und erschossen, ein Manöver, das durchaus bei manchen aus den Un- terklassen populär gewesen sein mag, weil das Leid, das die Revolu- 184 Albert E. Kahn, Michael Sayers, The Great Conspiracy – The Secret War Against Soviet Russia, Boston: Little, Brown, and Co., 1946, S. 262 et al. 185 John Arch Getty, Roberta T. Manning, (eds.), Stalinist Terror. New Perspectives, Cambridge/New York: Cambridge University Press, 1993. S. 14, 34, 42. Kapitel 5: Auf der Spur des Geldes 99 tion dem russischen Volk zugefügt hatte, so viel Bitterkeit angesam- melt hatte.186 Schließen wir dieses Kapitel mit einer Bemerkung über die so- wjetische “Ärzteverschwörung” der 1950er Jahre. Laut Autor Kahan waren sechs der 15 angeklagten Ärzte Juden, aber die offizielle Mit- teilung über die Festnahme berichtete nur neun der fünfzehn Namen, einschließlich aller sechs Judennamen. Es wurde daher gegenüber der Welt der Eindruck erweckt, als seien die meisten der Festge- nommenen Juden gewesen, was typisch für die falschen Auffassun- gen ist, die bis zum heutigen Tage wiederholt werden. Zum Beispiel berichtet die online Encarta Encyclopedia: »1953 wurden fünfzehn Ärzte, die meisten davon Juden, festge- nommen und beschuldigt, hochrangige sowjetische Beamte auf Ge- heiß des Joint Distribution Committee, einer zionistischen Organisa- tion, ermordet zu haben.« Ein Schelm, wer Schlechtes dabei denkt. 186 Walter Laqueur, aaO. (Anm. 177), S. 273f. 101 Kapitel 6: Die Spur führt weiter Strahlende Berichte über die Aktivitäten in den sowjetischen Landwirtschaftskolonien des Joint erfolgten weiter bis in die frühen dreißiger Jahre. 1931 berichtete die New York Times:187 »Die wirtschaftliche Umformung des jüdischen Lebens in Ruß- land grenzt beinahe an ein Wunder. Ungeachtet aller Schätzungen für die Zukunft, sind die bemerkenswerten Tatsachen nicht zu über- sehen, die bei der Sitzung des Nationalitätenrats Mitte Januar in Moskau herauskamen, daß zu Beginn dieses Jahres 46,7 Prozent der jüdischen Bevölkerung in Sowjetrußland Lohnempfänger waren, ein Prozentsatz, den bislang keine andere Nationalität in Sowjetrußland erreicht hat, außerdem, daß 43% dieses neuen jüdischen Proletariats mit der Schwerindustrie in Zusammenhang standen, daß sich die ehemalige Dominanz im Schneider- und Kürschnergewerbe zu einem Vorherrschen in der Metallurgie gewandelt hat, daß die Zahl der Ju- den, die in der sowjetischen Metallindustrie arbeiten, nun die Zahl in allen anderen Gewerben übersteigt. […] Die Zahl jüdischer Män- ner ohne Rechte, weil sie Handel betreiben, wurde auf ein solches Minimum reduziert, daß sie nicht mehr zählt. […] Eine Nation, die praktisch nur aus Ladenbesitzern und Händlern bestand, wird vor unseren Augen in ein Volk von Land- und Industriearbeitern umge- wandelt.« Jehuda Bauer berichtet in My Brother’s Keeper, daß ein Anführer des “Joint” die damalige brutale Vernichtung der Kulaken mit Kolle- gen und jüdischen Führern in Rußland diskutiert hatte, bemerkt aber, daß unter den Kolonisten nur wenig Kulaken waren, und sie das des- halb kaum berühren würde.188 Agro-Joint reagierte auf die sowjeti- sche Zwangskollektivierungen, indem er bei örtlichen sowjetischen Regierungsbeamten und Vertretern der Kommunistischen Partei in- tervenierte, um rechtliche Beschränkungen so zu ändern, daß die 187 William Zukerman, »Status of the Jews in Russia as transformed by the Revolu- tion«, The New York Times, 31. Mai 1931. 188 Y. Bauer, aaO. (Anm. 58), S. 70. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 102 Agro-Joint-Kolonien die Kollektivierungsmaßnahmen relativ gut überstanden.189 Jüdische Arbeiter und Bauern auf der Krim und in der Ukraine ist ein Buch über die Aktivitäten der sowjetischen Agro-Joint-Kolonien, das von Evelyn Morrissey geschrieben wurde, einer langjährigen Mitarbeiterin des American Jewish Joint Distribution Committee und Assistenzschatzmeisterin von Agro-Joint. Es berichtet über einen einmonatigen Besuch in der Sowjetunion und eine Besichtigungsrei- se dieser landwirtschaftlichen Kolonien im Jahr 1935. Das Agro- Joint-Projekt in der Sowjetunion machte einige “Joint”-Angestellte zu Sympathisanten (Personen, die sich mit dem Anliegen der Kom- munistischen Partei identifizieren, ohne Mitglied zu sein). Morris- seys Begleiter wurden wie Könige behandelt und mußten nicht Schlange stehen, um den einbalsamierten Leichnam Lenins zu sehen. Sie verbrachte den ersten Abend in der Staatsoper, machte dann eine Runde durch die Moskauer Museen sowie durch das gerade eröffnete prächtige Moskauer Lazar-Kaganowitsch-U-Bahnsystem. Ihr wurde erzählt, daß der Rote Platz nicht von den Kommunisten so benannt wurde, sondern wegen der öffentlichen Hinrichtungen so bezeichnet wurde, die dort in früheren Zeiten stattfanden. »Waren es Gemetzel von Iwan dem Schrecklichen, die ihm seinen Namen gaben?« fragte sich Morrissey. Sie sah Kirchen, die noch immer geöffnet waren, und Kirchen, die nun Museen oder Arbeiterklubs waren. Sie sah das Haus, in dem Stalin lebte. Sie besuchte Leningrad, Odessa und Kiew. Dann besuchten Morrissey und ihre Begleiter die Agro-Joint- Kolonien. In einer Kolchose wurde ihnen gesagt, 1934 sei für sie ein gutes Jahr für Getreide gewesen, aber 1935 würde sogar noch besser sein.190 (Man erinnere sich, daß über 7 Millionen Ukrainer zwischen 1933 – 1934 in einer künstlich erzeugten Hungersnot gestorben sind191). Sie berichtete, daß sie Gefangene gesehen habe, die auf den Feldern in den Steppen der Krim arbeiteten und unter recht guten Bedingungen lebten. Sie schrieb, daß »Unerwünschte, Konterrevolu- 189 Ebenda, S. 74f. 190 Evelyn Morrissey, Jewish Workers and Farmers in the Crimea and Ukraine, Pri- vately Printed, New York: Self-published, 1937, S. 38. 191 Robert Conquest, Harvest of Sorrow. Soviet collectivization and the terror- famine, London: Hutchinson, 1986; Robert Conquest u.a., The Man-made famine in Ukraine, Washington: American Enterprise Institute for Public Policy Re- search, 1984. Kapitel 6: Die Spur führt weiter 103 tionäre sowie Klassenfeinde in Rußland« keine Pässe fürs Inland er- hielten, so daß sie, wenn sie flohen, als Verurteilte keine Arbeit be- kommen konnten. Diese Pässe mußten alle drei bis fünf Jahre erneu- ert werden, erklärte sie, und nur Arbeiter und Menschen, die das So- wjetsystem akzeptierten, erhielten Reisepässe. Das Buch fährt fort:192 »Dies, so wird erklärt, gibt eine sorgfältige Kontrolle über den Sowjetbürger. Wir haben viel über die Verhältnisse der Zwangs- und Gefängnisarbeiter und deren Schrecken gelesen, aber hier in diesen goldenen Sonnenblumenfeldern können wir uns nicht vorstellen, was dies bedeutet.« Morrissey berichtete auch, daß die »sowjetische Regierung nicht nur aktiv bei dem Werk kooperiert, sondern offiziell die Führung übernommen hat, indem sie die Lösung der jüdischen Frage als ein Staatsproblem anerkennt.« Sie erwähnte die laufende Regierungs- kampagne gegen den Antisemitismus, daß die Verbreitung antisemi- tischer Propaganda eine Straftat war, die durch Verbannung und Ge- fängnis bestraft wurde: »Juden, sagte sie, genießen als Nationalität echte und absolute Gleichberechtigung mit dem Rest der Bevölkerung bezüglich Bürger- rechte, politischer und anderer Rechte. In den Agro-Joint-Kolonien genießen Juden kulturelle Autonomie. Jiddisch wird in den Schulen und Gerichten gesprochen, und die Juden geben so jüdische Traditi- on an die jüngere Generation weiter durch das jüdische Kommunal- leben, das Studium der jüdischen Literatur etc.« Eine von Joseph Hyman verfaßte und 1939 veröffentlichte “Jo- int”-Publikation193 berichtete, daß zu den Agro-Joint-Projekten landwirtschaftliche Siedlungen, Industrialisierung und andere Aktivi- täten gehörten, sowohl für auf dem Land als auch für in der Stadt le- bende Juden.194 »Ab einer bestimmten Entwicklungsstufe bei allen Agro-Joint- Projekten wurde die Arbeit von örtlichen Regierungsstellen in die Hand genommen und in die allgemeine Struktur des wirtschaftlichen und sozialen Lebens des Landes eingepaßt und auf Kosten der Re- gierung in größerem Maßstab fortgeführt.« 192 E. Morrissey, aaO. (Anm. 190), S. 41. 193 Joseph C. Hyman, Twenty Five Years of American Aid To Jews Overseas. A Re- cord of the Joint Distribution Committee, New York, 1939. 194 Ebenda, S. 31. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 104 Diese Veröffentlichung behauptete, daß das Landsiedlungsprojekt 250.000 Menschen in der Ukraine und der Krim ansiedelte und daß »die Kollektive bis 1937 stark genug geworden waren, um neue Mitglieder ohne Hilfe von außen in die Kolonien aufzunehmen und um mehr Mittel für allgemeine Verbesserungen zur Verfügung zu stellen, wie die Elektrifizierung von Dörfern, Bewässerung, Wasser- versorgung und andere Projekte.« Agro-Joint unterhielt dreihundert Kreditgesellschaften, die von der Regierungsbank 1937 übernommen wurden, »die ihn in die Lage versetzte, in einem größeren Ausmaß weiterzuarbeiten, als es einer sozialen Wohltätigkeitsorganisation möglich gewesen wäre.« Die gleiche “Joint”-Veröffentlichung von 1939 erwähnte auch, daß andere Handels- und Landwirtschaftsschulen erfolgreich betrie- ben wurden, gelegentlich in Zusammenarbeit mit anderen jüdischen Organisationen wie etwa ORT195 und der sowjetischen Regierung. Sie berichtete von der Schaffung von 63 medizinischen Gesellschaf- ten, die erfolgreich gegen »Tuberkulose, Trachom, Pilzflechte und andere Krankheiten kämpften, die unter der verarmten jüdischen Be- völkerung grassierten.« Dies belegt die Fähigkeit, während der 1920er und 1930er Jahre große Menschengruppen weit in der So- wjetunion umherbewegen zu können. Sie berichtete ferner, daß Agro-Joint 1937-1938 seine Aktivitäten beendete, »als sich heraus- stellte, daß die russischen Juden nicht mehr die Unterstützung aus- wärtiger Organisationen benötigten.«196 Laut The JDC Story, die 1953 vom American Jewish Joint Distri- bution Committee veröffentlicht wurde, gab es bis 1936 215 Agro- Joint Kolonien mit 100.000 Menschen, die auf der Krim und in der Ukraine operierten:197 »In weniger als 15 Jahren half die Arbeit von Agro-Joint, einen großen Teil des russischen Judentums von einer niedergeschlagenen, fast hilflosen Ghetto-Bevölkerung in zuversichtliche und produktive Feld- und Fabrikarbeiter umzuwandeln. […] Ohne die volle Koope- ration der russischen Regierung hätten diese Ziele nicht verwirklicht 195 Organisation zur Förderung handwerklicher und landwirschaftlicher Fähigkeiten bei Juden in Rußland (ORT), eine jüdische Fördergruppe, die 1880 im zaristi- schen Rußland gegründet wurde. Die Verwaltungsbüros befinden sich in London, England. 196 J.C. Hyman, aaO. (Anm. 193), S. 27-33. 197 Moses A. Leavitt, The JDC Story. Highlights of JDC Activities 1914-1952, New York: American Jewish Joint Distribution Committee, Inc., 1953, S. 10. Kapitel 6: Die Spur führt weiter 105 werden können, nach dieser “Joint”-Quelle von 1953. Aber schließ- lich wurde JDC 1938 gebeten, seine Aktivitäten in Rußland einzu- stellen, da die Regierung nach Angaben der Behörden nun in der Lage war, für ihre Bürger zu sorgen, ohne auf auswärtige Hilfe zu- rückzugreifen.« InMy Brother’s Keeper nannte Jehuda Bauer die Ergebnisse die- ser Kolonisierungsbemühungen »unklar« und sagte, daß die ganze Geschichte darüber, was mit Agro-Joint geschah, erst erzählt werden könne, wenn die Agro-Joint-Unterlagen in Rußland gefunden und der Untersuchung durch Forscher zugänglich gemacht würden.198 Aber die sowjetischen Landwirtschaftskolonien wurden stets von den Siedlungen in Palästina überschattet. Schließlich war der “Joint” 1914 gegründet worden, um Kolonisten in Palästina zu helfen. Viele Spendensammler, besonders in Wises American Jewish Congress, waren der Ansicht, daß die sowjetischen Kolonien bestenfalls eine Ablenkung vom zionistischen Ziel seien. Palästina war das bestän- digste Anliegen in den Spendenkampagnen des Joint Distribution Committee von 1914 bis nach 1920 und 1930, genau wie heute – für Israel. Als 1914 die Feindseligkeiten zwischen dem Deutschen Reich, Österreich-Ungarn und den ottomanischen Türken auf der einen Sei- te und Großbritannien, Frankreich und dem zaristischen Rußland auf der anderen Seite ausbrachen, war das, was damals Palästina genannt wurde, ein Teil des türkischen ottomanischen Reichs, wie bereits er- wähnt. Die Vereinigten Staaten traten 1917 in den Krieg ein. Eben- falls 1917 erfolgte der Balfour-Erklärung, und Großbritannien er- oberte Palästina einschließlich Jerusalem. Nach der Einstellung der Feindseligkeiten erhielt Großbritannien auf der Pariser Friedenskon- ferenz das Mandat über Palästina. Rabbi Wise erinnerte sich an ein Treffen, das er mit Lord Balfour im Dezember 1918 hatte. Wise schrieb:199 »Wir [Wise und Balfour] trafen uns wieder bei einem Dinner, das Lord Rothschild für König Feisal und den weltberühmten T.E. La- wrence gab. Feisal sah von Kopf bis Fuß wie ein östlicher Machtha- ber aus und sprach Arabisch. Lawrence übersetzte die Rede in einfa- 198 Y. Bauer, aaO. (Anm. 58), S 103f. Bauer bemerkt im Vorwort, daß er ein großzü- giges Stipendium vom Joint Distribution Committee erhielt, um dieses Buch zu schreiben. 199 S.S. Wise, aaO. (Anm. 91), S. 195f. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 106 ches musikalisches Englisch, eine ziemlich einfache Aufgabe, wenn man weiß, daß er wahrscheinlich die arabische Version für Seine Majestät geschrieben hatte.« Bald nachdem Großbritannien dieses Mandat des Völkerbunds über Palästina erhalten hatte, wurde Winston Churchill Minister für Kolonien im Kabinett des britischen Premierministers Lloyd George. Er schien zu glauben, daß die Juden, die nach Palästina kamen, für die Araber, die in Palästina lebten, von Vorteil sein würden. Wie be- reits in einem früheren Kapitel erwähnt, erzählte Churchill einer De- legation Moslems in Jerusalem, daß Palästina »eine«, nicht »die« na- tionale Heimat der Juden sein würde. Anläßlich einer Rede im briti- schen Unterhaus am 4. Juli 1922 fragte Churchill rhetorisch:200 »Werden wir unsere Zusagen, die wir 1917 gegenüber den Zioni- sten abgaben, halten? […] Zusagen und Versprechen wurden wäh- rend des Krieges abgegeben, und sie wurden nicht nur aufgrund von Verdiensten abgegeben, obwohl ich denke, daß die Verdienste be- achtlich waren. Sie wurden abgegeben, weil man glaubte, daß sie für uns in unserem Ringen, den Krieg zu gewinnen, wertvoll sein wür- den. Man dachte, daß die Unterstützung, die die Juden uns in der ganzen Welt geben konnten, vor allem in den Vereinigten Staaten und auch in Rußland, ein echter spürbarer Vorteil sein würde.« Das Weißpapier Churchills vom Juli 1922, während er Kolonial- minister war, schloß, daß die Befürchtungen, »was die Araber be- trifft, teilweise auf übertriebenen Auslegungen der Bedeutung der [Balfour-]Erklärung basierten, die die Errichtung einer jüdischen nationalen Heimstätte in Palästina begrüßte. […] Es wurden unauto- risierte Aussagen gemacht, denen zufolge das angestrebte Ziel die Schaffung eines vollständig jüdischen Palästinas sein würde. Es wurden Formulierungen verwendet, wie etwa, daß Palästina ebenso jüdisch werden müsse wie England englisch ist.«201 Vielleicht dachte Churchill, daß die Juden, die nach Palästina kamen, gute Palästinen- ser würden, so wie sie gute Engländer, gute Deutsche und gute Fran- zosen geworden waren. Viele der Führungspersönlichkeiten jener Zeit sahen nicht, daß sich Palästina zu einem jüdischen Staat entwickelte. Max Warburg betrachtete Palästina als einen möglichen heiligen Ort, um den Geist 200 Robert John, Behind the Balfour Declaration, Costa Mesa, CA: Institute for His- torical Review, 1988, S. 85. 201 J. de Haas, S.S. Wise, aaO. (Anm. 59), S. 173-176. Kapitel 6: Die Spur führt weiter 107 wiederzubeleben, ein kulturelles Geschenk an die Menschheit.202 Dementsprechend finanzierte Felix Warburg großzügig die Errich- tung eines Instituts für jüdische Studien an der Hebräischen Univer- sität. Lord Balfour war Präsident bei den Gründungszeremonien zur Eröffnung der Hebräischen Universität am 1. April 1925. Chaim Weizmann wurde ihr erster Präsident und Albert Einstein Vorsitzen- der des Akademischen Rates.203 1925 tat sich Felix Warburg mit Louis Marshall zusammen, um die Palestine Economic Corporation zu gründen, mit Felix als Ehrenvorsitzenden, um Investitionskapital in Handels- und Agrar-Projekte in Palästina zu kanalisieren. Felix’ Phantastereien über eine von menschlichen Schwächen gereinigte klassenlose Gesellschaft, aus dort lebenden Landwirten und Künst- lern, erinnert an die jüdischen Agro-Joint-Kolonien in Rußland.204 Diese Idee entstammte natürlich nicht Warburg, sondern viele dieser Ideen findet man in Theodor Herzls Schriften, besonders in seinem Roman Altneuland.205 Die eingeborenen Palästinenser waren über diese Veränderungen nicht glücklich, obwohl Briten und Zionisten versuchten, die Weltöf- fentlichkeit vom Gegenteil zu überzeugen. Am 23. August 1929 er- folgte ein arabischer Aufstand gegen die jüdische Bevölkerung in Pa- lästina. Fünf Tage nach diesem arabischen Aufstand wurde in Madi- son Square Garden in New York City eine Massenversammlung ver- anstaltet, bei der zweieinhalb Millionen Dollar gesammelt und ein Nothilfe-Fonds für jüdische Opfer des arabischen Aufstands geschaf- fen wurde, dessen Verteilung im September 1929 begann. Man be- mühte die Propaganda, um zu zeigen, wie die jüdische Einwande- rung nach Palästina den dort wohnenden Arabern zu Wohlstand ver- holfen habe. Eine Umfrage wurde durchgeführt, die zeigte, daß jüdi- sche Unternehmen sowohl den Wert des arabischen Besitzes vervier- facht als auch die Kaufkraft der Araber erhöht hätten. Nach dieser Umfrage gehörten zu den Klassen, die durch die Juden negativ ein- geschätzt wurden, arabische Arbeitgeber, die ihre Mitbürger durch billige Arbeit ausbeuteten, und Landbesitzer, die ihre Pächter aus- 202 R. Chernow, aaO. (Anm. 36), S. 297. 203 Ebenda, S. 252. 204 Ebenda, S. 252 und 448. 205 Theodor Herzl, Old New Land, Princeton, NJ: M. Wiener, 1997; zuerst auf Deutsch als Altneuland circa 1900 veröffentlicht; letzte Auflage Wien, Basel, Stuttgart: Deutsch, 1962. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 108 nutzten.206 Die Umfrage gab die Meinungen der palästinensischen Romanfigur Reschid Bey aus Herzls bekanntester Erzählung Altneu- land wieder, der behauptete, daß alle von der jüdischen Expansion profitiert hätten, die Landbesitzer von höheren Landpreisen, die Landarbeiter von geordneter Beschäftigung und Sozialfürsorge. Herzls populärer utopischer Phantasie-Roman Altneuland wurde 1899 geschrieben und spielt in der Zukunft (1923). In diesem Roman sagt ein Christ:207 »“Ihr seid eigentlich kurios, ihr Mohammedaner! Seht ihr denn diese Juden nicht als Eindringlinge an?” “Christ, wie sonderbar ist Ihre jetzige Rede!” antwortete der freundliche Reschid. “Würden Sie den als einen Räuber betrachten, der Ihnen nichts nimmt, sondern etwas bringt? Die Juden haben uns bereichert, warum sollten wir ihnen zürnen? Sie leben mit uns wie Brüder, warum sollten wir sie nicht lieben? […] Sie müssen schon entschuldigen, aber Duldsamkeit habe ich im Abendlande nicht ge- lernt. Wir Mohammedaner haben uns von jeher besser als ihr Chris- ten mit den Juden vertragen.”« Dies könnte für manche Wunschdenken gewesen sein, aber viele Juden ließen die Sorgen der bereits in Palästina lebenden Araber schlichtweg kalt. Der “Joint” organisierte 1926 die Palestine Economic Corporati- on, die durch verschiedene Tochterfirmen wie etwa die Central Bank of Cooperative Institutions, die Loan Bank Ltd., die Palestine Mort- gage and Credit Bank Landwirten, Künstlern, Kleinhändlern und Fa- brikanten Kredite gab. Die Palestine Water Company und die Baysi- de Land Corporation wurden gegründet, und der “Joint” investierte ebenfalls in Palestine Potash Ltd., Palestine Hotels, Palestine Fo- undries und Metal Works, Agricultural Mortgage Company und die Palestine Electric Corporation.208 Stephen S. Wise sagte 1931 folgendes über den Zionismus und die Probleme in Palästina:209 206 »Survey Reveals that Jewish Immigration to Palestine Brings Prosperity to Ar- abs«, The New York Times, 15. Juni 1930. 207 Theodor Herzl, Old New Land, aaO. (Anm. 205), S. 124f. Der Text entstammt dem deutschen Original. 208 J.C. Hyman, aaO. (Anm. 193), S. 39. 209 »Rabbis Urge Faith As Key To Crisis«, The New York Times, 21. September 1931, S. 36. Kapitel 6: Die Spur führt weiter 109 »Nur zwei Arten von Wesen glauben, daß der Zionismus nach Macht und Gewaltanwendung strebt. Zunächst jene nichtswürdigen arabischen Anführer, die sich nicht vorstellen können, daß man wirk- lich an die Waffen von Liebe und Frieden glauben kann, und die ebenso nichtswürdigen jüdischen Anführer, die nur das Schlechteste über ihr eigenes Volk denken, die mit einer Schwäche für eine über- holte Philosophie aus dem 19. Jahrhundert und allen ihr eigenen Gegebenheiten darauf bestehen, daß die Wiederkehr jüdischen Le- bens in Palästina Zwang, Gewalt und Krieg bedeute. Als ob Juden, die sogar unter ihresgleichen als Idealisten herausragen, dafür sor- gen würden, daß jedes jahrhundertealte jüdische Ideal abgeschafft würde.« Nach dem Ende des Ersten Weltkrieges gab es ein allgemeines Gefühl, daß etwas Großes passieren würde. Viele der Hoffnungen und vielleicht das Wunschdenken jener Zeit werden in einem Artikel der New York Times vom 28. August 1922 schön zusammengefaßt, der auch die Rückkehr Jerusalems anspricht und vorhersagt, daß es die Hauptstadt des Weltfriedens werde: »JUDEN DER WELT WERDEN VÖLKERBUND UNTERSTÜTZEN Dr. Sokolow berichtet dem Zionistischen Kongreß, daß Jerusalem internationale Hauptstadt des Friedens sein wird. ARABISCHEENTENTE VORHERGESAGT Dr. Weizmann überzeugt, Palästina kann nicht ohne die Mitwir- kung des arabischen Volkes wiederaufgebaut werden. KARLSBAD, 27. August (Jewish Telegraphic Agency) – “Der Völ- kerbund ist eine jüdische Idee und Jerusalem wird eines Tages die Hauptstadt des Weltfriedens,” erklärte Dr. Nahum Sokolow, Vorsit- zender des Zionistischen Exekutivausschusses auf einem Sondertref- fen der Zionist Conference heute. “Der Völkerbund hat unsere Rechte auf unsere alte Heimat aner- kannt,” fuhr Dr. Sokolow fort. “Wir Juden in der ganzen Welt wer- den den Kampf des Völkerbundes zu unserem eigenen machen und werden nicht ruhen, bis der endgültige Sieg erreicht ist.” […] Man beschloß auf dem Treffen, Grußbotschaften an Max Nordau, einen der ersten Nachfolger Herzls, Earl Balfour sowie Baron Ed- mond de Rothschild zu versenden, wobei der Letztgenannte der Gründer der ersten jüdischen Kolonie in Palästina ist. […] George Halpern, Schatzmeister der Zionistischen Weltorga- nisation, behauptete, die Zionisten sollten sich auf die Kolonisierung Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 110 und Einwanderung konzentrieren, anstatt auf kulturelle Aktivitäten. […]« Dr. Sokolow war der Autor der 1919 veröffentlichten Geschichte des Zionismus und damals sehr einflußreich sowohl bei der Bestim- mung der Zielsetzung der Bewegung als auch bezüglich ihrer Naivi- tät. Theodor Herzl war der Begründer der zionistischen Bewegung und bemerkenswert als religiöser Anführer, der selbst nicht religiös war. Max Nordau wurde von vielen als der geistige Erbe Herzls an- gesehen, und Chaim Weizmann war der charismatische ehemalige englische Chemieprofessor, der damals tatsächlich die zionistische Bewegung anführte. Felix Warburgs Nichte, Lola Hahn Warburg, war Weizmanns Geliebte. In den 1920ern behauptete Theodor Herzls geistiger Erbe Max Nordau, daß Juden an der polnisch-russischen Grenze abgeschlachtet würden und daß 600.000 von Pogromen betroffene Juden sofort mit ihrem Besitz nach Palästina transferiert werden sollten. Nordau, so wird berichtet, prophezeite, daß ein Drittel dieser Juden verhungern würde, ein Drittel würde auswandern und daß das verbleibende Drit- tel schnell und endlich den jüdischen Staat erringen würde.210 Laut Nahum Sokolows Geschichte des Zionismus argumentierte die antizionistische Mendelssohnsche Schule wie folgt:211 »Der Fortschritt der modernen Zivilisation wurde allmählich als ein “Messias” für die Endlösung des jüdischen Problems angese- hen.« Diese Geschichte schildert, wie Berichte über Massaker an Juden in Polen im 15. Jahrhundert und über die Inquisition in Spanien, wo Juden lebendigen Leibes verbrannt wurden, öffentliche Sympathie auslösten, die zur Wiederaufnahme der Juden in England führte.212 Sokolow schreibt folgendes über den Ersten Weltkrieg:213 »Unter all den Schlachtfeldern und Gräbern des Krieges ist kein einziges mit dem Schlachtfeld des jüdischen “Ghettos” in Osteuropa vergleichbar. Millionen von Juden wateten durch Seen von Blut und Tränen. Städte und Dörfer sind mit ihrem Blut gefärbt worden. Die Juden haben ihren Handel, ihr Vermögen und sich selbst geopfert. 210 Edwin Black, The Transfer Agreement, Washington, D.C.: Dialog Press, 1999, S. 77. 211 N. Sokolow, aaO. (Anm. 150), Bd. 1, S. xvii. 212 Ebenda, Bd. 1, S. 32. 213 Ebenda, Bd. 1, S. xxii. Kapitel 6: Die Spur führt weiter 111 Die Blüte der Männer wurde verloren oder verstümmelt. Die Quellen des Lebens wurden abgeschnitten, jedes Glied der Existenzkette ge- brochen.« Ähnlich schrieb Sokolow über Theodor Herzl, den nicht religiö- sen Begründer der zionistischen Bewegung:214 »Herzl hatte sein erstes Pamphlet unter dem Einfluß der Dreyfus- Affäre geschrieben. Dieser Aufschrei von vor 20 Jahren gellt vereint mit den Schreien von Müttern, Frauen, Waisenkindern von den Scheiterhaufen und Ruinen, die in ihrer brutalen Realität die schlimmsten Schilderungen eines Jeremias weit hinter sich zurück- lassen. Die Toten stehen aus ihren Gräbern auf, mit Blut bedeckt, in den Staub getreten mit dem feurigen Namen Gottes, die Shaddae auf ihren blassen Stirnen, und sie verlangen, gehört zu werden.« Wie wir sehen können, ist das Bild einer massiven, grellen Nach- ahmung der Kreuzigung seit langem in der Literatur präsent. Ein weiteres Buch, das ebenfalls 1919 veröffentlicht wurde, Der Jude zahlt. Ein Bericht über die Folgen des Krieges für die Juden Osteuropas und über die Art, in der Amerikaner versuchen, darauf zu reagieren, gibt eine spirituelle Erklärung für diese karitativen Sam- melaktionen:215 »Die Sprache des alten Israel in all ihren eloquenten und berüh- renden Modulationen wurde irgendwie prophetisch für diese hohe Stunde geformt. Der geschulte Organisator, der die jüdische Seele kennt, konnte sich an die heiligen Bücher wenden und darin zahllose Texte für seine Zwecke finden. Ein Viertel der Bibel berichtet über jüdischen Kampf und jüdisches Leid und strotzt von Perlen der Lite- ratur über Aufrufe und Appelle an das Mitgefühl. Die Hälfte der jü- dischen Fastentage und Feste erinnert an Exil und Unterdrückung und die drohende nationale Vernichtung.« 214 Ebenda, Bd. 2, S. 13. 215 Marcus Eli Ravage, The Jew Pays. A narrative of the consequences of the war to the Jews of eastern Europe, and of the manner in which Americans have at- tempted to meet them, New York: Alfred A. Knopf, 1919. Der Rest des Zitats lau- tet: »Der Passah-Gottesdienst beginnt mit einer Einladung an die Hungrigen und Beladenen, zu kommen und am Brot und dem Wohlstand ihrer erfolgreicheren Brüder teilzuhaben. Das Neujahrsfest und der Versöhnungstag sind im wesentli- chen Tage der Buße, und in der jüdischen Tradition beginnt Buße immer mit Lie- be und karitativer Fürsorge gegenüber dem Nächsten. Das Purimfest feiert die Erinnerung an einen Mann und an eine Frau, die für die Rettung des Volkes Isra- el vor der Vernichtung sorgten; und der neunte Abh ist eine Fastenzeit der Trauer über die Zerstörung des nationalen Lebens.« Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 112 Bevölkerungsstatistiken, die in dieser Zeit veröffentlicht wurden, stützen die Behauptungen nicht, daß es während des Ersten Welt- krieges einen Holocaust an Juden gegeben habe. Ganz im Gegenteil, zwischen 1900 und 1920 hat sich nach Standardnachschlagewerken die jüdische Bevölkerung weltweit mehr als verdoppelt. Ein Nach- schlagewerk, der World Almanac von 1900, gab damals eine jüdische Bevölkerung von 7.186.000 an, einschließlich 3,4 Millionen in Ruß- land und 1,7 Millionen in der Habsburger Monarchie. Der World Al- manac von 1920 bezifferte die jüdische Bevölkerung auf etwa 15 Millionen, einschließlich 10,9 Millionen in Europa und 3,5 Millio- nen in Nord- und Mittelamerika. In derselben Periode von 20 Jahren, von 1900 bis 1920, wuchs die gesamte Weltbevölkerung um 25 Prozent von etwa 1,2 Milliarden im Jahr 1900 auf etwa 1,6 Milliarden 1920. Die christliche Weltbe- völkerung wuchs von 477 Millionen im Jahr 1900 auf 576 Millionen und die moslemische Weltbevölkerung wuchs von 176 Millionen im Jahr 1900 auf 227 Millionen im Jahr 1920.216 Warum geben Statistiken das Wachstum der Weltbevölkerung und der Religionen des Rests der Welt von 1900 bis 1920 mit 20 bis 25 Prozent an, das der jüdischen Weltbevölkerung in den gleichen 20 Jahren aber mit einem Wachstum von über 100 Prozent? In genau dieser Zeit fanden laut den Propagandisten der Geldsammelaktionen für den “Holocaust” des Ersten Weltkrieges massive Hungersnöte, Pogrome und Verfolgungen statt. Das paßt nicht zusammen, um es milde auszudrücken. Die gesamte Weltbevölkerung wuchs von 1900 bis 1920 um 25 Prozent. Wenn die jüdische Weltbevölkerung zwi- schen 1900 und 1920 in Wirklichkeit nur um 20 bis 25 Prozent zuge- nommen hätte, so würde dies die fehlenden fünfeinhalb Millionen am Ende des Zweiten Weltkrieges erklären. Natürlich ist die Sache nicht so einfach. Der Knackpunkt liegt darin, daß die jüdische Welt- bevölkerung nach Angaben der Standardnachschlagewerke, die wäh- rend dieser Zeit veröffentlicht wurden, im ersten Teil des 20. Jahr- hunderts viel schneller wuchs als die sie umgebende Bevölkerung. Zudem gab es nach Angaben von Arno Mayer ein beachtenswer- tes Wachstum in England in dieser Zeit:217 216 The World Almanac and Encyclopedia 1900, New York: The Press Publishing Co., 1900; The World Almanac and Encyclopedia 1920, ebenda, 1919. 217 Arno J. Mayer, Why Did The Heavens Not Darken?, New York: Pantheon Books, 1988, S. 50. Kapitel 6: Die Spur führt weiter 113 »Mitte der 1880er Jahre hatte England nur 65.000 Juden, von denen 46.000 in London lebten. Drei Viertel von ihnen waren im Handel, Kommerz und akademischen Berufen beschäftigt, und die meisten von ihnen waren gut etabliert und relativ wohlhabend. Aber dann, während der nächsten 30 Jahre bis 1914, wuchs die jüdische Bevölkerung nahezu auf das Fünffache und betrug 300.000.« Es wird auch allgemein angenommen, daß etwa ein Drittel aller osteuropäischen Juden zwischen 1881 und 1914 ihr Heimatland ver- ließ, um in die Vereinigten Staaten zu ziehen.218 Der Zensus der Ver- einigten Staaten von 1890 verzeichnete eine Bevölkerung von 130.000 Juden, jedoch belief sich die jüdische Bevölkerung von Nord- und Mittelamerika bis 1920 bei etwa 3.530.000.219 Diese ame- rikanischen Zahlen scheinen annähernd mit der Realität im Einklang zu stehen. Es gab während des größten Teils dieser Zeit keine Re- striktionen für die Einwanderung in die Vereinigten Staaten, und bis zu 3 Millionen Juden kamen aus Ländern Osteuropas, wo es Krieg und politische Instabilität gab. Schwer zu glauben ist die Behaup- tung, daß die Bevölkerung der osteuropäischen jüdischen Gemeinden von 1900 bis 1920 ebenfalls zunahmen, wo sie doch so viele ihrer jungen Männer in den Krieg und so viele Familien nach Amerika und Großbritannien geschickt hatten. Beim Vergleich der Zahlen muß man beachten, daß es vor 1918 kein modernes Polen, keine Tsche- choslowakei und kein Jugoslawien gab. 1885 bezifferte das Bulletin der Geographischen Gesellschaft von Marseilles die Gesamtzahl der Juden auf der Welt auf 6.877.602 ein- schließlich 300.000 in Amerika und 5.407.603 in Europa. Von den europäischen Statistiken von 1885 ist die interessanteste Zahl jene für Rußland, die mit 2.552.145 angegeben wird (weitere 70.000 wur- den als im asiatischen Rußland lebend aufgeführt und 14.000 in Tur- kestan und Afghanistan). Frankreich ist mit 70.000 aufgelistet. Natürlich gab es 1885 kein Polen, weil es zwischen dem Habs- burgerreich (1.648.708), dem Deutschen Reich (561.512) und Ruß- land (2.552.145) aufgeteilt war.220 218 Zum Beispiel vgl. G. Ivers, aaO. (Anm. 45), S. 35. 219 The World Almanac and Encyclopedia 1920, aaO. (Anm. 216), beziffert die jüdi- sche Bevölkerung von Nord- und Mittelamerika mit 3.530.000. 220 »Statistics of the Jews«, The New York Times, 17. Oktober 1885. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 114 Conklins praktisches Manual of Useful Information and World’s Atlas, veröffentlicht 1888, setzte die damalige jüdische Bevölkerung weltweit mit 7 Millionen an.221 Mindestens 6.000.000 war die Schätzung, vom Jewish Young Men’s Club 1889 in Glasgow, England. Sie besagte ferner:222 »Es ist schmerzlich, zu hören, daß sie sich alle in einem Status politischer Knechtschaft befinden, abgesehen von einer halben Mil- lion.« Wir wollen dies alles rekapitulieren und sehen, wie es in das gro- ße Bild paßt. Nach dem Ersten Weltkrieg werden durch die Interven- tion von Menschen aller Glaubensrichtungen bis zu sechs Millionen europäischer Juden vor der Vernichtung gerettet. Dies geschieht nur 20 Jahre, bevor dieselben Menschen fast alle in einer geheimen Kampagne ohne schriftliche Anweisungen und ohne Budget vernich- tet werden, weil sich niemand darum kümmerte. 1920 und 1926 ha- ben wir in den ganzen Vereinigten Staaten Veranstaltungen und Kampagnen mit Sammelaktionen für bis zu sechs Millionen hun- gernde europäische Juden, die als die größten Leidtragenden des, wie wir heute sagen, Ersten Weltkrieges und seiner Folgen bezeichnet werden. Sie hatten Organisationen mit Büros und Vertretern in ganz Europa, die Geld erhielten, das in den Vereinigten Staaten und an- derswo von Organisationen gesammelt wurde, die seit dem Ersten Weltkrieg existiert haben und sogar heute noch existieren. All diese Geldsammelgruppen haben bis zum heutigen Tag stän- dig gewirkt und sind immer noch tätig. Sie haben seit dem Ende des Ersten Weltkrieges beständig Geld gesammelt. Das Joint Distribution Committeefor the Relief of Jewish War Sufferers erfreut sich immer noch besten Wohlergehens. Während dies geschrieben wird, hat es eine sehr aktive, gemäßigte, würdige Website. Außerdem wird der “Joint” hauptsächlich durch die amerikanischen United Jewish Communities (UJC) finanziert, die durch Kampagnen unterstützt werden, die von jüdischen Gemeinschaften in den ganzen USA durchgeführt werden. Nicht viel hat sich dort geändert. Es gibt an- geblich in Brooklyn, New York, ein großes Lagergebäude voller alter Unterlagen des Joint Distribution Committee. 221 Conklin’s Universal Handbook for Ready Reference, Chicago: Laird & Lee, 1888, S. 219. 222 The New York Times, 10. Februar 1889. Kapitel 6: Die Spur führt weiter 115 Die Warburg-Familie besitzt ein Museum in Großbritannien, das Lieblingsprojekt von Aby Warburg, dem ältesten Bruder von Felix und Max Warburg. Zur Zeit hat es im Internet eine großangelegte Seite. Es gibt dort eine Geschichtswebsite mit dem Namen »The In- stitute for Historical Research«. Gehen Sie einfach zu einer Suchma- schine wie Google und geben Sie I.H.R. ein. Dann schauen Sie nach einer britischen Adresse. Der Jüdische Weltkongreß (World Jewish Congress – WTC) wur- de 1936 vom American Jewish Congress gegründet, der laut seiner Website »jüdische Gemeinden in der ganzen Welt vereint«. Der Sitz desAmerican Jewish Congress befindet sich heute beim Stephen Wi- se Congress House in der East 48th Street in New York City. An der Spitze seiner Mitarbeiter in den USA steht ein Exekutiv-Direktor. Es gibt 15 regionale Büros in den Vereinigten Staaten, einen ständigen Vertreter in Washington D.C. sowie ein israelisches Büro in Jerusa- lem. Präsident Clinton sprach anläßlich eines Abendessens des World Jewish Congress am 11. September 2000 in New York zu Ehren von dessen Präsidenten Edgar M. Bronfman. Bronfman war der Vorsit- zende von Seagram’s, das vor kurzem von Vivendi Universal ge- schluckt wurde, einem französischen Unterhaltungs- und Getränke- Mischkonzern. Bronfman wurde Medienmogul und ist gegenwärtig ein Vizepräsident von Vivendi. Die amerikanischen Organisationen, die die karitativen Kampa- gnen nach dem Ersten Weltkrieg durchführten, waren auch vor und im Zweiten Weltkrieg voll aktiv. Aber das ist eine andere Geschichte, die künftig noch aus revisionistischer Sicht untersucht werden muß. 117 Anhang 1. Ausgewählte Buch- und Zeitungsauszüge 11. Juni 1900, S. 7 »Rabbi Wises Ansprache Rabbi Wise sagte, auszugsweise: “Der Tag wird nie kommen, an dem ich mich weniger um Zion kümmern werde, an dem es jemanden gibt, der sich mehr für die ruhmreichen Ideale des Zionismus einsetzt. Zwei große Zusammenkünfte von Juden werden diese Nacht gehalten. In Chicago gibt es eine Konferenz karitativer Einrichtungen, die von Männern einberufen wurde, die sich um die Bedürfnisse der Armen kümmern. Sie ha- ben sich zusammengefunden, um darauf zu achten, daß Unwürdigen nicht zu viel Fürsorge gewährt wird. Ihre Zielsetzung ist richtig. Aber unsere Wohltätigkeit umfaßt mehr. Wir haben uns nicht zusammengetan, um darauf zu achten, daß der Jude nicht zu viel erhält, sondern, damit jeder Jude das Recht erhält zu leben. Es gibt 6.000.000 lebende, blutende, leidende Argumente für den Zio- nismus. Sie kommen nicht, um zu betteln, sondern bitten um das, was höher steht als alle materiellen Dinge. Sie wollen den unauslöschlichen Durst nach dem Ideal befriedigt haben. Sie bitten darum, wieder die Boten von Recht, Gerechtigkeit und Humanität zu werden. Ihre christlichen Freunde werden Sie achten, wenn Sie genug Selbstre- spekt haben, sich um die eigenen Leute zu kümmern. Sagen Sie, daß Sie kein Jude sind, und Sie werden nichtsdestotrotz als ein Jude gehaßt werden. Aber sagen Sie, daß Sie ein amerikanischer Jude sind und nach den besten Grundsätzen der Rasse streben, dann werden Sie respektiert und der zioni- stische Name wird geehrt. Eines ist wahr im Hinblick auf Israel und Zion. Sie können erobern. Gott ist unser Anführer, und mit dem General der himmlischen Mächte als Anführer, wer wird da sagen, daß wir nicht dem Siege entgegengehen? Bei den Spielen der alten Griechen war der Mann, der das Rennen ge- wann, nicht derjenige, der am schnellsten lief, sondern derjenige, der eine angezündete Fackel ins Ziel trug. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 118 Wir Zionisten nehmen an einem Wettrennen teil mit der Fackel der Frei- heit, der Fürsorge und der Gerechtigkeit in unseren Händen. Das Rennen wird gewonnen, nicht weil wir die Schnellsten sind, son- dern weil diese Fackel ein Licht für die Welt ist. Sie wird nie ausgelöscht. Kommt, Brüder, die Fackel ist in euren Händen, lauft das Rennen, und möge euch Gott für immer den Sieg geben.”« 14. Januar 1915, S. 3: »GLEICHGÜLTIGKEIT DER JUDEN GEGENÜBER KRIEGSHILFE GETADELT Louis Marshall verurteilt Apathie gegenüber dem Leiden von Glau- bensgenossen. MILLIONEN IN SCHWERER NOT Jacob H. Schiff, Meyer London und Dr. Enelow appellieren an die Rei- chen, zu spenden. Louis Marshall bedauerte in einer Rede bei einem Treffen im Tempel Emanu-El letzte Nacht, was er als das Versäumnis der Juden Amerikas be- zeichnete, vor allem der Juden New Yorks, sich die schwere Not vor Augen zu führen, die Millionen von Juden ergriffen hat, deren Heimat im Osten des europäischen Kriegsschauplatzes liegt. Die Zusammenkunft wurde zugunsten des American Jewish Relief Committee abgehalten, dessen Präsident Mr. Marshall ist. Neben Mr. Marshall sprachen der gewählte Kongreßabgeordnete Meyer London und der Rev. Dr. H.G. Enelow vom Tempel Emanu-El. Wie Mr. Marshall bedau- erte jeder von ihnen die Tatsache, daß die Juden Amerikas ihren leidenden Glaubensgenossen nicht die nötige Hilfe gewähren. Dieses Thema wurde auch in einem Brief von Jacob H. Schiff betont, den Mr. Marshall vorlas. “Es ist entmutigend für diejenigen, die so viel Zeit und Energie für diese Arbeit aufgewendet haben, daß Juden in New York, einer Stadt, die ein so großes jüdisches Zentrum ist, nur so wenig darauf reagieren. Mir scheint, daß die Menschen von der europäischen Katastrophe so benommen sind, daß sie nicht in der Lage sind zu erkennen, daß es ihre Pflicht ist, denjeni- gen zu helfen, die durch diese Not leiden. Anhang: 1. Ausgewählte Buch- und Zeitungsauszüge 119 In der Welt gibt es heute etwa 13.000.000 Juden, von denen mehr als 6.000.000 im Herzen des Kriegsgebiets leben; Juden, deren Leben auf dem Spiel steht und die heute jeder Art Leiden und Elend ausgesetzt sind, und die große amerikanische jüdische Gemeinschaft erfüllt nicht ihre Pflicht gegenüber diesen Notleidenden. In den Vereinigten Staaten gibt es zwischen 2.000.000 und 3.000.000 Juden, nahezu alle in der Lage, etwas zu tun, und dennoch haben wir nach Monaten der Arbeit nicht mehr als 300.000 Dollar zusammenbekommen. In New York gibt es mehr als eine Million Juden, manche von ihnen Menschen von großem Wohlstand, aber viele von ihnen scheinen zu denken, sie hätten ihre Pflicht erfüllt, wenn sie ein paar hundert Dollar gegeben haben. Wir hören von Pogromen in Rußland, in Polen, in Galizien, und wir sit- zen hier teilnahmslos herum. In Palästina marschiert der Hunger durch das Land. Sollen wir uns hier selbstsüchtig wohlfühlen und sagen, wir würden gerne helfen, aber wir können es wegen der schlechten Zeiten nicht und denken, daß wir unsere Pflicht erfüllen? Nein, die Zeit ist für jeden Mann, jede Frau, und jedes Kind gekommen, seine Pflicht zu tun, und wir müssen diese Pflicht schnell erfüllen, andernfalls kann es in Hunderttausenden von Fällen zu spät sein.” An dieser Stelle verlas Mr. Marshall den Brief von Mr. Schiff. Mr. Schiff sagte, sein eigenes Interesse an diesem Werk sei enorm und es müsse jeden Juden ansprechen. Private Berichte, die er erhalten habe, sagte Mr. Schiff, zeigten die Verhältnisse in Rußland, Palästina, Polen und Galizien, deren erschreckende Natur nicht beschrieben werden könne. Er sagte, die Emanu-El Gemeinde sei die größte und wohlhabendste in den Vereinigten Staaten, und er hoffe, ihre Mitglieder würden im Verhältnis zu ihrem Vermögen spenden. Er schlug ferner ein Komitee vor, um bei der Gemeinde für einen Tempel-Emanu-El-Fond zu werben, und versprach, er werde einen Beitrag leisten. Mr. Marshall kleidete den Vorschlag in die Form eines Antrags, der einstimmig angenommen wurde. Mr. Marshall wird das Komitee bald ernennen. Mr. London führte aus, dies sei “die schlimmste Zeit in der jüdischen Geschichte” und daß das Schicksal von Millionen jüdischer Menschen von der Großzügigkeit wohlhabenderer Juden in den Vereinigten Staaten ab- hänge. Dr. Enelow unterstrich, was Mr. Marshall gesagt hatte, und fügte hinzu, daß niemals zuvor die Juden dieses Landes vor einer so großen Pflicht gestanden hätten.« Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 120 22. Mai 1916, S. 11: »700.000 Juden an der östlichen Kriegsfront in Not Der Deutsch-Jüdische Hilfsverein, der versucht, ihnen zu helfen, braucht mehr Nahrungsmittel. Ein Korrespondent von Associated Press aus Berlin sagte, “von der re- gulären Gesamtzahl von etwa 2.450.000 Juden in Polen, Litauen und Kur- land sind 1.770.000 übriggeblieben und davon befinden sich etwa 700.000 in dringender und beständiger Not. Etwa 455.000 hiervon leben in Polen, und 50.000 von diesen sind Menschen, die keine Unterkunft haben und sich in besonders schwierigen Verhältnissen befinden. Die Zahl der Bedürftigen wächst von Monat zu Monat. Möglichkeiten, Geld zu verdienen, bestehen kaum, und Tausende, die noch von ihren Ersparnissen leben, werden diese früher oder später verbraucht haben und von Fürsorge abhängig werden. Diese Schätzungen erscheinen im Jahresbericht des Deutsch-Jüdischen Hilfsvereins (German Hebrew Relief Association), der sich der Hilfe von Glaubensgenossen in den besetzten Gebieten an der Kriegsfront in Rußland und Galizien angenommen hat. Die Summe von 500.000 Mark ist monatlich vonnöten, um die Not der Bedürftigsten der 700.000 Notleidenden zu lin- dern, und selbst diese Summe, die alles ist, was die Hilfsorganisation für die Arbeit der nächsten paar Monate zur Verfügung hat, kann kaum mehr tun, als sie vor dem Verhungern zu bewahren. Mit dieser Summe werden 225 Städte und Dörfer in den besetzten Ge- bieten unterstützt. Die Großloge der B’nai B’rith in Deutschland hatte gro- ßen Anteil an der Hilfsarbeit, und mehr als eine halbe Million Mark kamen bisher aus Amerika. Bis heute wurden nahezu 2.250.000 Mark vom Hebräi- schen Notverein für Polen und Litauen ausgezahlt. Die Mittel reichten nicht aus, um etwa 10.000 Juden in Kurland Hilfe zu gewähren, wo die Not nicht so groß ist wie in den anderen Gebieten. Diese Aktivitäten waren nur ein Teil der Arbeit des Notvereins. Genauso wichtig und sogar noch nachdrücklicher waren ihre Bemühungen als Ver- mittler zwischen den Bewohnern der besetzten Gebiete und der Außenwelt. Auf diesem Gebiet wurden keine Unterschiede in bezug auf die Glaubens- zugehörigkeit gemacht, es wurde Juden und Katholiken gleichermaßen ge- holfen. Am meisten nutzen amerikanische Verwandte und Freunde polni- scher Notleidenden dieses Werk. Bis jetzt gingen etwa 8.000.000 Mark aus Amerika für direkte Zahlungen ein, und der Hilfsverein bearbeitet monat- lich 100.000 Briefe nach und von Amerika. Anhang: 1. Ausgewählte Buch- und Zeitungsauszüge 121 Eine geringfügige Verbesserung der Verhältnisse könnte sich aus der vor kurzem durchgesetzten Erlaubnis zur Auswanderung aus den besetzten Ge- bieten ergeben. Viele Familien haben bereits von der Erlaubnis Gebrauch gemacht, die meisten benutzen die aus Amerika geschickten Fahrkarten.”« 10. August 1917 »Deutsche lassen Juden sterben. Frauen und Kinder in Warschau verhungern. Das Provisorische Zionistische Komitee veröffentlichte letzte Nacht über das Nachrichtenbüro des nationalen Verteidigungskomitees des Bürgermei- sters einen Brief, der die Verhältnisse der Juden in Warschau unter deut- scher Herrschaft beschreibt. Der Name des Briefschreibers wird aus ver- ständlichen Gründen nicht bekanntgegeben. Der Wahrheitsgehalt und die Authentizität des Briefes werden vom Zionist Committee attestiert, dessen Vorsitzender Dr. Stephen S. Wise und dessen Ehrenvorsitzender der Richter am Obersten Gerichtshof Louis D. Brandeis ist. Der Brief besagt in Auszü- gen: “Tod durch Verhungern ist eine reale Tatsache. Man kann es hier überall in jeder Straße erleben, bei jedem Schritt, in jedem Haus. Jüdische Mütter, Mütter des Erbarmens, freuen sich, ihre säugenden Kleinkinder sterben zu sehen; weil dann zumindest deren Leiden ein Ende hat. Unsere wohlhabendsten Leute schneiden ihrer Tochter das Haar ab und verkaufen es, um in der Lage zu sein, unverzichtbare Dinge wie Brot für ih- re sterbenden Kinder kaufen zu können. Vier und fünf Jahre alte Kinder sind so schwach geworden, daß sie wie Säuglinge auf dem Arm getragen werden müssen. Wenn Väter überhaupt vom Schlachtfeld zurückkommen, sehen sie von ihren fünf oder sechs Kindern, die sie zum Abschied küßten, als sie in den Krieg zogen, wahrscheinlich nur noch eines oder zwei oder auch mehr. Wie lange noch wird dieses Leiden andauern? Woher wird unse- re Hilfe kommen? Eine Kommission wurde in die Schweiz entsandt, um un- sere Suppenküchen zu erhalten; aber ich bezweifle den Erfolg ihrer Missi- on. Helft uns, helft uns! Wach auf, Amerika! Dies ist unsere einzige Hoff- nung. Sollte uns Amerika nicht helfen, wird alles verloren sein.”« Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 122 Juden in den östlichen Kriegsgebieten Veröffentlicht vom American Jewish Committee, 1916, S. 7-21 »Einleitung Von all den Menschen, die unter dem gegenwärtigen Krieg schwer lei- den, trägt niemand eine größere Last als die Juden – an physischen und wirtschaftlichen Verlusten, an moralischen und geistigen Qualen. Juden kämpfen heute in allen Armeen Europas gegeneinander. Allein Rußland hat 350.000 jüdische Soldaten, Österreich hat über 50.000; insge- samt gibt es eine halbe Million Juden in den Reihen der kämpfenden Arme- en. Die Juden tragen die Hauptbürde der Kriegslasten, nicht nur auf dem Kampffeld, wo sie mit dem Rest der Welt leiden, sondern auch in ihren Heimen, wo sie durch ihre speziellen geographischen, politischen und wirt- schaftlichen Verhältnisse für ein Leiden ausgesucht wurden, das nicht sei- nesgleichen hat. Als der Krieg ausbrach, saß die Hälfte der jüdischen Weltbevölkerung in einer Ecke Osteuropas fest, ohne einen Zugang zu neutralen Ländern oder das Meer. Das russische Polen, wo über zwei Millionen Juden lebten, ragt besonders heraus. Im Süden davon liegt Galizien, die Grenzprovinz Öster- reichs. Hier lebten eine weitere Million Juden. Hinter dem russischen Polen liegen die fünfzehn russischen Provinzen, die zusammen mit Polen den Hauptbereich der jüdischen Siedlungen bilden. Hier lebten weitere vier Millionen Juden. Auf diese Weise tragen sieben Millionen Juden – eine Bevölkerung, die die von Belgien um eine Million übertrifft – die Hauptlast des Krieges. Hin- ter ihnen lag das heilige Rußland, das ihnen aufgrund der Maigesetze von 1881 verschlossen war. Vor ihnen lagen das feindliche Deutschland und Österreich. Im Süden lag das unfreundliche Rumänien. Sie wurden da, wo sie standen, überwältigt; und über ihren Leibern begegneten sich immer wieder die deutschen Armeen vom Westen, die russischen Armeen vom Osten und die österreichischen Armeen vom Süden. Zugegeben, alle Völker dieses Gebietes erlitten durch den Krieg Zerstörungen und Plünderungen, aber ihre Leiden waren auf keine Weise vergleichbar mit denen der Juden. Die widerstreitenden Armeen fanden es angebracht, es sich bis zu einem gewissen Grade nicht mit den Polen, Ukrainern und anderen Volksschichten in diesem Gebiet zu verderben. Diese erlitten nur die üblichen und unver- meidbaren Härten des Krieges. Aber die Juden waren ohne Freunde, ihre Religion verboten. In dieser mittelalterlichen Region kam der ganze religiö- se Fanatismus der Russen und der Chauvinismus der Polen zum Ausbruch, Anhang: 1. Ausgewählte Buch- und Zeitungsauszüge 123 verbunden mit dem Blutdurst, den der Krieg in allen Männern freigesetzt hat – all dieser wilde Haß vereinigte sich zu einer Sturzflut der Leiden- schaft, welche sich über die Juden ergoß. Hunderttausende wurden mit einem Tag Vorwarnung aus ihren Häusern vertrieben, die Glücklicheren in Viehwaggons eingeladen und abtranspor- tiert – die Alten, die Kranken und Geistesgestörten, Männer, Frauen und Kinder, von einer Provinz in die andere kutschiert, wobei sie tagelang ohne Nahrung oder irgendwelche Hilfe auf Abstellgleisen standen – die weniger Glücklichen wurden in die Wälder und Sümpfe getrieben, wo sie verhunger- ten. Jüdische Städte wurden geplündert und gebrandschatzt. Hunderte von Juden wurden als Geißeln nach Deutschland, Österreich und Rußland ver- bracht. Orgien der Lust und der Folter fanden öaffentlich am hellichten Tage statt. Es gibt zahlreiche Dörfer, wo nicht eine einzige Frau unversehrt blieb. Frauen, alt und jung, wurden die Kleider vom Leib gerissen und an öffentli- chen Plätzen festgebunden. Juden wurden lebendig in Synagogen ver- brannt, in denen sie Schutz gesucht hatten. Tausende wurden unter dem ge- ringsten Vorwand oder einfach aufgrund sinnloser Grausamkeit exekutiert. Diese Juden haben im Gegensatz zu den Belgiern kein England, wohin sie fliehen könnten. Sie sind vom Mitgefühl der Außenwelt abgeschnitten. Sie haben nicht den Trost zu wissen, daß sie für ihren eigenen Herd kämp- fen oder gar für militärischen Ruhm oder in der Hoffnung auf Schutz als mögliche Belohnung. Der einzige Gedanke, den sie hegen, ist, daß sie nach Abschluß der Kämpfe endlich die elementarsten Rechte erringen, die kei- nem anderen Volk vorenthalten werden, das Recht zu leben und sich frei im Land ihrer Geburt oder ihrer Wahl zu bewegen, ihre Kinder zu erziehen, sich den Unterhalt zu verdienen und Gott nach den Anforderungen ihres Gewissens zu dienen. Rußland Nahezu die Hälfte der jüdischen Weltbevölkerung lebt in Rußland, direkt im Bereich der Kampfhandlungen, in Städten zusammengedrängt, die die ersten Angriffsziele darstellen. Die schreckliche Lage der Juden Rußlands in normalen Zeiten ist wohlbekannt. Es war ihnen verboten, außerhalb des erweiterten Ghettos zu leben, das als das Siedlungsgebiet bekannt ist. Sie wurden mit besonderen Steuern belegt und sogar der geringen Bildungspri- vilegien beraubt, die der Rest der Bevölkerung genießt. Geplagt von einer korrupten Polizei sowie einer feindseligen Regierung und einer mißgünsti- gen Bevölkerung – kurz, wirtschaftlich benachteiligt und politisch entrech- tet – war ihre Lage äußerstes Elend. Es war die offen geäußerte Politik der Reaktionäre, die Rußland beherrschten, die jüdische Frage dadurch zu lö- sen, daß man das Land von den Juden befreite. “Ein Drittel wird zur grie- Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 124 chisch-orthodoxen Kirche übergehen, ein Drittel wird nach Amerika aus- wandern und ein Drittel wird in Rußland verhungern.” – so hieß es. Einige entsagten tatsächlich ihrem Glauben, Zehntausende verhungerten in Ruß- land und Hunderttausende emigrierten nach Amerika. Loyalität der russischen Juden Dann kam der Krieg. Die Juden sahen darin eine Gelegenheit, der christlichen Bevölkerung zu zeigen, daß sie trotz all der Verfolgungen in der Vergangenheit bereit waren, das Leben in einem vereinten und wiedergebo- renen Rußland neu zu beginnen. Tausende von jungen jüdischen Männern, die gezwungen worden waren, Rußland zu verlassen, um eine Ausbildung zu erlangen, die ihnen ihr eigenes Land vorenthielt, kehrten freiwillig zu den Fahnen zurück, obwohl sie wußten, daß sie keine Hoffnung auf Ämter und Beförderung hatten. Auf dem Schlachtfeld zeigten die jüdischen Soldaten Mut und Verstand, was ihnen den Respekt ihrer Kampfgenossen einbrachte wie auch das sehr begehrte St. Georgskreuz, das für herausragende Lei- stungen vor dem Feinde verliehen wurde. Während dessen eröffneten und bemannten die zu Hause Gebliebenen für verwundete Soldaten Lazarette, ohne nach Rasse oder Glauben zu fragen, spendeten großzügig für alle öf- fentlichen Fonds und setzten sich selbst und ihr Vermögen für die russische Sache ein. Es schien zunächst, als ob die langersehnte Einheit mit dem russischen Volk verwirklicht würde. Aber bald stellte sich heraus, daß die Ketten, wel- che die Juden Rußlands an ihre Vergangenheit banden, nicht gesprengt werden konnten. Kräfte, über die sie beim besten Willen nicht Herr werden konnten, verurteilten sie zur größten Tragödie ihrer Geschichte. Das Sied- lungsgebiet, in dem sie lebten, war ursprünglich und von der Bevölkerung her polnisch. Polen und Juden waren beide Opfer des russischen Unter- drückers, aber anstatt daß sie das gemeinsame Band des Leidens vereinte, trennten sie religiöse und rassische Unterschiede und vor allem Meinungs- verschiedenheiten, die von den russischen Herrschern absichtlich geschürt wurden, bis sie sich zu unkontrollierbarem Haß steigerten. Russische Greuel Direkt vor dem Krieg hatte der Kampf seine bitterste Form angenom- men – es wurde ein unbarmherziger Boykott gegen die Juden geführt. Als der Krieg ausbrach, änderte sich über Nacht der politische Status der Po- len. Sowohl die russische als auch die deutsche Armee wollte es sich mit der polnischen Bevölkerung nicht verderben. Viele Polen nutzten die Gele- genheit, um persönliche Animositäten, religiöse Bigotterie oder chauvinisti- Anhang: 1. Ausgewählte Buch- und Zeitungsauszüge 125 schen Größenwahn zu befriedigen, indem sie die Juden als Spione und Ver- räter mal gegenüber der einen Seite, mal gegenüber der anderen denunzier- ten. In Deutschland wurde das Motiv der Angriffe in gewissem Umfang auf- gedeckt und die Lügen wurden widerlegt. Aber in Rußland fanden sie fruchtbaren Boden. Der russische Militärapparat hatte durch die Deut- schen eine Niederlage erlitten. Um sich selbst in den Augen des eigenen Volkes zu entlasten, benutzte die militärische Kamarilla eifrig den Vorwand, der ihnen von den Polen so bereitwillig geliefert worden war, und luden die Last ihres Mißgeschicks auf die Schultern der hilflosen Juden ab. Männer, Frauen, sogar Kinder wurden ohne den Hauch eines Beweises oder die Be- rücksichtigung von Formalien exekutiert. Geschichten über jüdischen Ver- rat, welche die Polen erfunden hatten, wurden als wahr akzeptiert und durch die russische Presse und Nachrichtenaushänge lokaler Verwaltungen weit verbreitet; aber wenn offizielle Nachforschungen diese Geschichten in jeder Hinsicht als falsch entlarvten, wurde die Veröffentlichung der Wider- legung durch die Zensur erschwert. Die Behörden gaben den Truppen freie Hand zu plündern und zu wüten und ermunterten sie sogar durch die Veröf- fentlichung von Befehlen, die offiziell alle Juden als Spione und Verräter abstempelten. Das Ergebnis war eine Reihe von Gewalttaten, die sogar für Rußland einmalig waren. Eine Million Juden wurden in größter Armut aus ihren Wohnungen vertrieben. Protest des liberalen Rußland Alle liberalen Elemente Rußlands protestierten gegen diese Vernich- tungskampagne, waren aber angesichts der Militärregierung machtlos. Hunderte von Gebietskörperschaften, Handels- und Berufsorganisationen, Schriftsteller, Publizisten und Priester appellierten an die Zivilregierung, den Juden Gleichberechtigung zuzugestehen oder zumindest die Politik der Verfolgung zu beenden. Diese Gedenkreden geben zusammen mit den Reden in der Duma eine Fülle von Beweismaterial aus nicht-jüdischen Quellen, die die russische Regierung in den Augen der Welt verurteilen muß. Galizien Während der zehn Monate dauernden russischen Besetzung Galiziens litten die Juden dieses Gebiets sogar noch mehr als die Juden, die im russi- schen Siedlungsgebiet lebten. Denn hier waren die Juden den Feinden aus- geliefert, und es bedurfte keines Vorwands, um sie zu mißhandeln. Die Rut- henen und Polen, die das Land besetzten, waren freundlich gegenüber Ruß- land eingestellt, das ihnen Unabhängigkeit und Macht versprach. Dagegen konnte Rußland nichts von den Juden Galiziens erwarten, da sie bereits Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 126 Rechte und Besitztümer besaßen, die den Juden Rußlands nicht gewährt waren, und die Last der russischen Invasion fiel gnadenlos auf sie. Hier wurden Tausende russisch-jüdische Soldaten gezwungen, bei dem Versuch ihr Leben zu lassen, den freien Juden Galiziens jene Sklaverei aufzuerlegen, der in Rußland zu entkommen sie selbst bestrebt waren. Sie mußten die Entweihung der Synagogen durch ihre russischen Waffenbrüder erleben sowie die Vergewaltigung jüdischer Frauen und das Massaker an unschul- digen und hilflosen Zivilisten ihres eigenen Glaubens. Rumänien Obwohl Rumänien noch nicht Kriegspartei ist, wurden einige Juden die- ses Landes durch den Krieg schwer betroffen. Im Juli 1915 erließ der In- nenminister eine allgemeine Anweisung, wonach die Juden aus den Städten an der österreichisch-ungarischen Grenze in das Landesinnere vertrieben wurden. Obwohl später behauptet wurde, diese Anweisung sei erlassen worden, um jüdische Getreidespekulanten aus der Bukowina an ihren Ge- schäften zu hindern, wurden viele Juden, die seit Generationen in den Grenzstädten wohnten, summarisch vertrieben. Diese Regierungsaktion wurde von der liberalen Presse schwer kritisiert wie auch von der Liga ansässiger Juden, die ein Memorandum an den Kö- nig richtete. Die Anweisung wurde schließlich zurückgenommen. Unabhängig davon, ob die gegenwärtige Situation auf dem Balkan zum Beitritt Rumäniens zu den kriegführenden Nationen führt oder nicht, besteht kein Zweifel, daß nach Ende der Feindseligkeiten die Frage der Behand- lung der Juden durch Rumänien wieder behandelt werden sollte. Palästina Beim Ausbruch des Krieges gab es in Palästina nach verläßlichen Schätzungen etwa 100.000 Juden, von denen einige wirtschaftlich unab- hängige Landwirte waren, deren große Mehrheit aber betagte Pilger waren, die von ihren Verwandten sowie von gutwilligen Spenden ihrer frommen Glaubensgenossen in Europa lebten. Der Krieg schnitt sie vollständig so- wohl von den Märkten Europas als auch von ihren Verwandten und Freun- den ab. Nahezu die gesamte jüdische Bevölkerung war so der Armut über- antwortet. Ihre Lage wurde außerdem verschärft, als die Türkei als Alliier- ter der Achsenmächte in den Krieg eintrat und die Angehörigen feindlicher Staaten hart behandelte. Etwa 8.000 Juden, die sich weigerten, türkische Untertanen zu werden, wurden entweder des Landes verwiesen oder gingen freiwillig. Anhang: 1. Ausgewählte Buch- und Zeitungsauszüge 127 Juden in anderen kriegführenden Staaten In allen Ländern, in denen die Juden bisher Freiheit genossen, gab es während dieses Krieges kein spezielles jüdisches Problem. Die Juden haben sich vollständig mit ihren Geburts- oder Wahlländern identifiziert und teil- ten die Prüfungen und Ruhmestaten der Völker, unter die ihr Los gefallen war. In England stellte die jüdische Bevölkerung nach von Lord Rothschild angestellten Schätzungen mehr als ihren Anteil an Rekruten der britischen Armee, wobei ihr Anteil von 17.000 etwa achteinhalb Prozent der gesamten jüdischen Bevölkerung ausmachte, im Vergleich zu den sechs Prozent der nichtjüdischen Bevölkerung. Der Gerichtspräsident des Obergerichts, Ba- ron Reading, ein Jude, mobilisierte die finanziellen Ressourcen des Landes und wurde darum gebeten, die englisch-französische Kommission anzufüh- ren, welche den 500.000.000 Dollarkredit aushandelte, der in den Vereinig- ten Staaten erlangt wurde. Lord Rothschild ist Schatzmeister der Rot-Kreuz- Organisation. Hon. Herbert Samuels ist Mitglied des Koalitionskabinetts. Ein jüdisches Bataillon, das von palästinensischen Flüchtlingen organisiert wurde, leistete den Alliierten außerordentliche Dienste auf der Gallipoli- Halbinsel. Viele Auszeichnungen, einschließlich Verleihungen des Viktoria- Kreuzes und Beförderungen, werden jede Woche in der englisch-jüdischen Presse bekanntgegeben. In Deutschland haben die Juden, obwohl sie sozial nicht völlig gleich- gestellt waren, ihren vollen Anteil an den Kriegslasten getragen. Herrn Ballin, dem Chef der Handelsmarine, wurde die Aufgabe übertragen, die nationale Nahrungsmittelversorgung zu organisieren, und andere Juden sind in führender Position in allen Bereichen der industriellen Mobilisie- rung des Landes zu finden. In Frankreich und Italien, Österreich-Ungarn und der Türkei findet man Juden in den Regierungskabinetten, als Befehls- haber über die Truppen im Feld und an herausragender Stelle als Verant- wortliche für die medizinische Versorgung der Armeen. Auf diese Weise hat der gegenwärtige Krieg wieder die große Wahrheit gezeigt, daß die Juden sowohl in Zeiten des Kampfes als auch in Friedens- zeiten von allerhöchstem Vorteil für die Nationen sind, die sie als unab- dingbaren Bestandteil ihrer Bevölkerung akzeptieren und ihnen erlauben, sich frei zu entfalten. Dagegen wird eine autokratische Regierung, die ihr Volk durch den Anblick einer ungeschützten Minderheit verdirbt, der alle Menschenrechte vorenthalten werden, stets selbst die Reaktion zu spüren bekommen, und die moralische Verfassung der Nation wird darunter lei- den.[223] 223 Eine Anmerkung zu nicht abgedruckten Informationsquellen behauptet unglaub- licherweise, die russische Regierung habe nichts von dem dementiert, was in die- Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 128 Rußland Rußland bekam den Großteil seiner jüdischen Bevölkerung durch die Teilungen Polens von 1773 bis 1795. Rußland war zu jener Zeit sowohl von der Einstellung als auch von der Organisation her stark mittelalterlich ge- prägt und behandelte die Juden mit der außergewöhnlichen Härte, die das mittelalterliche Prinzip und die mittelalterliche Politik sowohl duldeten als auch verlangten. Indem die Juden auf die Provinzen begrenzt wurden, wo sie zur Zeit der Teilungen gerade lebten, schuf Rußland ein Ghetto, das größer war als alle sonst im Mittelalter bekannten, und durch interne Be- schränkungen des Aufenthaltsrechts und der Freizügigkeit wurde das Ghet- to gleichsam in eine Strafkolonie verwandelt, wo sechs Millionen Men- schen, die nur der Zugehörigkeit zum jüdischen Glauben schuldig waren, gezwungen sind, ihr Leben in Schmutz und Elend zu fristen, wobei sie stän- digem Terror durch Massaker ausgesetzt sind sowie der Launen der Polizei und einer korrupten Verwaltung – kurz, ohne Rechte und sozialen Status. Nur zweimal während des letzten Jahrhunderts wurden Anstrengungen unternommen, die Verhältnisse der Juden in Rußland zu verbessern; und je- dem Intervall der Erleichterung folgte eine Periode größerer und grausa- merer Repression. Die erste erfolgte unter der Regierung Alexanders II., aber seine Ermordung 1881 führte zur vollständigen Beherrschung Ruß- lands durch die Elemente der Reaktion, die sofort die Verfolgungspolitik er- neuerte. Die “Maigesetze” von Ignajiew (1882), welche die Juden bis zum heutigen Tage bedrängen, waren das unmittelbare Ergebnis dieses Regimes. Die zweite Periode, die mit der erfolglosen Revolution von 1904-1905 zu- sammenhing, wurde von einer Pogrom-Politik unerhörter Strenge abgelöst, die bis zum Ausbruch des gegenwärtigen Krieges anhielt. Die Pale-Siedlung Zu Beginn des Krieges wurde die Zahl der Juden im Russischen Reich auf sechs Millionen oder mehr geschätzt, was glatt die Hälfte der jüdischen Weltbevölkerung ausmachte. 95 Prozent dieser sechs Millionen Menschen wurden per Gesetz auf ein begrenztes Gebiet Rußlands beschränkt, das Pa- le genannt wird und aus den 15 Regierungsbezirken West- und Südwestruß- lands besteht sowie aus den zehn Regierungsbezirken Polens, wobei ein Großteil dieses Gebietes nun unter deutscher Besatzung steht. Tatsächlich wurde aber der Aufenthalt im Pale weiter in solchem Umfang beschränkt, daß die Juden vom Territorium her nur in einem Zweitausendstel des russi- schen Reiches leben durften. Kein Jude durfte aus dem Pale heraus, es sei denn, er gehörte zu einer der wenigen privilegierten Klassen. Einige halb- sem Bericht behauptet wurde. Anhang: 1. Ausgewählte Buch- und Zeitungsauszüge 129 privilegierten Juden konnten vielleicht mit viel Mühe spezielle Reisepässe für eine befristete Aufenthaltsdauer außerhalb des Pale erhalten; aber die große Mehrheit konnte nie auch nur dieses Privileg erlangen. Eine enorme Anzahl von Gesetzen mit besonderen Beschränkungen verwandelte das Pale in eine Art Gefängnis von sechs Millionen Insassen, das durch eine Armee korrupter und brutaler Aufseher bewacht wurden. Die kürzlich erfolgte Aufgabe des Pale Im August 1915 gab der Ministerrat einen Erlaß heraus, der es den Ju- den der Kriegsgebiete erlaubte, in das Innere Rußlands zu ziehen. Das wurde in manchen Kreisen gleichsam als Aufgabe des Pale eingestuft, wo- bei diese Interpretation hauptsächlich auf die breite Publizität zurückzufüh- ren ist, die der Maßnahme durch die russische Regierung zuteil wurde. Aber die offiziellen und sonstigen Beweise zeigen klar, daß dies alles andere als ein großzügiger Akt einer liberalen Regierung gegenüber einem unter- drückten Volk ist, sondern in Wahrheit nur eine vorübergehende Anordung, die hauptsächlich durch militärische Notwendigkeiten diktiert wurde sowie teilweise durch die Notwendigkeit einer ausländischen Anleihe; es ist klar, daß sie nur notgedrungen gewährt wurde und mit bitteren Beschränkungen, die dazu dienten, die unterdrückte Stellung der Juden hervorzuheben, und daß der Erlaß in der Praxis nach Gutdünken der örtlichen Behörden igno- riert oder umgangen wird. Sie wird dazu verwendet – wenn das nicht gar der Hauptzweck war – die Weltmeinung in die Irre zu führen.« 3. März 1919, S. 1 »PRÄSIDENT GIBT DEN ZIONISTEN HOFFNUNG sagt Delegation; er befürwortet Plan für ein jüdisches Commonwealth in Palästina. DR. WISE VERTEIDIGT ENGLAND – Sagt auf Massenversammlung, Völkerbund bedeutet Gerechtigkeit für die schwächsten Völker der Welt. Sonderbericht an die New York Times. – Washington, 2. März 1919. Die Befürwortung der Pläne zionistischer Führer, ein nationales jüdi- sches Commonwealth in Palästina zu schaffen, wurde heute abend von Prä- sident Wilson gegenüber einer Delegation repräsentativer amerikanischer Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 130 jüdischer Führer erklärt, die im Weißen Haus eine Stunde lang mit dem Präsidenten über den internationalen Status der Juden in der Welt konfe- rierten. Die Delegation wurde von Rabbi Stephen Samuel Wise aus New York angeführt. Außerdem gehörten dazu Richter Julian W. Mack, Chicago, Louis Marshall, New York, und Bernard J. Richards, New York, Mitglieder der Delegation zur Pariser Friedenskonferenz, die vor kurzem durch den American Jewish Congress ernannt wurden. Hier das Versprechen, das der Präsident gegenüber der Delegation gab: “Was Ihre Vorstellungen in Bezug auf Palästina betrifft, habe ich schon vorher meine persönliche Befürwortung gegenüber der Erklärung der briti- schen Regierung zum Ausdruck gebracht im Hinblick auf die Bestrebungen und historischen Ansprüche des jüdischen Volkes bezüglich Palästinas. Ich bin darüber hinaus davon überzeugt, daß die alliierten Nationen mit der vollen Zustimmung unserer Regierung und unseres Volkes darin überein- stimmen, daß in Palästina die Grundlage für ein jüdisches Commonwealth gelegt werden soll.” Die Delegation übergab dem Präsidenten eine Denkschrift, die den ge- genwärtigen Status der Juden in Osteuropa beschrieb sowie die Auswirkun- gen, die die Schaffung neuer und großer Staaten – Polen, die Tschechoslo- wakei und Jugoslawien – für sie haben. Die Delegation legte ferner die vom American Jewish Congress im letzten Dezember in Philadelphia verab- schiedete Resolution vor, welche die Garantien benennt, die zur Sicherung der fundamentalen Menschenrechte der Juden in der ganzen Welt für not- wendig erachtet werden. Nach der Konferenz führten die Delegierten aus, daß sie den Präsiden- ten immer “wie üblich empfanden, wohlwollend gegenüber dem unbestreit- baren Prinzip des Rechts des jüdischen Volks, überall gleichberechtigt zu sein.” Versammlung begrüßt Wilsons Worte Nachdem sie das Weiße Haus verlassen hatten, gingen Rabbi Wise und Richter Mack auf eine Massenversammlung im Auditorium der Central High School, dem größten Versammlungsraum in Washington (D.C.). Drei- tausend Menschen drängten sich darin zusammen, aber viele fanden keinen Einlaß. Rabbi Wise sprach von den Bestrebungen und Hoffnungen der amerika- nischen Juden und der Juden in der ganzen Welt, berichtete von seinem kürzlichen Besuch in Paris und dessen Bezug zur Friedenskonferenz und erörterte den Völkerbund. Er sagte voraus, daß dieser Teil des endgültigen Friedensvertrags werde. Nachdem er die Einstellung des Präsidenten zu der zionistischen Bewegung bekannt gegeben und unter der größten Begei- sterung zitiert hatte, was gesagt worden war, rief Rabbi Wise aus: Anhang: 1. Ausgewählte Buch- und Zeitungsauszüge 131 “Ich glaube, England sollte die Mandatsmacht für den Völkerbund über das zu errichtende jüdische nationale Commonwealth in Palästina sein, und ich mache hier und jetzt die Voraussage, daß Großbritannien das Mandat über Palästina annehmen wird. Wer behauptet, daß England im Hinblick auf Palästina nur seine Dominions ausdehnen möchte, irrt über Großbri- tannien und verleumdet es. Ich weiß, wovon ich spreche, wenn ich nach meinem letzten Besuch in Paris und London versichere, daß England nie ein Mandat über Palästina akzeptieren wird, es sei denn als Reaktion auf ein Mandat des Völkerbunds, und wenn England tatsächlich so ein Mandat akzeptiert, wird das bedeuten, daß die jüdischen Menschen auf der Welt wieder ihren rechtmäßigen Platz in der Welt erlangt haben. Die Bildung des Völkerbunds bedeutet zweierlei. Sie bedeutet Gerech- tigkeit von den größten Nationen her und Gerechtigkeit gegenüber den schwächsten Völkern der Welt. Ich bin vor einigen der gewichtigen Argu- mente gegen den Völkerbund beinahe erschrocken, die ich während der letzten paar Tagen gehört habe. Man sagt uns, wenn wir Frieden wollen, müßten wir uns lediglich aus Europa zurückziehen und Europa die Sache allein ausfechten lassen ohne Gründung irgendeines Völkerbundes. Wir haben das schon einmal versucht. Wir versuchten das seit August 1914, bis wir im April 1917 in den Krieg eintraten, als wir uns darüber klar werden mußten, daß auch die Freiheit Amerikas bedroht war, wenn die Freiheit der Welt beeinträchtigt wurde. Wir würden morgen unter den glei- chen Verhältnissen wieder in den Krieg eintreten, wenn wir allerdings mor- gen die gleichen Verhältnisse hätten, so würden wir im Lichte der jüngsten Geschichte etwas früher in den Krieg eintreten. Die wirkliche Frage ist nun, ob wir einen Völkerbund gründen werden, ob wir da, wo wir sind, bleiben werden und helfen, den Frieden der Welt zu erhalten, oder ob wir hierher zurückkommen und dann zurückkehren müs- sen, um wieder Krieg zu führen. Anstatt wieder dorthin zu gehen, um Krieg zu führen, laßt uns dort bleiben und den Frieden erhalten. Ich prophezeie hier und jetzt, daß die Friedenskonferenz nicht vertagt wird, ohne Vorkeh- rungen für einen Völkerbund zu treffen. Ich wage nicht zu sagen, ob wir ein Mandat unter dem Völkerbund anstreben sollten. Aber ich bin als Amerika- ner nicht bereit zu sagen, daß wir alle Vorteile, die ein Völkerbund mit sich bringt, akzeptieren sollten ohne die Bereitschaft, unseren Verpflichtungen durch einen solchen Bund nachzukommen.” Amerika und Armenien “Wenn sich der Völkerbund an Amerika wenden und auf Armenien zei- gen würde, das verwundet, gebrochen und hilflos ist, und uns bitten würde, Armenien aufzurichten und seine Wunden bis zu dem Tag zu pflegen, an Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 132 dem es in der Lage ist, alleine zu existieren, so glaube ich fest, daß Amerika so ein Mandat annehmen würde.” Rabbi Wise sagte, die Juden der Welt hätten Amerika und den Alliierten für die Wiedererschaffung des jüdischen Commonwealth in Palästina zu danken. Es sei nicht seine Vorstellung, daß alle Juden nach Palästina gehen könnten oder würden. Palästina, sagte er, habe nicht genügend Platz für das gesamte weltweite Judentum. “Vielleicht,” sagte er “werden wenig mehr als ein Viertel der Juden der Welt in der Lage sein, dort hinzugehen. Wenn für die Juden eine nationale Heimstätte in Palästina errichtet ist, wird es eine Heimat für die heimatlo- sen, benachteiligten und enterbten Juden sein sowie ein strahlendes Zen- trum des Lichts und der Inspiration für alle Juden der Welt. Der Wiederer- richtung Zions wird die Reparationsleistung der gesamten Christenheit für das an den Juden begangene Unrecht sein.”[Hervorhebung hinzuge- fügt] Dr. Wise wandte sich gegen die Schlußfolgerung im Zusammenhang mit der andauernden Untersuchung, daß russische Bolschewiken und russische Juden synonym seien. Der Bolschewismus, sagte er, sei kein jüdisches Phänomen. Zugegeben, eine große Zahl von Juden habe bei den Bolschewiken Ämter inne. Es müs- se aber berücksichtigt werden, daß zu diesen nach Rußland zurückgekehr- ten Juden viele der “beinahe gekreuzigten Verbannten” gehörten. Er versi- cherte unter Berufung auf Kerenski, daß 80 bis 95 Prozent der Millionen Juden gegen den Bolschewismus seien, wie sie es auch sein sollten. “Ich halte es für ein großes Unrecht gegenüber einem ganzen Volk, vom Bolschewismus und den russischen Juden so zu sprechen, als handle es sich um austauschbare Begriffe,” fuhr Dr. Wise fort. “Obwohl eine Handvoll der bolschewistischen Anführer abtrünnige Verstoßene sein mögen, sind die großen Führer der russischen Juden gegen den Bolschewismus. Müssen al- le Juden verdammt werden, weil einige Juden verdammenswert sind? Ich denke nicht, daß dies der richtige christliche oder amerikanische Weg ist. Das russische Judentum und die Hälfte des Weltjudentums sind für eine ge- wisse Zeit angeschlagen. Die Verantwortung bleibt beim amerikanischen Judentum.” Die vier Mitglieder der von Rabbi Wise angeführten Delegation, die bald nach Paris aufbrechen werden, kamen heute morgen in Washington an und verbrachten den größten Teil des Tages in einer Besprechung mit Louis D. Brandeis, dem Richter am Obersten Gerichtshofs der Vereinigten Staa- ten, der die zionistische Bewegung sehr aktiv unterstützt hat.« »Washington, 2. März 1919 (Associated Press.) Anhang: 1. Ausgewählte Buch- und Zeitungsauszüge 133 Bei seiner Ansprache in der Washingtoner High School diesen Abend erklärte Dr. Wise mit Bezug auf ein unveröffentlichtes Dokument in den Un- terlagen des Senatskomitees, das angeblich eine Liste von Juden in Indien, Rußland und anderswo enthält, die von der deutschen Regierung als Agen- ten benutzt wurden, um in diesen Ländern soziale Unruhen hervorzurufen, daß die Informationen in diesem Dokument unzutreffend seien. Er bezeich- nete deren Urheber als “entweder einen Verrückten oder einen widerlichen und verächtlichen Schurken.”« »AKTION DER KONFERENZ BEFRIEDIGT ZIONISTEN Dr. Weissman [sic.] sagt, Palästina werde die ersten Früchte des Völ- kerbundes sehen. Von Walter Duranty. Sonderdepesche an THE NEW YORK TIMES. Paris, 28. Februar. – “Wir sind sehr zufrieden mit der Aufnahme der zionistischen Ansprüche durch die Friedenskonferenz,” sagte Dr. [Chaim] Weissman [sic], Vorsitzender des British Zionist Committee, der die Zentral- figur der Organisation in Paris war. “Die wichtigsten alliierten Staatsmän- ner haben gegenüber den zionistischen Zielen Sympathie bekundet, und die gestrige Anhörung besiegelte die förmliche Anerkennung der Konferenz als einer Körperschaft. Wir haben die volle Anerkennung des historischen Anspruchs des jüdi- schen Volkes auf Palästina erhalten sowie des Rechts der Juden, ihre natio- nale Heimstatt dort wiederzuerrichten. Mit nationaler Heimstatt meine ich die Schaffung solcher Verhältnisse, daß große Mengen Juden nach Palästi- na reisen können, um sich dort auf Basis einer Selbstversorgung niederzu- lassen, sowie ihre eigenen Schulen, Universitäten und andere Institutionen zu gründen – kurz, eine Verwaltung aufzubauen, die unser Programm durchführt und schließlich Palästina so jüdisch macht, wie Amerika ameri- kanisch ist. Gegenwärtig ist das die Grenze der zionistischen Bestrebungen. Es ver- steht sich, daß die sofortige Bildung eines jüdischen Staates oder Com- monwealth nicht erwogen wird. Heute und sicher auch für einige Jahre in der Zukunft werden jüdische Siedler in Palästina tatsächlich eine erhebli- che Minderheit darstellen im Verhältnis zu den nichtjüdischen Bewohnern des Landes. Es kommt nicht in Frage, daß diese Minderheit ihren Willen der Mehrheit aufzwingt. Unsere Position wird das erste große Experiment des Mandatssystems des Völkerbundes sein, durch das Menschen, die noch nicht reif sind, eine unabhängige Regierung zu bilden, schrittweise hierzu gelangen unter der Anleitung der Großmächte. Wir haben darum gebeten, daß die Briten hierzu ernannt werden. Über Jahrhunderte waren die Juden unter den Nationen der Welt verstreut, und Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 134 wir wissen, wer unsere Freunde sind. An erster Stelle stehen die eng- lischsprechenden Völker, die wie die Juden auf der Basis der Bibel erzogen wurden. Wir erwählten Großbritannien, teilweise aufgrund von Zweifeln darüber, ob die Vereinigten Staaten bereit wären, Verpflichtungen im Nahen Osten zu übernehmen, teilweise angesichts geographischer Überlegungen und wegen der großen und vielfältigen Erfahrung Großbritanniens mit al- len Arten von Rassen und Verfassungen. Unter seiner Leitung wird ganz Pa- lästina – von der Provinz Libanon bis zur ägyptischen Grenze und vom Meer bis zur Hedschas-Eisenbahn – jüdischen Siedlungen offenstehen, die sich automatisch zu einem autonomen jüdischen Commonwealth entwickeln werden. Auf diese Weise hat es der Völkerbund ermöglicht, dem jahrhunderteal- ten Wunsch der jüdischen Rasse Ausdruck zu verleihen. Überall sind Juden überzeugte Befürworter des Völkerbundes und schulden Präsident Wilson für seine Unterstützung der Prinzipien, durch die unsere Rückkehr in unsere angestammte Heimat herbeigeführt wird, viel Dank. Wir haben darum gebeten, daß Großbritannien Palästina eine geeignete politische Verwaltung und angemessene wirtschaftliche Rahmenbedingun- gen gibt, daß es jüdische Einwanderung und Siedlungen auf dem Land för- dert und die Zusammenarbeit mit einem jüdischen Rat sucht, der die Juden Palästinas repräsentiert. Großbritannien wird Konzessionen zugunsten Pa- lästinas an diesen Rat vergeben mit der Bestimmung, daß es dem Rat nicht verboten ist, daraus privaten Profit zu schlagen. Schließlich sind wir darin übereingekommen, die ursprüngliche Forde- rung der britischen Regierung wie folgt zu akzeptieren: Es versteht sich von selbst, daß nichts unternommen wird, was die zivi- len und religiösen Rechte vorhandener nichtjüdischer Gemeinschaften in Palästina oder die Rechte und den politischen Status von Juden, die in an- deren Ländern leben, beeinträchtigen könnte. Sie sehen, unsere Ziele sind bis jetzt bescheiden und bedacht. Später wird eine unabhängige Regierung Palästinas die natürliche Folge der neu- en Bedingungen und Verhältnisse sein.”« Anhang: 1. Ausgewählte Buch- und Zeitungsauszüge 135 29. September 1919, S. 7 »FELIX M. WARBURG BERICHTET ÜBER DAS TRAURIGE LOS DER JUDEN. Felix M. Warburg sagt, sie waren im Krieg die größten Leidtragenden. Felix M. Warburg, Vorsitzender des Joint Distribution Committee des amerikanischen Fonds für jüdische Kriegsleidende, der vor einigen Tagen von einer Reise nach Europa für diese Organisation zurückkehrte, machte gestern einige seiner Ergebnisse publik. “Die aufeinanderfolgenden Schläge der streitenden Armeen haben dem europäischen Judentum das Rückgrat gebrochen,” sagte er, “und stürzten etwa 6.000.000 Seelen oder die Hälfte der jüdischen Weltbevölkerung in unglaublich tragische Armut, Hunger und Krankheit. Die jüdischen Menschen in ganz Osteuropa haben aufgrund eines rei- nen Zufalls der Geographie unter dem Krieg mehr gelitten als irgendeine andere Bevölkerungsgruppe. Die potentielle Vitalität und die Fähigkeit zur Selbsthilfe, die diesen Menschen nach den letzten fünf Jahren verbleibt, ist für mich erstaunlich.” Die Menschen sind von der Hilfe, die sie von Amerika erhalten, tief be- wegt, sagte Mr. Warburg, aber es wäre fatal, die Nothilfe jetzt zu reduzieren, während Millionen in tragischer Not sind. Die 30.000.000 Dollar, die von diesem Komitee ausgegeben wurden, sagte er, haben mehr als eine Million Kinder ernährt und gekleidet, und dies hat die Hoffnung von fünf Millionen Eltern und Älteren erneuert. “Mehr als vier Jahre lang,” sagte er, “wurde der Krieg an der Ostfront weitgehend in den dichtbevölkerten Zentren der jüdischen Bevölkerung ausgefochten. Eine gerade Nord-Süd-Linie von Riga im Baltikum bis Salo- niki an der Ägäis geht durch jede wichtige Kampfzone des östlichen Kriegsgebiets und jedes Zentrum der jüdischen Bevölkerung. Nach der ver- nichtenden Katastrophe der vergangenen Jahre ist es zu viel, wenn man er- wartet, daß diese Juden innerhalb von nur zwölf Monaten Selbstversorger werden.” Mr. Warburg macht sich Sorgen über das bald beginnende Programm hinsichtlich der Unterbrechung der Nothilfe. Dieser Plan, sagte er, sieht die Gründung einer Wiederaufbau-Gesellschaft mit einem Kapital von 10.000.000 Dollar vor. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 136 “Diese Organisation,” sagte er, “würde Aufbauhilfe für Juden im Aus- land in Form von Darlehen und Krediten zu symbolischen Zinssätzen er- möglichen. Der Wert dieser Art von Hilfe als Ersatz für reine karitative Hil- fe ist offenkundig.” Andere Hilfsprojekte, die von Mr. Warburg empfohlen wurden, beinhal- ten die Errichtung einer Transportgesellschaft, um Geld und Pakete von Juden in diesem Land an Verwandte und Freunde im Ausland zu schicken; die Verteilung von Brennmaterial im Wert von 120.000 Dollar in den Teilen Polens, wo das Elend am größten ist; den Kauf von Stoffen im Wert von 300.000 Dollar, durch die arbeitslose Arbeiter Polens Rohmaterial bekom- men, sowie einen Plan, die jüdischen Familien zusammenzuführen, die Ver- wandte in den Vereinigten Staaten haben, und jene, die im Ausland getrennt wurden.« 26. Oktober 1919, Abschnitt 2, Seite 1 »2 MILLIONEN DOLLAR BEI SCHNÄPPCHENJAGD AUSGEGEBEN Miss Lowenstein berichtet von ihren Einkäufen für 4.000.000 hungernde Juden in Osteuropa. ARMEE FÜHRT IHRE BESTELLUNGEN AUS Käufe reichen von Schiffszwieback bis zu genagelten Stiefeln – Seife ist der erste große Bedarf, der gedeckt wird. Eine dreiwöchige Einkaufstour, bei der sie 2.000.000 Dollar für eine “Familie” von 4.000.000 Menschen ausgab, ist der Rekord von Harriet B. Lowenstein, einer Vertreterin des Joint Distribution Committee des ameri- kanischen Fonds für jüdische Kriegsopfer, die kürzlich aus Osteuropa zu- rückkehrte. In einer Erklärung, die das Komitee gestern herausgab, hieß es, daß die Käufe von Miss Lowenstein das Leben der Juden Osteuropas schier gerettet haben, die am verhungern waren. Miss Lowenstein ließ sich kein Schnäppchen entgehen, das vom Auflö- sungsbüro der US-Armee angeboten wurde, von Schiffszwieback bis zu ge- nagelten Stiefeln sowie von Seife bis zu Motorlastwagen! Bei ihrer Ankunft in Paris traf sie Lewis Strauss, den Sekretär von Herbert Hoover, und er- fuhr von den schrecklichen Lebensbedingungen in den europäischen Län- Anhang: 1. Ausgewählte Buch- und Zeitungsauszüge 137 dern. Aus Polen erhielt sie die Bitte, 2.000.000 Dollar für 4.000.000 im Elend vegetierende Juden auszugeben. “Ich wußte nicht, was ich besorgen sollte,” sagte Miss Lowenstein, “und ich wußte nicht, wo ich es besorgen sollte. Alles, was ich wußte, war, daß es erledigt werden mußte. Zum Glück waren Louis Marshall, Vorsitzen- der der jüdischen Delegation für die Friedenskonferenz, und Dr. Cyrus Ad- ler immer noch da, als ich nach Paris kam. Sie nahmen mich mit, um Rich- ter Parker aus Texas zu treffen, der im Auflösungsbüro der US-Armee war.” “Hat die Armee etwas zu verkaufen?” fragten wir ihn. Nun ja, sie hat einige Dinge hier und da, sagte er. “Könnten wir das sehen?” fragten wir. “Wir müssen sofort mehrere Zugwaggons nach Polen losschicken.” Es stellte sich heraus, daß die Sachen nicht in Paris waren. Um ihre Schnäppchen zu bekommen, mußte Miss Lowenstein in ganz Frankreich ei- ne Serie von Schlußverkäufen besuchen, wenn man so will. Die Bestandsla- ger der US-Armee waren ihre Einkaufsläden. Ihre Einkaufstour konnte sie für Olivenöl nach Bordeaux, wegen Decken nach Tours und wegen Medizin nach Toule führen – aber was für Bequemlichkeiten kann ein Schnäppchen- jäger schon erwarten? “Das erste, was ich tat,” sagte sie, “war, einen Armeewagen zu leihen und nach Gievres zu eilen, das, wie man mir sagte, ein Zentrum ihrer Auflö- sungskommission war. In den drei Tagen und drei Nächten, die ich dort ver- brachte, kaufte ich genug Material, um 39 Lastwagen zu füllen, die mir von der Armee und der Auflösungskommission aus Gefälligkeit geliehen wur- den. Das erste, was ich kaufte, war eine Menge Seife. Keiner hatte mir das befohlen, aber wir hatten Berichte über den Schmutz und über Krankheiten in Polen, und es schien mir, daß Seife ein Luxus war, ohne den wir nicht auskommen konnten. Die Männer sagten, sie dachten, ich würde wohl ganz Polen schrubben, als sie meinen Frachtwagen voll mit Seife sahen. Es gab Tausende von Fleckfieberfällen in Polen unter den elenden Ju- den, und ich wollte Betten versenden, aber ich wußte, daß das unmöglich war, da wir nur soviel Platz auf den Schiffen bekommen konnten, wie Mr. Hoover für uns bereitstellen konnte. Daher dachte ich, daß es das Beste wä- re, drei Wagenladungen Armeedecken zu senden. 80.000 Leinentücher und 150.000 Kissenbezüge. Ich schaffte es, 1000 Liegen und 1000 Matratzen hineinzupacken, ohne gestoppt zu werden.” Miss Lowenstein fand all diese Dinge nicht etwa für sie in Gievres be- reitgelegt. Sie mußte Frankreich lange danach absuchen. Dann, als ihre Sachen in das Boot gepackt waren, hörte sie, daß in Toule Medizin bereit- gestellt würde, und sie eilte dorthin, um sie zu kaufen. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 138 “Medizin war eine Sache, von der ich praktisch überhaupt nichts wuß- te,” sagte sie. “So kaufte ich einfach die Dinge, von denen ich dachte, daß Frauen mit gesundem Menschenverstand sie gebrauchen würden, ohne Ärz- te und Krankenschwestern – Chinin, Abführmittel, Fleckfieber-Desinfek- tionsmittel, Betäubungsmittel (ich hatte gehört, daß in Polen ständig Ope- rationen durchgeführt wurden ohne irgend etwas Derartiges) und einfache Sachen dieser Art. Ich kaufte auch 20 chirurgische Ausrüstungen, die Sorte, die man auf dem Schlachtfeld benutzte, und eine große Menge 95- prozentigen reinen Alkohol zu 72 Cent die Gallone – ein weiteres Schnäpp- chen, wie jeder, der hier gekauft hat, wissen muß. Dann, weil ich wußte, daß die Kinder an Unterernährung litten und die jüdischen Jugendlichen die meisten Fette wegen ihrer Religion nicht essen konnten, kaufte ich all das reine Olivenöl, das die Armee hatte, zu 1,75 Dollar die Gallone.” Während der ganzen Zeit half die Armee Miss Lowenstein bei ihren Schnäppchen, so als seien sie echte Verkäufer und sie eine echte Käuferin mit einer großen Bestellung. Durch ihre Hilfe war Miss Lowenstein in der Lage, 400.000 Pfund Schiffszwieback für die hungrigste Region der Welt zu bekommen, das desolate Gebiet östlich des Bug, wo Tausende jüdische Kin- der am verhungern waren. Das Hilfspersonal sagt, daß dieses von den In- fanteristen verschmähte Essen das Leben von vielen jungen Menschen dort rettete. Zusammen mit diesem Zwieback versandte Miss Lowenstein etwa einen Wagen voll Kondensmilch. “Ich war mir klar, daß die jüdischen Menschen dieser Länder kaum ei- nen Schimmer Hoffnung mehr hatten,” erklärte sie. “Ich hatte gehört, daß Väter zusahen, wie ihre Kinder verhungerten, und daß Mütter ihre Säuglin- ge tot entlang den Straßen zurücklassen mußten, die sie als zurückkehrende Flüchtlinge entlang trotteten. Und ich wußte, daß es den geschlagenen jüdi- schen Menschen Polens erscheinen mußte, als gäbe es für sie nicht einmal mehr den Trost der Religion, da sie die Kerzen nicht bekommen konnten, die sie ihrem Glauben gemäß am Sabbat anstecken mußten, wenn sie ihren Segen sprechen. So kaufte ich so viele Kerzen und Streichhölzer, wie ich konnte – mindestens 100 000 Stück. “Was machen sie mit so vielen Ker- zen?” fragten die Armeeangehörigen, und weil ich ihnen keine sentimentale Erklärung geben wollte, sagte ich ihnen, die Kerzen sollten die Ratten von den Toten in den schrecklichen Kellern fernhalten, in denen so viele der elenden Juden in Polen leben. Dies war auch absolut zutreffend, aber mein Hauptgrund war der andere. Miss Lowenstein folgte ihren Schnäppchen nach Osteuropa, wo sie die Befriedigung hatte zu sehen, wie viel Gutes sie bewirkten. Aber es blieb die Unzufriedenheit darüber zu wissen, daß noch weitere Hilfsgüter im Wert von Millionen Dollar benötigt würden, wenn die jüdische Rasse gerettet werden sollte. Anhang: 1. Ausgewählte Buch- und Zeitungsauszüge 139 “Ohne Zweifel werden Hunderttausende Juden in Osteuropa in diesem Winter sterben, wenn die Vereinigten Staaten ihnen nicht zu Hilfe eilten,” sagte Miss Lowenstein. “Wichtiger als Essen und Medizin ist die Tatsache, daß die American Relief Administration, das Rote Kreuz und die amerikani- schen jüdischen Hilfsorganisationen diesen Menschen einen Hoffnungs- schimmer gegeben haben nach der Dunkelheit der fünf Kriegsjahre und des Hungers. Wenn diese Hoffnung sie jetzt verläßt, werden sie sterben.”« 3. Dezember 1919, S. 19 »10 MILLIONEN DROHT DER HUNGERTOD Morgenthau drängt Amerika zu versuchen, sterbende Nationen der Al- ten Welt zu retten Beschreibt Szenen, die er gesehen hat Ex-Botschafter überzeugt, nichts als ein Wunder könne großes Grauen abwenden, das der Winter bringt. Washington, 2. Dezember – Auf einer Ansprache gestern Abend hier sagte Henry Morgenthau, ehemaliger amerikanischer Botschafter in der Türkei, daß “nichts auf der Welt außer einem Wunder den Tod von 5.000.000 bis 10.000.000 Menschen durch Kälte und Hunger in Europa und dem Nahen Osten in diesem Winter verhindern kann.” Viele hochstehende Beamte waren in dem Publikum, das Mr. Morgent- hau zuhörte, der vor kurzem in dieses Land von einer offiziellen Mission nach Polen zurückgekehrt war. “Ich wünschte, ich könnte eine Szene passend beschreiben, die ich in Pinsk im letzten August sah,” sagte Mr. Morgenthau. “Sie hat mich seitdem ständig verfolgt und veranschaulicht vollständig das Elend und das Un- recht, das heute einen so großen Teil der Welt beherrscht. Einige Monate vor meiner Ankunft hatte sich ein besonders grausames jüdisches Massaker ereignet. Ein polnischer Offizier hatte mit Truppen eine Versammlungshalle betre- ten, wo die führenden jüdischen Einwohner zusammengekommen waren, nahm sie fest und brachte sie eilig auf den öffentlichen Platz. Er nahm 35 Männer, stellte sie an einer Kathedrale im schummrigen Licht eines Auto- mobilscheinwerfers auf und erschoß sie kaltblütig. Eine vage Anklage war Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 140 erhoben worden, daß diese Männer Bolschewiken seien, aber sie bekamen kein Verfahren, und tatsächlich stellte sich der Vorwurf nachträglich als unwahr heraus. Am nächsten Morgen kehrten die Truppen zur Szene der Exekution zu- rück und fanden, daß drei der Opfer noch immer atmeten; diese erledigten sie mit Schüssen, und alle 35 Leichen wurden in ein Loch in einem alten jü- dischen Friedhof geworfen, ohne ein anständiges Begräbnis, religiöse Ze- remonien oder eine Kennzeichnung der Gräber zu ermöglichen. Ein Geschehen, das einen erschauern läßt, wahrhaftig, aber kein be- sonders schreckliches Ereignis im Vergleich zu den Verbrechen, die in Mit- teleuropa, auf dem Balkan und in Kleinasien in den letzten fünf Jahren be- gangen werden. Das Leben von nur 35 Juden wurde geopfert, aber inner- halb von nur wenigen Monaten wurde nahezu eine Million Armenier unter erheblich schlimmeren Verhältnissen vernichtet. Ich möchte Ihnen vor allem von einer Szene berichten, die ich während meines Besuches sah. Bis dahin hatte man nicht einem einzigen Juden erlaubt, diesen Friedhof zu besuchen. Aber mir wurde erlaubt, den Schauplatz dieses Martyriums zu besichtigen, und als ich hineinging, kam auch eine große Menge Juden her- ein, die mir gefolgt war. Sobald sie die Grabstätte ihrer Verwandten er- reichten, warfen sie sich als eine Masse auf den Boden und begannen eine Klage, die immer noch in meinen Ohren gellt. Es war der Angstschrei einer schrecklich verfolgten Rasse, für mich drückte er das Elend von Jahrhun- derten aus, und zwar nicht nur das Elend der Juden, sondern auch der zahlreichen anderen Menschen, die lange Zeit nach Gerechtigkeit gesucht und sie nicht gefunden haben. Am gleichen Abend besuchte ich den Gottesdienst in der Synagoge. In diesem Gebäude war eine Menge von mehr als 5000 zusammengekommen, um ihren Schmerz über den Verlust ihrer Anführer zum Ausdruck zu brin- gen. Diese große Anzahl Männer, Frauen und Kinder schrie, bis es schien, daß die Himmel bersten würden. Ich hatte im Alten Testament von solchen Massenbekundungen der Agonie gelesen, aber hier wurde ich zum ersten Mal gewahr, wie sich der kollektive Schmerz einer verfolgten Gemeinschaft ausdrückt. Für mich blieb es eine bewegende Erinnerung und ein Symbol für den Hilferuf, der von einem großen Teil Europas ausgeht.” Abschließend sagte Mr. Morgenthau: “Sie können tagelang in Osteuro- pa reisen und sehen kein Gesicht, das nicht wirklich ausgelaugt ist, und keine Augen, die nicht leer und fast ausdruckslos aufgrund des Nahrungs- mangels sind. In diesem Moment ist das größte Problem, vor dem das amerikanische Volk steht, folgendes: Sollen wir abseits stehen, während Europa in Agonie taumelt und sich auflöst, oder sollen wir uns unserer Pflicht stellen und die Möglichkeit ergreifen, diese leidenden Völker zu retten? Emerson sagte, Anhang: 1. Ausgewählte Buch- und Zeitungsauszüge 141 daß ‘Amerika Gottes letzten Versuch darstelle, die Menschheit zu retten.’ Es sieht wirklich so aus, als ob die Zeit gekommen ist, in der wir diese Prophe- zeiung erfüllen. Diese Gelegenheit appelliert an die geschichtliche Vorstellung. Die Probleme Armeniens sind direkt mit der Entwicklung der Vereinigten Staa- ten verbunden. Es war die türkische Eroberung Kleinasiens und Konstan- tinopels, welche den jahrhundertealten Handelsweg nach Osten absperrte und daher zu einer Suche nach der Ostroute führte, die in der Entdeckung Amerikas gipfelte. Es wäre historisch gesehen nur gerecht, wenn dieses neue Land nicht nur das, was von den Armeniern verblieben ist, retten wür- de, sondern auch die anderen hoffnungslosen Völker Ost- und Mitteleuro- pas. All die Menschen sind wirklich Brüder. Der große Anstoß muß von dieser Seite des Atlantiks kommen. Ich habe bereits gesagt, daß Europa heute einer Auflösung entgegengeht, die der äh- nelt, als das römische Reich niederging. Aber die Weltsituation heute weist einen großen Unterschied zu der Lage vor fast zweitausend Jahren auf. Das römische Reich ging aufgrund seiner eigenen Laster und Niederlagen nie- der, es fiel, weil es keine Kraft von außen gab, die zu Hilfe kam.”« 3. Dezember 1919, S. 24 »Fünf Millionen droht Hunger in Polen American Jewish Relief und Rot-Kreuz-Verbände kämpfen gegen Krankheit und Hunger. Viele Kinder verkrüppelt. Neue Krankheit macht Kriegsflüchtlinge blind – Hohe Zahl an Fleckfieber-Opfern. Laut einer Erklärung, die gestern vom Komitee der Amerikanisch- Jüdischen Nothilfe aufgrund von Nachforschungen durch das Amerikani- sche Rote Kreuz und Helfer der Amerikanisch-Jüdischen Nothilfe veröffent- licht wurde, sind fünf Millionen Menschen östlich des Bug im neuen Polen am verhungern. Das große Gebiet, aus dem es fünf Jahre lang praktisch keine Nachrichten gab, wurde vor kurzem von Vertretern des amerikani- schen Roten Kreuzes und des Amerikanisch-Jüdischen Nothilfe-Komitees besucht. “Der Krieg hat 5.000.000 elende und geschlagene Juden in Osteuropa hinterlassen,” lautet die Erklärung, “eine Zahl, die so groß ist, wie die ge- Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 142 samte Bevölkerung von New York City, absolut hilflos, oftmals krank, in je- dem Fall hungrig und unversorgt. Östlich des Bug leben diese Leute in zerstörten Häusern, in Ställen alter Scheunen, auf für Flüchtlingsfamilien gebauten Plattformen ohne Dach, ei- ne Familie pro Plattform, in alten Frachtwagen, in Löchern im Boden oder unter freiem Himmel. Sie sind geschwächt von vielen Wochen des teilweisen Hungerns, weil sie fünf Jahre lang ohne richtige Mahlzeiten gelebt haben. Sie sind noch immer vom Schrecken des Krieges geschlagen. Ihre Zahl wird jeden Tag durch eine Reihe der schrecklichsten Epidemien dezimiert, die jemals über irgendein Gebiet der Welt hinwegfegte. Fleckfieber, Cholera und Pocken wüten in den Gebieten östlich des Bug. Über die tatsächliche Zahl der in Polen mit Fleckfieber Infizierten wurde noch keine Schätzung vorgenommen, aber sie ist wahrscheinlich größer als in Sibirien, wo das amerikanische Rote Kreuz 100.000 Fälle feststellte. Schmutz und Unterernährung sind die zwei großen Ursachen der Krank- heitsepidemie. In ganz Polen kann man Kinder im Alter von 8 bis 10 Jahren finden, die nicht größer sind als gewöhnlich halb so alte Kinder. Zwei von drei Kindern überleben ihr erstes Lebensjahr nicht. Das durchschnittliche Kind im Ge- biet östlich des Bug hat nie Milch gekostet, nicht einmal Muttermilch. Mit- arbeiter des amerikanischen Roten Kreuzes sagen, daß eine ungewöhnlich große Zahl Kinder wegen der Unterernährung ihrer Mütter blind geboren wird. Ermittler des Amerikanisch-Jüdischen Hilfswerkes entdeckten eine neue Augenkrankheit, die Tausende von Kindern befallen hat, mit ständi- gem Blinzeln beginnt und mit völliger Blindheit endet, als Folge langan- dauernden Hungers, der die Augenmuskeln beeinträchtigt. In dem Kampf gegen Krankheiten, der östlich des Bugs stattfindet, setzt das amerikanische Rote Kreuz außer auf Medizin und Ärzte vor allem auf Bemühungen, Reinlichkeit einzuführen. Die Mitarbeiter des Amerikanisch- Jüdischen Hilfswerks führen ihren Kampf gegen den Hunger mit Suppenkü- chen und Milchausgabestellen sowie mit Kinderhilfsbüros, die überall in dem großen Gebiet eingerichtet wurden. Wenn all die Menschen im Gebiet östlich des Bug sofort richtig ernährt werden könnten, würde die Krankheit bald verschwinden, sagen Ärzte in der betroffenen Region. Wenn sie die Lumpen, die sie seit Kriegsbeginn ge- tragen haben, durch frische Kleidung ersetzen könnten, würden die Epide- mien aufhören, sich auszubreiten. Wenn ihre Lebensbereiche bewohnbar und gesäubert werden könnten, würde es nicht mehr wie heute das trostlo- seste Stück Land der Welt sein. Auf diese Ziele hin arbeiten die zwei großen Organisationen Hand in Hand, die eine von Nichtjuden und die andere von Juden geleitet, wobei Glaubensunterschiede angesichts der großen Not ver- gessen sind.”« Anhang: 1. Ausgewählte Buch- und Zeitungsauszüge 143 21. April 1920, Leitartikel, S. 8 »EIN WERK DER BARMHERZIGKEIT Bisher haben die Juden ihre eigenen philanthropischen Werke finan- ziert, und zwar mit einer Großzügigkeit und Geschicklichkeit, die allgemein anerkannt wird. Im Interesse ihrer Religionsangehörigen, die immer noch in den kriegsgeschüttelten Gebieten Europas leiden, suchen sie nun zum er- sten Mal Hilfe von außen. Es war leicht, mit dem Schicksal Belgiens und Serbiens zu sympathisie- ren. Das Gebiet einer Nation war überfallen worden und ihre Bürger orga- nisierten einen gemeinsamen Widerstand. Die Juden haben kein Vaterland, können sich nicht für eine gemeinsame Verteidigung zusammenschließen. Aber von Anfang an kämpften sie, wo auch immer der Ruf ertönte, und sie kämpften mutig für die Sache der Alliierten. Inzwischen litt das Volk in weit zerstreuten Gebieten wie vielleicht kein anderes Volk, und in vielen Gebie- ten hat ihr Leiden den Krieg überdauert. In Europa gibt es heute mehr als 5.000.000 Juden, die hungern oder im Begriff sind, zu verhungern, und viele sind von einer virulenten Fleckfieber- Epidemie ergriffen. Ein Appell wurde an die ganze Welt gerichtet. Die Quo- te für New York City beträgt 7.500.000 Dollar. Die Aktion wird in der Wo- che vom 2. bis 9. Mai stattfinden und ganz auf den Prinzipien des Mitge- fühls und menschlicher Gemeinsamkeit basieren.« 2. Mai 1920, Abschnitt 2, Seite 1 »JUDEN BITTEN ÖFFENTLICHKEIT UM HILFE FÜR KRIEGSOPFER Konfessionsübergreifender Aufruf für 7.500.000 Dollar Spende beginnt heute mit Predigten in allen Kirchen. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 144 POLENS ELEND ERSCHRECKEND Kampagne wird von 10.000 aktiven Mitarbeitern in den fünf Bezirken vorangetrieben. Ein hungerndes Kind auf dem Auktionsblock, eine Mutter im Vorder- grund bittet um Hilfe, der Tod lauert mit ausgestreckten Armen in der Nähe, und die Bildunterschrift “Soll der Tod der Meistbietende sein?” Mit dieser bildlichen Darstellung der Nöte geschlagener Völker in den kriegsverwüsteten Gebieten Mittel- und Osteuropas werden die New Yorker heute überall konfrontiert. Hinter dieser Darstellung steht eine Organisati- on, die sich jedes Mittel zunutze machen will, um den Menschen dieser Stadt die Notwendigkeit klarzumachen, zu den 7.500.000 Dollar beizutra- gen, die in dieser Woche vom New Yorker Appell für jüdische Kriegsopfer gesammelt werden. Dieser Fond beträgt nur ein Zehntel des Betrages, der im ganzen Land gezeichnet werden muß, wenn ein Unglück für ganze Völker abgewendet werden soll. Die umfassende Natur der Not, die Männer, Frauen und Kin- der erfaßt hat, die nicht nur der reinen Lebensnotwendigkeiten beraubt sind, sondern auch aller Möglichkeiten, sich wieder selbst ohne äußere Hil- fe auf die Füße zu bringen, hat führende Juden aus New York und der Na- tion dazu veranlaßt, sich an die Öffentlichkeit um Hilfe zu wenden, unab- hängig von der Glaubenszugehörigkeit. Bisher haben die Juden selbst viele Millionen beigesteuert, die vom Joint Distribution Committee durch Hilfs- organisationen aller Länder ausgegeben wurden, unabhängig von der Reli- gionszugehörigkeit der in Not Befindlichen. Dieses Mal ist die Last zu gi- gantisch, um von den Juden allein getragen zu werden. Millionen durch Krieg ruiniert Dr. Boris B. Bogen aus dieser Stadt, der jetzt in Warschau als Chef der First Relief Unit weilt und vom Joint Distribution Committee ins Ausland geschickt wurde, hat an das Spendenkomitee ein Bild der aktuellen Verhält- nisse übermittelt, das typisch für mehrere Länder ist. Dr. Bogen schreibt: “Hunger, kalte Lumpen, Elend, Krankheit, Tod – Sechs Millionen Men- schen ohne Nahrung, Unterkunft, Kleidung oder medizinische Versorgung in einst fruchtbaren Ländern, die durch lange Jahre des Krieges oder seiner Folgen zerstört wurden und jetzt nur noch Wüsten sind! Dies ist in einigen Worten die gegenwärtige Situation in all den Län- dern, die während des großen Konflikts als der östliche Kriegsschauplatz bezeichnet wurden. Weder kann mit Worten übermittelt werden, noch läßt sich ein Bild zeichnen, das den bequemen, wohlhabenden, glücklichen New Yorkern, die inmitten ihrer Familien und Freunde sind und in ihren Autos fahren und je- Anhang: 1. Ausgewählte Buch- und Zeitungsauszüge 145 den Luxus genießen, das absolute, erniedrigende, hoffnungslose Elend na- hebringen kann, dem sich die Bevölkerung dieser Länder gegenübersieht, eine Bevölkerung, die in etwa der von New York City selbst entspricht. Wenn Sie versuchen wollen, sich die Situation vorzustellen, zu verge- genwärtigen, dann stellen Sie sich selbst an die Ecke der 5. Avenue und der 42. Straße. Die einst geschäftige Allee ist gänzlich leergefegt. Vorbei sind die schö- nen Karossen, ihre juwelengeschmückten Benutzer und livrierten Chauffeu- re. Die Gehwege sind nicht mehr mit einer strömenden Menge adrett ge- kleideter Männer und Frauen angefüllt. Die Straße ist ganz still. Lachen und lebhaftes Gerede sind nicht mehr zu hören. Statt dessen lehnen sich alte Männer haltsuchend an die Gebäude. Müt- ter mit sterbenden Säuglingen, die vergebens an ihren Brüsten saugen, sit- zen am Gehweg. Die Blüte dessen, was einst junge Männer und junge Frauen der Stadt waren, ist nicht mehr zu sehen, denn sie liegen elend zu Tausenden und Zehntausenden in den überfüllten Krankenhäusern, nieder- gestreckt durch den Hauch einer Pest.” Zu schwach, um nach Brot zu rufen “Kleine Kinder mit ausgezehrtem und angeschwollenem Körper klam- mern sich an die Lumpen ihrer Mütter, zu schwach gar, um nach Brot zu ru- fen, das man nicht bekommen kann. Ein bitterer Wind fegt von Norden durch die Allee. Ein Mann – seine Lumpen können nicht als Kleidung bezeichnete werden – mit blauem und ausgemergelten Gesicht blickt Sie mit erloschenen Augen an. Sie erkennen ihn zunächst nicht. Dann dämmert Ihnen, daß Sie dieses Gesicht früher schon einmal gesehen haben. Es ist das Gesicht eines Freundes, eines Mannes, der vor nur wenigen kurzen Monaten wohlhabend war, ein Ban- kier, ebenso wohlhabend, wohlgenährt und gutgekleidet, wie Sie es nun sind. Er streckt Ihnen die Arme entgegen und fällt Ihnen zu Füßen. Sie bük- ken sich, um ihn hochzuheben. Er ist tot! Der Hunger hat ihn getötet. Die Szene ist nicht übertrieben, nicht überzeichnet. Sie hat in genau die- sem Moment ihre genaue Entsprechung in Hunderten von Städten, Gemein- den und Dörfern in ganz Mittel- und Osteuropa. Der Ruf ergeht von einem Menschenwesen an den anderen, von denen, die weniger als nichts haben, an diejenigen, die viel haben. Es ist der Ruf der Menschlichkeit. “Zu keiner Zeit während des Krieges gab es in irgendeinem Land, we- der in Belgien, noch in Nordfrankreich, eine kritischere Situation, eine grö- ßere Not, eine eindringlichere Bitte um Opfer und Hilfe, als jetzt von Mittel- und Osteuropa kommt. Sowohl die gegenwärtige wie auch die zukünftige Existenz eines ganzen Volkes steht auf dem Spiel.” Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 146 Die Kampagne erhält die aktive Förderung und Unterstützung von Erz- bischof Patrick J. Hayes von der römisch-katholischen Kirche, Bischof Lu- ther B. Burch von der episkopalischen Kirche, Bischof Luther B. Wilson, Präsident der Äußeren Mission der methodistisch-episkopalischen Kirche, Miss Evangeline Booth, Kommandant der Heilsarmee. Zu den Mitgliedern des Exekutivkomitees gehören Cleveland H. Dodge, Schatzmeister des Komitees für Hilfe im Nahen Osten, Präsident Nicholas Murray Butler von der Columbia Universität, George Gordon Battle, Otto T. Bannard, John G. Ager, der Rev. Dr. David J. Burrell, Robert Grier Coo- ke, Paul G. Cravath, Francis D. Gallatin, Charles H. Sabin, Präsident der Guaranty Trust company; der ehemalige Generalstaatsanwalt George W. Wickersham, Richter Joseph F. Mulqueen, Richter William H. Widhams und Alfred E. Marling. Der Appell wird den Menschen in New York auf vielfältige Weise nach- drücklich nahegebracht. Heute ist Kirchensonntag, und es wird spezielle Predigten in den Kirchen aller Glaubensrichtungen geben. Der Rev. Dr. S. Parkes Cadman hat eine Musterpredigt für protestantische Kirchen vorge- fertigt. Generalvikar Joseph F. Mooney hat eine Botschaft an die römisch- katholischen Kirchen geschrieben und Dr. Nathan Stern, Rabbi der West End Synagoge, hat einen Appell angefertigt, der bei den jüdischen Kongre- gationen verlesen wird. Kinder in den öffentlichen Schulen sollen, von der Schulkommission veranlaßt, die Leidensgeschichte der Kinder in anderen Ländern hören. In Theatern, Kinos. Clubs, Hotels und Restaurants, kurz, wo immer Menschen zusammenkommen, werden ihnen die Zustände klargemacht, um deren Lin- derung sie gebeten werden. Es wird geschätzt, daß sich nicht weniger als 10.000 aktive Mitarbeiter in den fünf Stadtbezirken der Sache verschrieben haben. Die Durchführung der Kampagne ist in drei Teile gegliedert: Die Organisierung von Handel und Industrie, so daß in der Stadt nicht ein einziges Geschäft oder ein ein- ziger Berufsstand übersehen wurde; die Frauen-Abteilung, die 3.000 Frau- enarbeiter umfaßt, unter der Führung von Mrs. I. Unterberg, Mrs. Samuel C. Lampert und Mrs. S. S. Prince, welche die Stadt in Distrikte eingeteilt hat. Die Frauen organisierten die Schulen und Kirchen und werden einen direkten Appell an die Familien und an die Ladenbesitzer der Nachbar- schaft richten. Das dritte System umfaßt die Stadtbezirke, jeder Stadtbezirk, Manhattan, die Bronx, Brooklyn, Queens und Richmond, hat eine eigene Organisation.« Anhang: 1. Ausgewählte Buch- und Zeitungsauszüge 147 3. Mai 1920, Leitartikel, S. 12 »DIE JÜDISCHEN KRIEGSGESCHÄDIGTEN Der überkonfessionelle Charakter der Aktion für die jüdischen Kriegs- geschädigten wurde in dem Appell betont, der gestern ihren formellen Be- ginn markierte. Evangeline Booth von der Heilsarmee, Bischof Burch, Erz- bischof Hayes und viele andere Repräsentanten christlicher Kirchen haben einen Begleitbrief unterschrieben. Eine Erklärung über die Art der Krise wurde vom Rev. Dr. S. Parker Cadman verfaßt und an jeden protestanti- schen Pfarrer in der Stadt gesandt, um als Grundlage für eine Bekanntma- chung von der Kanzel zu dienen. Eine ähnliche Erklärung für die katholi- schen Kirchen wurde von Msgr. Joseph F. Mooney versandt. Bisher haben die Juden ihre eigenen Wohltätigkeitsorganisationen fi- nanziert, und zwar mit einer Großzügigkeit und einem Geschick, die allge- mein anerkannt werden. Die gegenwärtige Not übersteigt die Möglichkeiten einer einzelnen Glaubensgemeinschaft und entspringt einer Katastrophe, welche die gesamte Welt bedroht. In Rußland und den Nachbarländern wurden die Juden einer besonders bösartigen Verfolgung ausgesetzt, die nicht mit dem Krieg endete. Ohne eine eigene nationale Organisation ha- ben sie keine zentrale Stelle, an die sie sich wenden könnten. Da sie in ab- gesonderten und im allgemeinen verarmten Gemeinden leben, übersteigt ihr Elend das Leiden anderer. Man nimmt an, daß gegenwärtig mehr als fünf Millionen hungern oder am verhungern sind, und eine schlimme Fleck- fieberepidemie wütet unter ihnen und breitet sich bereits unter der benach- barten Bevölkerung aus. Die Stärke wie auch das Ausmaß des gegenwärti- gen Leidens sowie die Bedrohung, die es für ganz Europa bildet, stellen ei- ne Situation dar, die direkt die Öffentlichkeit aller Rassen und Glaubens- richtungen angeht. New York City soll einen Anteil von 7.500.000 Dollar beschaffen. Beim American Joint Distribution Committee sind Professor Harry Fisher von Chicago, Professor Israel Friedlander, Max Pine und Maurice Kass. Bei ih- rer Arbeit der Verteilung von Lebensmitteln und medizinischer Hilfe über die Ghettos von Mitteleuropa müssen sie ohne Schutz durch die Regierung der Vereinigten Staaten vorgehen, die keine diplomatischen Beziehungen zu Sowjetrußland unterhält. Umfangreiche Vorsichtsmaßnahmen werden je- doch ergriffen, um sicherzustellen, daß die Mittel für den vorgesehenen Zweck verwendet werden. Es ist eine Arbeit der Barmherzigkeit, die einen Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 148 besonderen Appell sowohl an das Herz als auch an die Interessen der ge- samten Menschheit richtet.« 9. Januar 1922, S. 19 »BRITISCHER OBERRABBINER VERURTEILT SCHWEIGEN ZU DEN IN DER UKRAINE ERFOLGTEN POGROMEN London, 8. Januar (Associated Press) —Bei der zweiten Jahreskonferenz der Vereinigung ukrainischer Juden richtete der Rev. Joseph H. Hertz, Oberrabbiner des Britischen Empires, die Aufmerksamkeit auf die “erstaunliche Tatsache in der Moralgeschichte der heutigen Menschheit, daß eine der schwärzesten Seiten in den Annalen des Menschen gerade abgeschlossen wurde und daß die Welt dennoch na- hezu nichts über den unaussprechlichen Schrecken und die endlosen Ver- brechen weiß, die gegen das jüdische Volk begangen wurden.” Dr. Hertz erklärte, daß 1.000.000 Menschen abgeschlachtet wurden und daß 3.000.000 Personen in der Ukraine drei Jahre lang gezwungen wurden, “den Schrecken der Hölle zu durchleben”, und daß von diesen Tatsachen kaum ein Wort in den Zeitungen erschienen sei. Dr. Hertz fuhr fort, die jüdische Gemeinschaft habe nicht die Stimme er- hoben, wie sie es hätte tun sollen, und es sei beschämend, die Apathie und Hartherzigkeit zu entdecken, mit der bestimmte Teile des Judentums diesem Unglück begegnet seien. Er beschrieb detailliert einige der Verbrechen, die begangen worden waren. Er sagte, obwohl die Pogrome in der Ukraine aufgehört hätten, gäbe es etwa 600.000 Kinder ohne Heim, 150.000 Halbwaisen und 35.000 Vollwai- senkinder in der Ukraine, die an Kälte, Hunger oder Krankheit sterben wür- den, wenn nicht jüdische Herzen menschlich blieben und zur Hilfe eilten.« 149 2. Dokumente New York Times, 3. Mai 1920, S. 11 Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 150 New York Times, 5. Mai 1920, S. 9 Anhang: 2. Dokumente 151 N ew Y o rk T im e s , 1 . M a i 1 9 2 0 , S . 8 Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 152 New York Times, 5. Mai 1920, S. 19 Anhang: 2. Dokumente 153 New York Times, 21. April 1926 Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 154 New York Times 7. Mai 1920, S. 11 21. April 1920, S. 8 Anhang: 2. Dokumente 155 New York Times, 3. Mai 1920, Leitartikel, S. 12 Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 156 New York Times 12. November 1919, S. 7. 6. Dezember 1926, S. 1. Anhang: 2. Dokumente 157 New York Times, 4. Dezember 1926 Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 158 R e s u m e o f A c t i v i t i e s o f t h e J o i n t D i s t r i b u t i o n C o m m i t t e e f o r L e s s i n g J . R o s e n w a l d f r o m F e l i x M . W a r b u r g , 2 1 . N o v e m b e r 1 9 3 5 Anhang: 2. Dokumente 159 Morris Engelman, Fifteen Years of Effort on Behalf of World Jewry, New York: Ference Press, 1929, S. 7 Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 160 Morris Engelman, Fifteen Years of Effort on Behalf of World Jewry, New York: Ference Press, 1929, S. 9 Anhang: 2. Dokumente 161 Morris Engelman, Fifteen Years of Effort on Behalf of World Jewry, New York: Ference Press, 1929, S. 23 Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 162 M o r r i s E n g e l m a n , F i f t e e n Y e a r s o f E f f o r t o n B e h a l f o f W o r l d J e w r y , N e w Y o r k : F e r e n c e P r e s s , 1 9 2 9 , S . 3 5 Anhang: 2. Dokumente 163 Morris Engelman, Fifteen Years of Effort on Behalf of World Jewry, New York: Ference Press, 1929, S. 10 Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 164 Morris Engelman, Fifteen Years of Effort on Behalf of World Jewry, New York: Ference Press, 1929, S. 39 Von rechts nach links: Felix Warburg von Kuhn & Loeb, New York, und zu- gleich Vorsitzender des Joint Distribution Committee; Max Warburg von der Warburg-Bank in Hamburg; Dr. Cyrus Adler, Mitglied des Exekutivausschus- ses des Joint Distribution Committee; Rev. H. Pereira Mendes; Morris Engel- man, Mitglied des Exekutivausschusses des JDC. Anhang: 2. Dokumente 165 »Aus Übersee rufen sechs Millionen Männer und Frauen um Hilfe […] sechs Millionen Menschen. […] Sechs Millionen Männer und Frauen sterben […] im drohenden Holocaust des menschlichen Lebens […] sechs Millionen ausgehun- gerte Männer und Frauen. Sechs Millionen Männer und Frauen sterben […]« The American Hebrew, 31. Oktober 1919, S. 582f. Martin H. Glynn war zwischen dem 17. Oktober 1913 und dem 31. Dezember 1914 zeitweise Gouverneur des Staates New York. Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 166 »Verläßlichen Informationen zufolge wurden mehr als 700.000 Menschen Opfer der Österreicher und Bulgaren. […] Frauen, Kinder und alte Männer wurden von den Österreichern in den Kirchen eingesperrt und entweder mit dem Bajo- nett erstochen oder durch Atemgiftgase erstickt.« The Daily Telegraph, March 22, 1916, p. 7 The Daily Telegraph, 25. Juni 25 1943, S. 5 The Jewish Press, 21. February 1991 Anhang: 2. Dokumente 167 »Deutsche stellen Zyklon B im Irak her […] (Iraks von Deutschen gebaute Gaskammer)« Response, 12. Jg., Nr. 1, Frühling 1991 168 Bibliographie –American Jewish Committee, The Jews in the Eastern War Zones, New York: Selbstverlag, 1916 –American Jewish Relief Committee, Proceedings of Chicago Conference of the Ameri- can Jewish Relief Committee held on September 24-25, 1921 –Yehuda Bauer, My Brother’s Keeper. 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The autobiography of Stephen Wise, New York: Putnam’s Sons, 1949 –The World Almanac and Encyclopedia 1900, New York: The Press Publishing Co., 1900 –The World Almanac and Encyclopedia 1920, New York: The Press Publishing Co., 1919 171 Namensverzeichnis Es wurden nur Namen natürlicher Personen aufgenommen. Einträge aus Fußnoten sind kursiv gesetzt. — A — Adler, Cyrus: 137, 164 Ager, John G.: 146 Asch, Sholem: 62, 63 Auerbach, Berthold: 22 — B — Backe, Herman: 55 Balfour, Arthur James: 41, 50, 53, 58, 105, 106, 107, 109 Ballin: 127 Bamberger, Simon: 28 Bannard, Otto T.: 146 Battle, George Gordon: 146 Bauer, Jehuda: 40, 44, 62, 71, 87, 101, 105 Becker, James H.: 88 Benfey: 22 Benz, Wolfgang: 7, 8 Berendsohn, Walter A.: 11 Berija: 98 Bernary: 22 Bey, Reschid: 108 Billikopf: 67 Black, Edwin: 110 Boerne: 22 Bogen, Boris B.: 63, 66, 144 Bolivar, Simon: 57 Booth, Evangeline: 146, 147 Borochow, Dov Ber: 85, 86 Brandeis, Louis D.: 83, 121, 132 Bronfman, Edgar M.: 115 Broszat, Martin: 7 Brown, David A.: 73, 81, 82 Brylawski, Fulton R.: 47 Bucharin, Nikolai: 97 Buddha: 57 Bulganin: 97 Burch, Luther B.: 146, 147 Burrell, David J.: 146 Butler, Nicholas Murray: 146 Butz, Arthur R.: 9, 11, 55, 56 — C — Cadman, S. Parker: 146, 147 Cardozo, Benjamin: 83 Carnegie, Andrew: 52 Chernow, Ron: 27, 28, 33, 46, 47, 65, 84, 88, 107 Chruschtschow, Nikita: 95, 96 Churchill, Winston S.: 40, 56, 106 Clark, Champ: 34 Clinton, William J.B.: 115 Cohen, Naomi W.: 28, 40 Conquest, Robert: 102 Cooke, Robert Grier: 146 Cravath, Paul G.: 146 Czillac: 23 — D — Dernberg: 22 Dessoir: 23 Dodge, Cleveland H.: 146 Dreyfus, Alfred: 111 Duranty, Walter: 133 — E — Ehrenburg, Ilja: 8 Einstein, Albert: 107 Enelow, H.G.: 118, 119 Engelman, Morris: 42, 44, 47, 159, 160, 161, 162, 163, 164 Engels, Friedrich: 94 Ense: 22 Ernst: 23 — F — Feisal, König: 105 Fisher, Harry: 147 Frank, Leo M.: 35, 36 Frankfurter, Felix: 84 Friedlander, Israel: 147 Frisch, Ephraim: 26 — G — Gallatin, Francis D.: 146 Gans: 22 Gelfman, Gesia: 32 George, Lloyd: 106 Getty, John Arch: 98 Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 172 Giuglini: 23 Glynn, Martin H.: 40, 165 Goldberg, David J: 85, 86 Goldberg, Jonathan Jeremy: 20 Goldman, Nahum: 78 Goldstein, Judith: 30, 31, 32, 33, 34 Gorki: 97, 98 Gotheil, Gustav: 51 Greenebaum: 82 Grisi: 23 — H — Haas, Jacob de: 40, 106 Hahn Warburg, Lola: 110 Hahn, Michael: 27 Halevy: 23 Halpern, George: 109 Handlin, Oscar: 27, 46 Hayes, Patrick J.: 146, 147 Hearst, William Randolph: 21, 34 Heddesheimer, Don: 11, 12, 13, 16, 19 Heine, Heinrich: 22 Hertz, Henrik: 22 Hertz, Joseph H.: 10, 68, 148 Herz: 22 Herzl, Theodor: 26, 107, 108, 109, 110, 111 Hess, Rudolf: 98 Himmler, Heinrich: 55 Hirsch, Baron de: 27 Hitler, Adolf: 10, 13, 14, 55, 57, 78 Hoffmann, Joachim: 8 Hohenzollern, Wilhelm II. von: 47, 50 Hoover, Herbert: 74, 136, 137 House, Edward Mandell: 53 Hyman, Joseph C.: 39, 103, 104, 108 — I — Ignajiew: 128 Irving, David: 9, 169 Ivers, Gregg: 31, 36, 51, 113 Iwan der Schreckliche: 102 — J — Jagoda, Genrich: 97, 98 Janin, Jules: 23 Jeremia: 111 Jeschow, N.I.: 98 Jesus:56, 57 Joachim: 23 John, Robert: 106 — K — Kaganowitsch Stalin, Rosa: 95, 96, 97 Kaganowitsch, Lazar: 95, 96, 97, 102 Kahan, Stuart: 95, 96, 97, 99 Kahn, Albert E.: 98 Kahn, Alexander: 50 Kamaiky, Leon: 50 Kamenew: 98 Kass, Maurice: 147 Kautsky, Karl: 94 Kennan, George: 30 Kerenski: 132 Kipling, Rudyard: 48 Kirow: 97 Knox, US- Außenminister: 34 Kook, Abraham: 85 Koscherowitz: 95, siehe Kaganowitsch, Lazar Krass, Nathan: 68 Kraus, Adolf: 65, 66 Krylenko, sowjetischer Chefankläger: 92 Kuhn, Abraham: 28, 30, 65, 87, 164 Kuibyschew: 97 — L — Lampert, Samuel C.: 146 Lasker: 24 Lassalle, Friedrich: 94 Lawrence, Thomas E.: 105 Lazarus: 22 Leavitt, Moses A.: 104 Lehman, Eugene: 51 Lehman, Herbert: 46, 65, 66 Lenin, Wladimir I.: 92, 93, 94, 102 Levy: 24 Loeb, Solomon: 28, 30, 65, 87, 164 Loeb, Theresa: 28 London, Meyer: 42, 43, 118, 119 Lowenstein, Harriet: 42, 61, 136, 137, 138, 139 Lucas, Albert: 47 Lunatscharski, Anatole: 93 Luther, Martin: 48, 57 — M — MacDonald, James: 54 Mack, Julian W.: 130 Maimonides: 26 Mann, Thomas: 11 Manning, Bishop: 76 Manning, Roberta T.: 98 Marling, Alfred E.: 146 Marshall, Felix: 42 Marshall, Louis: 33, 36, 42, 43, 47, 50, 71, 72, 75, 76, 82, 107, 118, Namensindex 173 119, 130, 137 Martine, Senator: 43 Marx, Karl: 94, 95 May, Irma: 73, 74 Mayer, Arno: 112 Meier, Julius: 28 Mendelssohn, Moses: 85, 110 Mendelssohn-Bartholdy: 23 Mendes, H. Pereira: 164 Menschinsky: 97 Meyer-Beer: 23 Mitchell, John: 52 Molotow, Wiatscheslaw: 94, 97 Mooney, Joseph F.: 146, 147 Morgenthau, Henry, Jr.: 11, 61 Morgenthau, Henry, Sr.: 42, 47, 61, 62, 68, 139, 140 Morrissey, Evelyn: 102, 103 Morton, Oliver: 20 Moscheles: 23 Moses, Alexander: 28 Moses, Franklin J.: 28 Moskowitz, Henry: 82 Mulqueen, Joseph F.: 146 — N — Napoleon: 34 Neander, Johann August Wilhelm: 22 Nedava, Joseph: 87 Nordau, Max: 109, 110 — O — Ochs, Adolf: 31, 36, 54, 84 — P — Parker, Richter: 137 Pershing, John J.: 75 Phagan, Mary: 35, 36, 37 Pine, Max: 147 Pollard, Jonathan: 37 Ponsonby, Arthur: 48, 49 Prince, S.S.: 146 Protopopow, Alexander: 45 — R — Rachel: 23 Ravage, Marcus Eli: 111 Reading, Baron: 127 Resis, Albert: 94 Richards, Bernard J.: 130 Roosevelt, Franklin D.: 46, 56 Roosevelt, Theodore: 29, 30, 33 Root, Elihu: 34 Rosen, Joseph A.: 88 Rosenberg, Alfred: 98 Rosenblatt: 67 Rosenwald, Julius: 89, 158 Rothschild, Baron Edmund de: 50, 84, 85, 105, 109, 127 Rothschild, Familie: 28 Rott: 23 Rubinstein: 23 Rudolf, Germar: 7, 8 — S — Sabin, Charles H.: 146 Samuels, Herbert: 127 Sanning, Walter N.: 8 Saul, Norman E.: 33 Sayers, Michael: 98 Schachner, Nathan: 41, 45 Schdanow: 97 Schiff, Familie: 33 Schiff, Jacob: 28, 29, 30, 32, 34, 40, 42, 43, 46, 63, 118, 119 Seligman, Arthur: 28 Shavit, Ari: 19 Sinowjew: 98 Slaton, John: 36 Smith, Alfred: 75, 76 Sniegoski, Stephen J.: 19 Sokolow, Nahum: 85, 86, 109, 110, 111 Solomon, Edward S.: 27 Sousa, John Philip: 48 Stahl: 22 Stalin, Josef: 8, 15, 16, 56, 62, 93, 94, 95, 96, 97, 98, 102 Stern, Nathan: 146 Steuer, Max: 81, 82, 83 Stöcker: 23 Stockhammer, Morris: 95 Strauss, Lewis: 136 Strauss, Oscar: 47 Sumner, Charles: 20 Syrkin, Nachman: 85 — T — Taft, William Howard: 33, 34 Talbott, Strobe: 95, 96 Tarshis, Jacob: 78 Tenenbaum, Joseph: 14 Tompkins, Arthur S.: 75 Traverso, Enzo: 85, 86, 88, 95 Treitschke, Heinrich von: 23 Trotzki, Leon: 86, 87, 93, 97, 98 — U — Unterberg, I.: 146 Untermeyer, Samuel: 78 Don Heddesheimer, Der Erste Holocaust 174 — V — Vaksberg, Arkady: 62, 88 Valentin: 22 — W — Wagner, Richard: 48 Walter Laqueur: 95, 99 Warburg, Aby: 115 Warburg, Familie: 27, 33, 115 Warburg, Felix: 28, 39, 42, 45, 46, 47, 50, 59, 60, 61, 68, 72, 82, 83, 84, 85, 88, 107, 110, 115, 135, 136, 158, 164 Warburg, Fritz: 45 Warburg, Max: 29, 60, 106, 115, 164 Warburg, Paul: 28, 29, 45, 63 Washington, George: 57 Weil: 22 Weisz, Joseph Hirsch: 51 Weizmann, Chaim: 11, 54, 107, 109, 110, 133 Wertheim, Jacob: 43 Wesley, John: 57 Wickersham, George W.: 146 Widhams, William H.: 146 Wilson, Luther B.: 146 Wilson, Woodrow: 29, 33, 34, 35, 42, 43, 44, 49, 53, 58, 64, 65, 129, 130, 134 Wise, Stephen S.: 40, 49, 51, 52, 53, 54, 55, 56, 57, 64, 84, 105, 106, 108, 115, 117, 121, 130, 132, 133 Wolf, Simon: 20 Woroschilow, Kliment J.: 97 — Z — Zukerman, William: 101 Zunz, Leopold: 23

 

http://ia341212.us.archive.org/3/items/DerErsteHolocaust2004175S..pdf/HeddesheimerDon-DerErsteHolocaust2004175S..pdf

Published on March 9, 2009 at 3:21 am  Leave a Comment  

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